2. Teil (Fortsetzung des 1. Teils zum gleichen Thema siehe Beitrag unterhalb des nachfolgenden)

von B.B. (Name auf eigenen Wunsch nicht genannt) und Horst Köhler

 

Im Artikel „Erwachen frei lebender europäischer Landschildkröten aus der Winterstarre“ (unmittelbar darunter stehender Bericht) wurde die Schildkrötenfreundin B.B. zitiert, die die ersten Schildkröten Testudo graeca nach der Winterruhe einige Kilometer östlich von Antalya schon am 20. Februar 2008 beim Fressen beobachten konnte. Auch in den Jahren davor fand sie etwa zur gleichen Jahreszeit vereinzelt juvenile Tiere; sie waren immer besonders zutraulich.

In diesem Jahr (2010) suchte B.B. das gleiche Gebiet bereits eine Woche früher zur Schildkrötensuche auf, und zwar vom 7. bis 14. Februar. In den ersten Tagen ihres Aufenthaltes regnete es noch sintflutartig und es war relativ kühl. So stieg das Thermometer am Ankunftstag (7.2., einem Sonntag) nur bis auf 11 °C, zwei Tage später wurden dann immerhin schon 16 °C erreicht – mit einem allerdings wieder sehr kühlen Tag danach. In der Nacht war der Tiefstwert am 7.2. ungefähr 5 °C, zwei Tage später 7 °C. Die Niederschläge wären am 7. und 8.2. mit je 65 bis 70 mm Regen sehr hoch, doch danach wurde es trocken - und zunehmend wärmer. Am  Abreisetag (14.2.) wurden 19 °C erreicht, mit steigender Tendenz.

B.B. schreibt: „Tatsächlich haben wir ab dem 11.2. bis zu unserem Abreisetag die ersten Schildkröten nach ihrer Winterstarre außerhalb ihrer Verstecke gefunden. Die Temperaturen erreichten am Tag 18 - 20 °C, nachts gingen sie aber auf etwa 10 - 12 °C zurück. Einmal maßen wir auch die Bodentemperatur in 10 cm Tiefe: sie betrug 15 °C.

Bis auf wenige Ausnahmen ist die Bodenfeuchte in der Gegend sehr hoch, da die Regenzeit von November bis Januar dauert. Wir fanden in dem Dünengelände direkt am Meer viele Wasserlachen und kleine Tümpel“.

Von einer trockenen Winterstarre kann also zumindest in diesem Vorkommensgebiet von Testudo graeca keine Rede sein.

 

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Bild 1: Adulte Testudo graeca, aufgenommen am 13. Februar 2010, unmittelbar nach dem Erwachen aus der Winterstarre. Im Hintergrund eine typische Strand- und Dünenlandschaft direkt am Mittelmeer (rechts hinten als diffuser Streifen gerade noch zu erkennen). Solche Biotope zählen wohl zu den extremsten Vorkommensgebieten von europäischen Landschildkröten.

 

Frau B.B. fand in der Zeit zwischen dem 11. und 14.2.2010 nur Schlüpflinge aus dem Vorjahr (Bild 1), ein einzelnes Jungtier wahrscheinlich aus 2008 und etliche ältere Schildkröten mit Gewichten zwischen 1,2 und 1,7 kg (Bild 2). Juvenile Schildkröten im Gewichtsbereich zwischen 50 g und 1 kg sah sie während ihres Aufenthaltes in der Region nicht. Ob die Tiere dieser Gewichtsklasse erst später aus der Winterstarre erwachen oder ob es größere Verluste gegeben hat (zu dieser Ansicht neigt B.B.), kann nicht mit Sicherheit festgestellt werden, da für eine solche Aussage der Aufenthalt von Frau B. um mindestens eine Woche zu kurz war.

 

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Bild 2: Trotz des relativ mageren Nahrungsangebotes in dem Dünenbiotop leben in ihm zahlreiche Landschildkröten unterschiedlichen Alters (sowie Schlangen). Diese Dreiergruppe entdeckte Frau B. am 14.2. um die Mittagszeit. Der kleinste in dieser Zeit gefundene Schlüpfling wog gerade mal 8 Gramm. Beide Fotos von B.B.

 

Aussage von B.B. über die Dauer der Winterruhe in dem von ihr vielfach besuchten Gebiet: „Nach unseren Beobachtungen der letzten sechs Jahre halten frei lebende Schildkröten in der Südtürkei einen Winterschlaf von 2 ½ bis 3 ½ Monaten.“

 

Dieser Artikel wurde am 16. Mai 2010 online gestellt.

 

1. Teil (der 2. Teil des Beitrages findet sich darüber)

von Horst Köhler, Friedberg

Dauer der Winterruhe
Das Erwachen von europäischen Landschildkröten im Frühjahr beendet die Winterstarre (Winterruhe, Hibernation), die bei ausgewachsenen Tieren mehrere Monate betragen kann. In der populärwissenschaftlichen Literatur sind allerdings unterschiedlich lange Dauern der Winterruhe zu finden, wobei die meisten Autoren für Alttiere bis zu fünf Monate angeben, einige sogar noch mehr. Einige Beispiele: so empfiehlt R. Zirngibl [1] eine 5 ½ Monate lange Hibernation (die Zahlen in eckigen Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis am Ende des Beitrages) und auch W. Adam überwintert seine Tiere fünf bis sechs Monate lang [2]. Dies würde bedeuten, dass bei einem Beginn der Winterruhe Anfang November das Auswintern erst im darauffolgenden April erfolgt. Derart lange Überwinterungszeiten dürfen allerdings meiner Meinung nach nicht für alle Arten und Standortvarianten verallgemeinert werden. Schon P. Kölle wies 1999 darauf hin, dass im natürlichen Habitat die Winterruhe der europäischen Landschildkröten je nach Art und geographischer Verbreitung zwischen fünf Monaten (Vierzehenschildkröte, Agrionemys horsfieldii) und nur wenigen Wochen (Nordafrikanische Unterarten der Maurischen Landschildkröte, z.B. Testudo graeca graeca) dauern kann [3]. Von Breitrandschildkröten (Testudo marginata) ist bekannt, dass sie in der Natur später als andere Arten in die Winterstarre verfallen und auch früher wieder wach werden. Ihre Winterruhe ist somit kürzer als die von Griechischen oder Maurischen Landschildkröten. Auch der bekannte Schildkröten-Experte Andy C. Highfield aus Wales (UK) spricht sich gegen (zu) lange Überwinterungen aus: seine Empfehlung für die Schildkrötenhaltung lautet für gesunde Tiere maximal 20 Wochen (also höchstens fünf Monate), für Schildkröten mit suboptimalem Gesundheitszustand und/oder Gewichtsdefizit aber in jedem Falle weniger [4]. Er warnt davor, europäische Landschildkröten länger als höchstens bis Ende März in der Winterstarre zu halten; ansonsten drohen deutlich zunehmende Verluste.

 

Situation im natürlichen Lebensraum
Es ist wichtig, dass die Empfehlungen für die Pflege von Landschildkröten, und dazu gehört auch die Hibernation, durch verlässliche Beobachtungen im natürlichen Lebensraum abgesichert sind, ein zentrales und wichtiges Anliegen dieser Website. Doch es scheint hier an entsprechenden Tier- und Biotopbeobachtungen zu fehlen. Der Grund: weder zu Beginn der Hibernation im November noch zum Zeitpunkt des Erwachens der Tiere im zeitigen Frühjahr ist Saison für Reisen nach Südeuropa. Entsprechend selten sind in der Literatur aussagekräftige, ernst zu nehmende Beobachtungsberichte von Schildkröten-Beobachtern vor Ort. Highfield schreibt weiter, dass im Biotop „unserer Schildkröten" die Hibernation selten über 10 bis 12 Wochen hinausgeht. Allerdings erwähnt er leider nicht, welches Biotop in Europa er dabei meint.

Also, stimmen solche Angaben? Sollen oder müssen wir die Hibernation unserer Pfleglinge auf höchstens drei Monate begrenzen? Ich möchte versuchen, dieser Frage anhand von zwei gesicherten Beobachtungen nachzugehen und zumindest eine Teilantwort zu finden.

 

Beispiel 1: Hibernation und Erwachen europäischer Landschildkröten in Bulgarien
Eine sehr umfangreiche und aussagekräftige Arbeit mit zahlreichen instruktiven Aufnahmen zu diesem Thema stammt von I. E. Ivanchev aus Sofia, Bulgarien [5]. In einem eingegrenzten etwa 2.000 m2 großen Schutz- und Forschungsgelände innerhalb eines 80 km2 großen Schildkrötenhabitats, etwa in der Mitte der bulgarischen Schwarzmeerküste, rund 450 km östlich von Sofia in der Nähe der Stadt Burgas gelegen, leben wilde Griechische und Maurische Landschildkröten ganzjährig, also auch im Winter, im Freien und in engster Nachbarschaft (Bild 1). Der bulgarische Autor hat 46 Exemplare aus beiden Arten während vier aufeinanderfolgenden Überwinterungsperioden beobachtet und dabei die Gewichte der Tiere und die Temperaturen in den Überwinterungshöhlen mit Hilfe von Thermologgern registriert. Alle drei Stunden wurden Temperaturen gemessen: die Innentemperaturen etwa auf Schwanzhöhe der vergrabenen Tiere, die Umgebungstemperaturen über dem Überwinterungsquartier am Boden. Das Ergebnis: die mittlere Überwinterungsdauer von Testudo hermanni boettgeri innerhalb eines Winters war 147 Tage (21 Wochen), wobei der früheste beobachtete Hibernationsbeginn der 31. Oktober und der späteste der 13. Dezember war. Die ersten T. h. boettgeri wachten am 3. April, die letzten am 29. April auf.

 

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Bild 1: Eines der wenigen Bilddokumente die zeigen, wie eng im freien Lebensraum Griechische und Maurische Landschildkröten zusammenleben können. Es handelt sich hier nicht um ein gestelltes Bild oder um Tiere in einem eingegrenzten Gehege, sondern um einen offenen Schildkrötenbiotop in Bulgarien am Schwarzen Meer. Fast ein halbes Hundert Tiere aus diesen beiden Arten gingen in die angesprochene Winterstarre-Studie ein. Foto: Ivo Ivanchev, Gea Chelonia Foundation, Bulgarien.


Die durchschnittliche Hibernationsdauer von Testudo graeca ibera im gleichen Aufzeichnungsjahr war mit 139 Tagen (ca. 20 Wochen) um eine Woche kürzer, das früheste Hibernationsende wurde am 19. März und das späteste am 20. April verzeichnet. Interessant auch das Ergebnis der Temperaturaufzeichnungen: die mittleren Temperaturen in den Überwinterungsgruben lagen bei 4,3 bis 6,1 °C bei durchschnittlichen Bodentemperaturen (außen) von 0,4 bis 5,5 °C. Bemerkenswert dabei ist, dass es in den teilweisen sehr strengen bulgarischen Winterwochen in den Überwinterungshöhlen zu Minustemperaturen kam, wobei die Werte bis zu 13 Tage lang konstant unter Null lagen.

Die beobachteten Hibernationsdauern von 147 bzw. 139 Tagen bedeuten, dass die bulgarischen Landschildkröten in ihrem bei etwa 44 Grad südlicher Breite gelegenen Freigelände eine durchschnittliche Winterstarre von 4 ½ bis fast 5 Monaten einhalten, gerechnet ab dem Tag, an dem die Tiere permanent unter der Oberfläche eingegraben bleiben. Haben also, wenn wir uns an die obigen Ausführungen erinnern, unsere (deutschen) Autoren Recht, wenn sie in ihren Schildkrötenbüchern und -Aufsätzen Winterruhen in dieser Länge für die in menschlicher Obhut gehaltenen europäischen Landschildkröten vorschlagen? Wenn ja, wie steht es aber dann mit der Aussage von A. C. Highfield, nach der die Winterruhe wild lebender Schildkröten angeblich selten über 8-12 Wochen hinausgehen soll?

 

Beispiel 2: Hibernation und Erwachen türkischer Landschildkröten (Testudo graeca ibera)
Dank einer mir gut bekannten schildkrötenbegeisterten Türkei-Reisenden, Frau B. (sie hat gebeten, ihren Namen hier nicht zu nennen), die wegen ihres Hobbys bewusst außerhalb der üblichen Touristen- und Badesaison wiederholt im Spätherbst (z.B. November 2009) und im sehr zeitigen Frühjahr (im Februar 2008 und - aktuell - Anfang Februar 2010) Schildkrötenpopulationen sowohl bei der Vorbereitung zum Winterschlaf als auch beim Erwachen aus der Winterstarre studiert, sind interessante Aussagen zumindest für die Unterart Testudo graeca ibera in einem Vorkommensgebiet etwas östlich von Antalya (bei etwa 37 ° nördlicher Breite) möglich.

Im Oktober sind dort zahlreiche Schildkröten, vorzugsweise die älteren, noch den ganzen Tag über aktiv und ziehen sich erst gegen 16 Uhr in ihre Schlafplätze zurück. Im November kann es an der Türkischen Riviera wegen des noch warmen Mittelmeeres tagsüber recht mild sein. So stiegen die örtlichen Tages-Höchsttemperaturen in der letzten Novemberwoche 2009 bis auf 22 °C - wenige Tage zuvor wurden sogar 26 °C registriert. Die nächtlichen Tiefsttemperaturen lagen zur gleichen Zeit jedoch nur noch bei 8 °C. Dies dürfte auch der Grund dafür sein, dass Frau B. in den letzten Novembertagen 2009 in der Schildkröten-Region keine Schildkröte mehr auffinden konnte. Allerdings bemerkte sie zahlreiche, noch relativ frische Kriechspuren, die vermutlich von der wärmeren Vorwoche stammten.

Im Jahr zuvor hatte Frau B. „ihr" südtürkisches Schildkröten-Biotop eine Woche früher besucht. In der Woche zwischen dem 15. und 23. November 2008 kletterte das Thermometer tagsüber nur noch auf 12 °C. In dieser Zeit fand die Beobachterin in den Mittagsstunden vereinzelt ältere Tiere - und nur noch zwei Schlüpflinge, die allerdings noch sehr aktiv und jeden Tag mindestens zwei Stunden lang zu beobachten waren (Bild 2). Jüngere Schildkröten und Schlüpflinge scheinen sich in der Regel früher als ältere Tiere in ihre Überwinterungsgruben zurückzuziehen. Dies zeigt sich auch daran, dass man im Dezember, wenn überhaupt, ausschließlich nur vereinzelte, sehr große und damit entsprechend alte Schildkröten sichtet.
Dass in einem Jahr trotz eines etwas früheren Beobachtungszeitpunktes im November bei kühler Witterung noch Tiere zu sehen waren, im anderen Jahr eine Woche später trotz milder Außentemperaturen aber nicht mehr, zeigt, dass für den Beginn der Winterruhe neben den Temperaturen noch andere Faktoren (Tagesdauer, Sonneneinfallswinkel, auch hormonelle Vorgänge) eine entscheidende Rolle spielen.

 

BognerBild2Bild 2: Vom 20. November 2008 stammt diese Aufnahme der beiden Schlüpflinge, die Frau B. trotz herbstlicher Temperaturen von maximal nur noch 12 °C in den Mittagsstunden jeden Tag auf ihrem sanddünenartigen Gelände wiederfand und beobachtete. Die Nabelöffnung der beiden war bereits völlig geschlossen, d.h. man kann von einem Schlupf im Zeitraum Ende September/Mitte Oktober ausgehen. Foto: B.B.

 

 

 

 

 

 

 

 

Auswinterung der Maurischen Landschildkröten bei Antalya
Am Ende der Winterruhe sind die Temperaturen entscheidend dafür, wann die ersten Schildkröten ihre Winterquartiere verlassen. Bei mildem Wetter hat Frau B. schon am 20. Februar Tiere bei der Futteraufnahme beobachten können, zumindest in den Mittagsstunden. Wird es dann in den folgenden Tagen nochmals kühler, ziehen sich die Schildkröten wieder in ihre Verstecke zurück. Im Allgemeinen steigen die Temperaturen in der zweiten Februarwoche im Raum Antalya auf 16 °C, nachts liegen die Tiefstwerte um 6 °C (beides sind langjährige Mittelwerte). Der Monat Februar ist in der Region mit ca. 170 mm Niederschlag (langjähriges Mittel) nach dem Dezember (270 mm) und dem Januar (250 mm) der dritt feuchteste Monat des Jahres, doch von Jahr zu Jahr können teilweise markante Abweichungen auftreten. So hat es nach den Berichten von Frau B. bei ihren letzten Februar-Besuchen zum Beispiel kaum geregnet, dafür kann ein kalter Wind aus dem Norden blasen: dann sind die Maurischen Landschildkröten dieser Region selbst bei Sonnenschein nur an entsprechend geschützten Stellen zu sehen.

 

BognerBild1Bild 3: Schlüpfling von Testudo graeca ibera, aufgenommen am 1. März 2008 im Schildkrötenbiotop östlich von Antalya, Südtürkei. Die Nabelöffnung ist vollständig geschlossen; dies spricht dafür, dass dieses Jungtier bereits Ende des Vorjahres geschlüpft ist und auch erste Nahrung zu sich genommen hat. Aber auch eine Überwinterung in der Nisthöhle kann nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Foto: B.B.

 

 

 

 

 

 

 

 

In der ersten Märzhälfte, wenn im Raum Antalya die regenarme Zeit beginnt, scheint die Winterruhe der dortigen Schildkröten wohl endgültig beendet zu sein. So fand die Beobachterin in dieser Zeit in ihrem nicht allzu großen Beobachtungsgebiet im Jahr 2008 etwa zehn Tiere im Alter von etwa 6 bis 12 Monaten, fünf zweijährige Schildkröten und mindestens 100 (!) ältere Tiere (siehe das von Frau B. am 1. März aufgenommene Schildkrötenfoto einer älteren Testudo graeca ibera im Bericht „Nochmals zum Thema Standorttreue" in der Rubrik „Interessante Publikationen" dieser Website. Schlüpflinge führen immer ein verstecktes Dasein: sie sind um diese Zeit allenfalls zwischen 11 und 13 Uhr zu sehen, aber dafür immer an den gleichen Stellen. Auffällig ist, dass im zeitigen Frühjahr Tiere zwischen 3 und etwa 10 Jahren kaum vertreten sind. Sollte vielleicht die natürlich Auslese in dieser Altersgruppe (durch Tod während der Winterstarre, Beute von Wildschweinen, verwilderten Hunden, Schlangen, Greifvögeln usw.) besonders stark sein?

 

Beobachtungsergebnis und Fazit für die häusliche Schildkrötenpflege
Bei der gleichen Schildkröten-Unterart (T. graeca ibera) beträgt die beobachtete Hibernationsdauer der Tiere in Bulgarien bei Burgas am Schwarzen Meer 5 Monate, die ihrer Artgenossen sieben Breitengrade südlicher im Raum Antalya jedoch nur etwa 3 1/2 Monate (Mitte November bis Ende Februar). Das heißt, wenn spätestens Mitte März alle Maurischen Schildkröten im südtürkischen Biotop ihre Winterruhe endgültig beendet haben, befinden sich praktisch alle bulgarischen T. graeca ibera noch in der Winterstarre (das sehr unterschiedliche Formenreichtum von T. graeca ibera gilt als bisher noch nicht ganz geklärt; durchaus möglich, dass darunter auch Unterarten sind, die erst noch beschrieben werden müssen). Hauptausschlaggebend für das frühere Erwachen der Tiere in der Südtürkei dürfte meiner Meinung nach das feuchtere und gleichzeitig wärmere Klima bei Antalya sein. Dies zeigen die meteorologischen Langzeit-Mittelwerte für den Monat März sehr deutlich:
Antalya: Temperaturen max. 16 °C, min. 8 °C, 100 mm Regenfall
Burgas: Temperaturen max. 9 °C, min. 2 °C, 50 mm Regelfall.

Einschränkend muss dazu freilich gesagt werden, dass offizielle meteorologische Langzeitwerte nicht unbedingt repräsentativ für die Situation im oft geschützten Schildkröten-Mikrolebensraum sind. Der von Meteorologen im Freien gemessene Regenfall wird im Schildkröten-Biotop durch die über den Überwinterungshöhlen befindlichen Pflanzen, Büschen und Bäumen zumindest teilweise abgehalten, so dass es in den Überwinterungshöhlen der Schildkröten nicht so feucht ist, wie man aus den Zahlen für den Regenfall in einer Region folgern könnte. Andererseits sind offensichtlich nicht alle Schildkröten-Überwinterungsgruben von den klimatischen Winter-Kapriolen geschützt. So hat der oben erwähnte bulgarische Herpetologe Ivan Ivanchev bei gelegentlichen Feuchtigkeitsmessungen am Boden direkt über hibernierenden Landschildkröten rund 50 % registriert. In den Höhlen selbst wurde meines Wissens leider noch nie kontinuierlich die Winter-Feuchtigkeit gemessen, doch Ivanchev berichtete mir, dass er bei Kontrollen mitten im Winter viele schlafende Schildkröten vorgefunden hat, die derart nass waren, dass er sich wunderte, dass sie noch lebten [6]. Vor allem dann, wenn die Überwinterungsverstecke auf ebenem Boden oder gar in Mulden und nicht in einem leichten Hügel liegen, droht manchen Schildkröten, vor allem bei starken Regenfällen oder bei den Schnellschmelzen, der Tod durch Ertrinken.

Was können wir aus all dem für den Zeitpunkt des Auswinterns unserer europäischen Landschildkröten lernen? Eine sicherlich nicht einfache Frage, zumal die beiden hier ausgewerteten Beobachtungen an nur zwei Standorten von der Zahl her nicht repräsentativ sein können.
Da die meisten Schildkrötenfreunde ihre Tiere kühl und dabei gleichzeitig relativ trocken überwintern, ähneln die Verhältnisse etwa denen in Bulgarien. Das heißt, eine Auswinterung von 4 ½ bis höchstens 5 Monaten nach Beginn der Winterstarre erscheint durchaus artgerecht.

 

WinterstarreBild4Bild 4: Griechische Landschildkröte aufgenommen am 14. April 2007, die sich gerade aus ihrer Überwinterungsgrube imheimischen Garten in Augsburg-Friedberg, also im Freien, herausgearbeitet hatte. Obwohl die Region um diese Zeit ein ungewöhnlich warmes Frühjahr verzeichnete, ließ sich dieses Tier mit dem Erwachen sehr viel Zeit. Zum gleichen Zeitpunkt befanden sich meine eigenen Zuchttiere, die den Winter im kalten Keller verbracht hatten, bereits etwas mehr als 3 Wochen in ihrem Freigelände und hatten sich schon gepaart. Foto von Horst Köhler aus dem Buch „Aufzucht europäischer Landschildkröten-Babys".

 

 

 

Doch gleichzeitig erhebt sich die viel interessantere Frage, ob bei einer etwas wärmeren und feuchteren Überwinterung, wie sie für die Südtürkei mit ihren sehr regenreichen Wintermonaten Dezember und Januar typisch ist, die Hibernationsdauer verkürzt und damit das Auswintern in den Zeitraum Anfang März oder sogar Ende Februar vorgeschoben werden könnte – ohne bei diesen Bedingungen das Risiko eines Schildkrötenverlustes während der Hibernation zu erhöhen. Es ist auffällig, dass diese Frage im dem mir zugänglichen, auch englischsprachigen Fachschrifttum fast nicht diskutiert wird. Werden die 4 ½ bis 5 Monate als Hibernationsdauer für europäische Landschildkröten „der Einfachheit halber" als Richtschnur nur vom einen zum anderen Autor kritiklos übernommen? Oder spielt bei diesen Empfehlungen auch eine Rolle, dass Liebhaber im Allgemeinen für ihre (älteren) Tiere im Spätwinter bzw. im zeitigen Frühjahr noch keine geeignete Unterbringungsmöglichkeit haben? Nicht jeder hat schließlich im Garten ein beheizbares Schildkröten-Gewächshaus stehen, in das die Tiere schon im März verbracht werden können.

Unbefriedigend ist nach wie vor der Fragenkomplex, was die optimale Feuchtigkeit im Überwinterungssubstrat angeht. Warum gehen bei uns so manche Schildkröten während ihrer Winterruhe ein (oft und gerade auch im Kühlschrank), wenn sie in Bulgarien teilweise in halb mit Wasser gefüllten Gruben überleben? Und in der Südtürkei ist es im Winter noch feuchter... Ich möchte keineswegs dazu verleiten, das Substrat in den Überwinterungskästen per Gießkanne zu wässern, aber nachdenken und diskutieren sollte man über diesen Punkt durchaus. Ist die üblicherweise empfohlene Winterstarre bei 4 – 6 °C und relativ trockenem Substrat wirklich ideal, oder liegt die Situation im natürlichen Lebensraum der Tiere eher bei etwas höheren Temperaturen und etwas höherer Feuchtigkeit? Denken wir daran, im Raum Antalya hat es den ganzen Winter über kaum weniger als 10 °C und die Monate Dezember bis Februar sind die feuchtesten des ganzen Jahres.

Ich würde mich freuen, Rückmeldungen über Erfahrungen von jenen Schildkröten-Besitzern zu bekommen, die ihre Tiere (vielleicht auch nur versuchsweise) bei etwas höheren Temperaturen (z.B. bei 8-12 °C) in einem etwas feuchteren Substrat überwintert haben. Wenn ja, wie lange war die Hibernationsdauer und der Gewichtsverlust während der Winterruhe?

Anmerkung
Die in diesem Beitrag angegebenen Hibernationsdauern sowie Ein- und Auswinterungszeitpunkte gelten nur für semi-adulte und adulte Schildkröten mit einem Alter von mehr als fünf Jahren. Für Schlüpflinge und juvenile Tiere sind die Hibernationasdauern kürzer [7].

Literaturverzeichnis
[1] Rainer Zirngibl (2000): Griechische Landschildkröten, 1. Auflage.Ulmer/bede-Verlag Stuttgart
[2] Wolfgang Adam (1996): Überwinterung europäischer Landschildkröten im Kühlschrank. DATZ Nr. 8, S.583-584
[3] Petra Kölle (1999): Die Winterruhe gehört zur artgerechten Haltung. konkret - kleintier, Enke-Verlag, Nr. 5, S.22-23
[4] Andy C. Highfield (1998, 2010): Hibernation & Varieties of Tortoise. Tortoise Trust Web/Internet
[5] Ivo Evstatiev Ivanchev (2007): Überwinterung von Testudo hjermmanni und Testudo graeca in der Natur unter sehr naturnahen Bedingungen in Bulgarien. Schildkröten-Im-Fokus 4 (2), S.3-21
[6] persönliche Mitteilung Ivo Ivanchev vom 1.2.2010
[7] Horst Köhler (2008): Aufzucht europäischer Landschilden-Babys: vom Ei zum robusten Jungtier. Schildi-Verlag Augsburg

 

Der Beitrag wurde Anfang Februar 2010 online gestellt.

von Horst Köhler, Friedberg

 

Einleitung
Die Aufenthaltsdauer von Landschildkröten im Freigelände lässt sich durch Aufstellen eines Schildkröten-Frühbeetes, das nachträglich mit einer Heizungsmöglichkeit für kühle Nächte im Frühjahr bzw. im Spätherbst ausgestattet werden kann, erheblich verlängern. So hielten sich beispielsweise meine Sternschildkröten Ende September/Anfang Oktober 2009 trotz meist nur noch einstelliger Nachttemperaturen immer noch im Freien, genauer gesagt meist in ihrem Schutzhaus auf. Je nach Witterung durften sie an sonnigen Tagen auch stundenweise ins Freie. Die Vorteile:
(1) Das etwas lästige Hin- und Hertragen der Tiere an kühlen Tagen von draußen ins Innenquartier im Wohnhaus und das Hinaustragen ins Freigehege am anderen Tag mit den zwangsläufig damit verbundenen Temperaturwechseln entfällt (obwohl ich wiederholt die Beobachtung machte, dass ein derartiger, bei mir höchstens zwei Minuten dauernder Transport in einer ausreichend großen Box die Schildkröten kaum oder gar nicht zu stören scheint: biete ich ihnen nämlich unmittelbar nach dem Umsetzen im Freien Futter an, beginnen sie sofort mit dem Fressen; dies würden sie sicherlich nicht tun, wenn sie sich durch das Herumtragen massiv gestört fühlten).
(2) Meine Tiere haben in ihrem Beckmann-Schutzhaus etwas mehr Platz zur Verfügung als in ihrem Innenquartier in meinem Wohnhaus. Gerade bei tropischen Landschildkröten, die keine Winterruhe (Winterstarre) machen, ist anzustreben, dass sie möglichst lange im größeren Gehege zubringen.
(3) Dank des Alltop-Hauses erhalten sie die natürliche UVB-Strahlung der Sonne, auch noch im Spätherbst. Im Innengehege werden sie nur dann mit UVB bestrahlt, wenn sie sich direkt unter oder in unmittelbarer Nähe des Strahlungskegels der UVB-Lampe aufhalten.

Eine Energiekosteneinsparung bei verlängertem Außenaufenthalt sehe ich dagegen nicht. Zwar entfallen draußen zumindest im Sommer tagsüber die Kosten für Wärme- und UVB-Bestrahlung durch Lampen, doch bei kühlen Nächten mit einstelligen Temperaturen im Frühjahr und im Herbst muss das Schildkröten-Frühbeet bei einem Besatz mit Sternschildkröten beheizt werden. Auf die dabei entstehenden Stromkosten gehe ich in diesem Beitrag am Schluss noch ein.

Frühbeet-Häuser
Die Palette der für die Schildkrötenhaltung infrage kommenden Frühbeete diverser Hersteller bzw. Anbieter schwankt von einem nur etwa 30-40 € teuren, denkbar einfach gebauten Frühbeet aus dem Bauwerker- bzw. Gartenmarkt mit einer Grundfläche von etwa 1 m2 bis hin zu den optisch ansprechenden, doppelwandig verglasten Markenhäusern in Alltop-Qualität, die dann allerdings in ähnlicher Größe durchaus einige Hundert Euro kosten können. Meine Erfahrungen mit den dünnwandigen Billigpreis-Produkten sind schlecht: diese Frühbeethäuser sind nicht regen- und zugdicht, der erste starke Windstoß kann schon das Dach wegwehen und eine ausgewachsene Schildkröte ist durchaus in der Lage, bei Ausbruchsversuchen die nur lose eingehängten Seitenwände nach außen zu drücken und zu verschwinden. Was nützt es, wenn das Frühbeet nur 35 € kostet, eine teure Schildkröte dann aber auf diese Weise verloren geht? Derartige Billigprodukte müssen beim Einsatz für Schildkröten in jedem Fall durch eine nachträgliche Isolierung, Abdichtung und Stabilisierung nachgebessert werden (Köhler, 2008).

 

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Bild 1: Das Beckmann-Frühbeethaus bei maximaler Hochstellung des Deckels inmitten einer herbstlichen Gartenflora, aufgenommen Mitte September 2009. Das ausgestellte Dach kann durch Gummizüge gegen Windböen gesichert werden. An das Haus schließt sich das Freigehege mit einer Holzpalettenumfriedung an.

 

Doch auch bei den „exklusiven" Schildkröten-Häusern ist nicht „alles Gold was glänzt". Ich hatte mir im Frühjahr 2007 für etwa 340 € das Beckmann-Schildkrötenfrühbeet FT3G1AS gekauft und nach sechsstündiger (für mich etwas ungewohnter) Montagearbeit aufstellfertig gemacht. Die gesamte Verglasung besteht aus 16 mm starken, hochtransparenten und UV-durchlässigen Alltop-Plexiglas-Stegdoppelplatten. Die formschönen Aluminiumprofile, die grünen abgerundeten Kunststoffecken und letztlich die verschließbare Türe an der Vorderseite verleihen dem verwindungsfesten Produkt schon fast ein „edles" Aussehen. Durch Öffnungsstäbe lässt sich der Deckel bis zu 75 cm weit aufstellen (Bild 1), viel weiter als mit jedem automatischen Aussteller (Mistelbauer, 2007), auf dessen Kauf ich nach langem Überlegen verzichtete: einmal wollte ich die Leichtmetallprofile zur Befestigung eines Fensterhebers nicht anbohren (das "Gestänge" würde mich außerdem beim Fotografieren und Beobachten stören), zum anderen riet mir selbst der Hersteller, bei oftmaligem täglichen Öffnen des Deckels (Füttern am Morgen, Entfernen der Futterreste am Abend, Neubefüllung der Wasserschale, Entfernen von Kot, Fotoaufnahmen, Durchführung von Messungen an den Schildkröten, Ablesen von Temperatur und Feuchtigkeit im Frühbeet usw.) besser auf einen automatischen Öffner zu verzichten. Außerdem öffnet dieser schon ab einer Innentemperatur von 20 °C und damit für Sternschildkröten etwas zu früh. Zur Begründung meiner Entwscheidung muss ich allerdings erwähnen, dass ich tagsüber meist zuhause bin und daher das Dach je nach Wetterlage sofort öffnen oder schließen kann. Bei zweifelhaftem Wetter, oder wenn ich länger abwesend oder gar verreist bin, bleibt das Dach geschlossen und nur die Türe ist geöffnet.

Kommen wir nun zu den schwerer wiegenden Nachteilen des Beckmann-Frühbeetes: durch die in Bild 1 erkennbare Flachdachkonstruktion ist das Aufhängen einer Wärmelampe am Dach nicht möglich, denn bei jedem Öffnen bzw. Ausstellen des Deckels, dessen Scharniere sich an der hinteren Wand befinden, würde eine Lampe stören. Besser wäre ein Spitzdach mit zwei schräg angeordneten Hälften, von denen eine fest und die andere aufstellbar ist: an der festen Hälfte könnte dann oben im Spitz eine Lampe befestigt werden. Über einen weiteren Nachteil habe ich bereits an anderer Stelle berichtet (Köhler, 2008): die Temperatur im (geschlossenen) Beckmann-Haus erhöht sich bei sonnigem Wetter zwar sehr schnell (beispielsweise an einem schönen Frühlingstag auf fast 50 °C), nimmt aber nach Sonnenuntergang auch ebenso rasch wieder ab, so dass bereits am Abend im Inneren die niedere Außentemperatur erreicht ist. Eine Wärme-Speicherung, wie sie in den späten Abend- und Nachtstunden für Landschildkröten wünschenswert wäre, konnte ich trotz des hochwertigen Verglasungswerkstoffes nicht feststellen, obwohl das Haus nicht auf dem Gartenboden selbst, sondern auf einer 5 cm dicken Styrodur-Platte steht und innen mit einer stellenweise bis zu 25 cm hohen Substratschicht befüllt ist. Zwangsläufig musste ich daher im ersten Jahr nach dem Kauf des Schildkröten-Frühbeetes (2008) die Tiere an kühlen Abenden ins Wohnhaus holen und am folgenden Tag wieder nach draußen bringen. Das sollte im Jahr 2009 anders werden.

 

Erwärmung des Frühbeetes
Das Aufstellen von Wasserkanistern im Inneren des Frühbeetes, deren Inhalt sich tagsüber erwärmt und dadurch die Frühbeet-Spitzentemperaturen etwas senkt, andererseits am Abend wärme abgibt und so dem Temperaturabfall langsamer verlaufen lässt, kam für mich nicht infrage: zum einen ist die Bodenfläche mit etwa 1 m2 ohnehin schon gering und sollte nicht noch durch zwei oder drei Wasserkanister reduziert werden, zum anderen würde für mich der optische Eindruck massiv beeinträchtigt sein. So schichtete ich stattdessen als erste Maßnahme an der Rückwand des Beckmann-Hauses 25 dunkle Ziersteine von je 2,6 kg Gewicht und der Größe 19,5 x 9,5 x 6 cm auf (Bild 2), denn auch diese Steine absorbieren tagsüber die Wärme und geben diese nach Sonnenuntergang wieder langsam an ihre Umgebung ab, nehmen aber viel weniger Platz ein als die doch recht unschönen Wasserkanister. Doch das Ergebnis dieser Maßnahme stellte mich noch nicht zufrieden: zwar waren die Steine nach einem sonnigen warmen Tag auch noch am späten Abend warm, doch dies erhöhte die Haus-Innentemperatur allenfalls um 2-3 °C; und spätestens am anderen Morgen war die Temperatur im Haus dann gleich mit der Außentemperatur.
Zusätzlich zu den aufgeschichteten Steinen befestigte ich im nächsten Schritt mittels einer einfachen Klemmvorrichtung eine Lampe mit einem 100-Watt-Elstein-Keramikstrahler (Bild 2). Damit erreichte ich beispielsweise bei einer Umgebungstemperatur von 7 °C an einem frühen Mai-Morgen direkt unterhalb des Strahlers am Boden 19 °C, doch in 30 cm Abstand davon nur noch 14 °C und in der Nähe der (nicht abdichtbaren) Türe war es sogar mit 12 °C noch kühler – zu kalt also selbst für die Unterbringung von europäischen Landschildkröten, geschweige denn für meine Sternschildkröten. Die Angabe, ein 100-Watt-Keramikstrahler reiche für die Erwärmung eines 1 m3 großen Schildkröten-Frühbeethaus, gilt also wohl nicht für eine Aufstellung im Freien; in meinem Fall kamen ja sogar noch begünstigende Faktoren wie die Wärme speichernde Steinmasse von insgesamt 65 kg und die (angeblich ?) guten Wärmedämmeigenschaften des Verglasungsmaterial des Beckmann-Hauses hinzu.

 

BeckmannhausBild2Bild 2: Blick in das Innere des Schutzhauses mit den Wärme speichernden Steinen an der Rückwand und dem Reflektor für den Elstein-Strahler . Rechts auf dem halbierten blauen Übertopf der Thermotimer und dahinter, auf dieser Aufnahme verdeckt, der kWh-Messer. Am Ende des Holzstabes auf der Schildkrötenhöhle sitzt der Temperatur-Sensor. Die Wärmematte befindet sich auf einer Styrodurplatte unterhalb des Substrats.

 

 

 

 

Erst die zusätzliche Unterbringung einer 25 x 35 cm großen Wärmematte mit 15 Watt Leistungsaufnahme unter dem Substrat (sie wurde mit mehreren Steinfliesen zur Verteilung der Wärme auf eine größere Fläche abgedeckt) und der gleichzeitige Betrieb mit dem Elstein-Strahler, beide Wärmequellen gesteuert durch einen Thermotimer, sicherten schließlich die gewünschten Innentemperaturen. Der Thermotimer wurde nach einigem Probieren auf eine Schalttemperatur von 20 °C eingestellt, wobei der Sensor etwa in der Mitte des Frühbeetes platziert wurde: bei Unterschreiten dieses Wertes werden automatisch beide Wärmequellen eingeschaltet und erst dann wieder ausgeschaltet, wenn die Temperatur den Wert von 20 °C übersteigt. Damit können im Frühbeet unabhängig von der jeweiligen Außentemperatur weder tagsüber noch nachts niedrigere Temperaturen als 20 °C auftreten - zumindest in der warmen Jahreszeit. Am Tag sorgt in der Regel die Sonne für eine Erwärmung des Frühbeetes. Fehlt die Sonne für längere Zeit, z.B. an nebligen, trüben Herbsttagen, müsste tagsüber entweder eine zusätzliche Wärmelampe zugeschaltet oder die Tiere vorübergehend doch ins Innenterrarium im Wohnhaus gebracht werden. Ich entschied mich gegen eine (zusätzliche) Tages-Wärmelampe und hatte damit bisher Glück, da wir in Südbayern einen schönen und warmen Herbst 2009 hatten. Sternschildkröten überstehen kurzzeitig auch kühle Frühjahrs- und Herbsttage; doch mehrere Tage bei Tages-Innentemperaturen von nicht über 20 °C würde ich ihnen doch nicht zumuten. Dann wäre es an der Zeit, die Tiere ins Haus zu holen. Dies geschah dann 10. Oktober 2009, als für die darauf folgenden Tage Tageshöchsttemperaturen von nur noch 12 °C und Nachttemperaturen um 5 °C vorausgesagt wurden. Eine Woche später fiel im Bereich Augsburg der erste Schnee! Wie überraschend der Wintereinbruch erfolgen kann, zeigt sich daran, dass wir in der Region am 6. Oktober noch sommerliche Temperaturen bis zu 27 °C im Schatten hatten.

Hier einige typische Temperaturen mit obiger Ausrüstung und Einstellung im Beckmann-Haus im Vergleich zur jeweiligen Außentemperatur:
18. Juli 2009, 15.30 Uhr: außen 15 °C, innen 19,7 °C
23. August 2009, 8 Uhr: außen 11,3 °C, innen 20,1 °C
7. September 2009, 8 Uhr: außen 9,2 °C, innen 19,9 °C
14. September 2009, 23.30 Uhr: außen 9 °C, innen 20,4 °C
17. Oktober 2009, 15 Uhr: außen 7 °C, innen 20,1 °C (die Schildkröten waren bereits ausquartiert).

 

Stromkosten
Da ich zwischen der in das Beckmann-Haus führenden Stromleitung und dem Thermotimer ein Messgerät zur Stromverbrauchsüberwachung geschaltet habe, kann ich sehr einfach die tägliche Entwicklung der verbrauchten Gesamtleistung in kWh ablesen und z.B. auch erkennen, wann es im Herbst sinnvoll ist, die Haltung der Schildkröten im Garten zu beenden. In der Zeit zwischen dem 23.5. und dem Ausquartieren der Sternschildkröten am 10.10.2009, also innerhalb von etwa 4 ½ Monaten, wurden insgesamt 54 kWh für die Erwärmung des Beckmann-Hauses verbraucht, davon aber allein 25 kWh (= 46 %) seit dem 12.9., also in den letzten vier Wochen alleine. Dies zeigt, wie stark die Energiekosten für die Beheizung des Beckmann-Hauses im Herbst ansteigen. Bei dem von uns gewählten Stromtarif von 19,8 cts/kWh incl. 19 % Umsatzsteuer kosten die 54 kWh nicht ganz 11 €. In der genannten Zeit (23.5.-10.10.2009) verbrachten die Tiere keine einzige Nacht in ihrem Innenquartier im Wohnhaus.
Bei einer Messung am 16./17. Oktober 2009 (ohne die Schildkröten) verbrauchten Wärmematte und Elsteinstrahler innerhalb von nur 24 Stunden knapp 3 kWh, d.h. beide Wärmequellen liefen ununterbrochen. Inwieweit beide Wärmelieferanten bei Außentemperaturen um den Gefrierpunkt oder darunter genügend Wärme erzeugen, um trotz der dann markant ansteigenden Wärmeverluste nach außen immer noch 20 °C im Innreren des Hauses zu erreichen, habe ich nicht überprüft, da die "Elektrik" mittlerweile für die Winterpause entfernt wurde.

 

BeckmannhausBild3

Bild 3: Ein bei tieferen Temperaturen beheizbares Schildkrötenhaus im Freien mit transparenten Seiten- und Dachflächen erlaubt auch in frühen Morgen- und späten Abendstunden eine Beobachtung der Aktivitäten von (Stern-) Schildkröten. Ein ausgiebiges Sonnenbad im Freigehege wie hier in einer Aufnahme von Ende September ist den ganzen Sommer über so nicht zu sehen, da die Tiere sofort Schattenplätze aufsuchen. Warum also nicht Sternschildkröten auch im Frühjahr und im Herbst im Freien halten – natürlich nur mit Hilfe eines technisch „aufgerüsteten" Frühbeethauses? Die Fotos stammen vom Autor.

Fazit
Diese Energiekosten lohnen sich meiner Meinung nach, zumal die Ganzjahreshaltung von Sternschildkröten im Wohnhaus wegen der tagsüber notwendigen Wärme- und UVB-Lampenbestrahlung auch nicht kostenlos ist. Ich habe den Eindruck, dass das Verhalten meiner im Freien gehaltenen Sternschildkröten im Herbst erst richtig gut zu sehen ist (Bild 3), versteckt sich doch diese Art in der warmen Jahreszeit bereits bei Überschreiten einer Carapax-Temperatur von etwa 27 °C für mehrere Stunden (Köhler, 2008).

 

Literatur:
Köhler Horst (2008): Aufzucht europäischer Landschildkröten-Babys: vom Ei zum robusten Jungtier. 180 Seiten. Schildi-Verlag Augsburg
Mistelbauer Ewald (2007): Erfahrungen, Tipps und Praktisches bei der Umsetzung von Frühbeetbauvorhaben für terrestrisch lebende Schildkröten. Schildkröten-Im-Fokus 4 (4), S.3-14

 

Der Beitrag wurde am 18. Oktober 2009 online gestellt

von Horst Köhler, Friedberg

Einleitung
Für viele Schildkröten-Einsteiger, die sich erstmals im Sommer oder Herbst eine im gleichen Jahr geschlüpfte junge Landschildkröte - oder auch zwei oder drei - zulegen, stellt sich die Frage nach einer zweckmäßigen und doch artgerechten Unterbringung. Oft wird für diese Zwecke ein Terrarium angeschafft, das je nach Einrichtung und Standort, z.B. auf einem Sideboard, ein attraktiver Blickfang in einem Wohnraum ist (vorausgesetzt die Lampen blenden den Betrachter nicht zu sehr). Ich stelle jedoch immer wieder fest, dass derartige „Start-Terrarien" aus Kostengründen zu klein gekauft und dann schon nach einem Jahr zu eng werden, vor allem wenn noch ein zweites oder gar drittes Tier zusätzlich gekauft wird.
Gerade für die Gruppe der Neueinsteiger empfehle ich daher für das erste Lebensjahr der Schildkröte(n) den Kauf einer oben offenen Plastikwanne (Katzen-WC) für einige wenige Euro, wie schon an anderer Stelle ausführlich beschrieben ist (Köhler, 2008). An schönen, d.h. sonnigen Tagen, kann man eine solche leicht zu reinigende Wanne tagsüber auf den Balkon oder eine Terrasse stellen (im Oktober und November natürlich nur für wenige Stunden, so lange die in dieser Jahreszeit zunehmend schwächer werdende Sonne scheint). Zu beachten ist, dass sowohl eine Höhle als Unterschlupf bzw. Sonnenschutz und eine genügend hohe Substratschicht zum Eingraben bei zu hohen Tagestemperaturen vorhanden ist. Weitere Details können meinem (oben zitierten) Buch entnommen werden. Nach der ersten Überwinterung der Kleinen kann der Besitzer, der zu diesem Zeitpunkt bereits etliche Monate Erfahrungen in der Pflege von Landschildkröten sammeln konnte, im Verlauf des folgenden Frühjahrs und Frühsommers immer noch entscheiden, ob das Tier noch einige weitere Monate in der Schildkröten-Schale verbleibt, ob ein (geräumiges) Terrarium angeschafft oder, der Idealfall, ob ein erweiterbares Aufzuchtgehege im Garten angelegt wird.

An ausgesprochen schlechten Tagen im Sommer und an nass-trüben und kühlen Herbst- und Wintertagen müssen die Schildkröten-Babys durch eine Wärmelampe bestrahlt werden, und zwar so, dass am Rückenpanzer einer direkt unter der Lampe sitzenden Schildkröte eine Temperatur von nicht mehr als 26-27 °C herrscht (Köhler, 2008). Am einfachsten geschieht dies durch eine nicht mehr benötigte Schreibtischlampe, deren Arm mit dem Lampenreflektor möglichst tief heruntergedrückt werden kann, so wie dies auch in Bild 1 zu erkennen ist. Bei Schlüpflingen erscheint eine Carapax-Temperatur von 25-26 °C ausreichend. Bei längerem Aufenthalt der Jungschildkröten im Haus bzw. der Wohnung ist neben der Wärmelampe auch der Einsatz einer UVB-Bestrahlungslampe erforderlich. Weiteres zu diesem Thema in der Rubrik „Fachartikel" von schildi-online.eu. Nur so viel an dieser Stelle: gerade bei Jungtieren, deren Panzer noch weich ist, muss ich vor der Verwendung von leistungsstarken UVB-Strahlern mit hoher UVB-Intensität warnen: Schlüpflinge im natürlichen Lebensraum erhalten wegen ihrer versteckten Lebensweise im Dickicht noch weniger UVB als ältere Tiere.

 

Lampenvergleich1klein

Bild 1: 50 x 40 cm misst diese oben offene Kunststoffwanne für meine Nachzuchten. Steht sie nicht im Freien, was für meine Schlüpflinge der bevorzugte Aufenthaltsort bis etwa Herbst ist, werden diese rund sechs Stunden täglich mit einer Wärmelampe bestrahlt. Der große Reflektordurchmesser der Lampe von 25 cm sorgt für eine ausreichende Helligkeit über etwa die Hälfte der Bodenfläche der Wanne (im Gegensatz zu einem Spotstrahler, der bei einem kurzen Abstand zum Tier nur eine verhältnismäßig kleine Fläche erhellt). Direkt unter der Lampe ist es naturgemäß am hellsten und wärmsten. Bei dem Vergleichstest wurde der Abstand Unterkante Lampenreflektor zur Steinplatte auf dem Bodensubstrat mit 21-22 cm konstant gehalten. In der Bildmitte ein Meterstab zur Kontrolle des Abstandes. Das Foto entstand mit einer klaren 60-Watt-Glühbirne in der Lampe.


Getestete Leuchtkörper
Folgende Leuchtkörper wurden auf die durch sie erzeugten Oberflächentemperaturen auf der kleinen Steinplatte direkt unter dem Reflektor, die quasi ein Schildkröten-Baby simuliert, getestet (Bild 2, von links oben im Uhrzeigersinn):
(1) 11-Watt-Osram Duluxstar-Energiesparlampe (Leistung entspricht 60 Watt einer herkömmlichen Glühbirne), Energie-Effizienzklasse A, Lebensdauer ca. 9.800 Stunden, Sonderpreis (Bauhaus) € 4,35
(2) 100-Watt-Dragon Daylight, Tageslichtbirne mit blauem Glas, empfohlener Preis (Zoogeschäft) € 9,49 (Produkt läuft aus und wird z.B. auf Terraristikmessen zum Sonderpreis von nur 2 € verkauft; laut Herstellerangabe hat der neue Spot eine bessere Qualität und auch eine andere Verpackung)
(3) 60-Watt-Repti-Basking Spot Lamp von ZooMed, mit eingebautem Doppelreflektor, Lebensdauer ca. 2.000 Stunden, empfohlener Preis (Zoogeschäft) € 9,49
(4) Klare 60-Watt-Glühbirne von Osram, Energie-Effizienzklasse E, statistische Lebensdauer ca. 1.000 Stunden, Preis im Doppelpack (Bauhaus, Obi usw.) € 1,99 (2 Stück).

 

Lampenvergleich2klein

Bild 2: Diese vier Leuchtkörper wurden im Test eingesetzt. Sie liefern bei gleichem Bestrahlungsabstand (21-22 cm) unterschiedlich hohe Oberflächentemperaturen in Bodennähe. Beide Fotos vom Autor.


Das Messinstrument
Die Oberflächentemperatur auf der kleinen Platte wurde mit dem Digital-Thermometer TM-902C (AC-902C) erfasst, dessen Sensor ein punktförmig messendes, ultraschnelles NiCr/NiAl-Thermoelement ist (Details siehe Köhler, 2008). Gemessen wurde erst, nachdem die Lampe mindestens drei Stunden lang eingeschaltet war; Zimmertemperatur = 20 °C.

Ergebnis und Fazit
→ Die höchste Oberflächentemperatur, 32-33 °C bei gleichzeitig hellem Licht, lieferte der Spotstrahler Basking Spot. Die Schlüpflinge mieden allerdings den Platz unter dem Spot, da die erzeugte Temperatur für sie zu hoch war. Es ist deshalb ein Basking Spot mit etwas schwächerer Leistung bei etwas größerem Bestrahlungsabstand einzusetzen.
→ Die zweithöchste Temperatur mit 28 °C und ebenfalls ein relativ helles Licht lieferte das Produkt Dragon Daylight; allerdings handelte es sich um den Strahler mit der höchsten Leistung im Test (100 Watt). Auch hier wäre der Bestrahlungsabstand etwas zu vergrößern, was zugleich die hell bestrahlte Bodenfläche vergrößert.
→ Die klare 60-Watt-Glühbirne erzeugte an der Messstelle eine Oberflächentemperatur von 24 °C. Dies liegt für Baby-Schildkröten an der unteren Grenze, so dass entweder der Abstand Schildkröte-Lampe noch weiter reduziert werden muss oder eine 75-Watt-Glühbirne in die Fassung einzuschrauben ist. Achtung: klare 100- und 75-Watt-Glühbirnen gibt es ab September 2009 nicht mehr im Handel. Die Herstellung, nicht aber das Aufbrauchen vorhandener Bestände, ist verboten
→ Die „moderne" Energiesparlampe mit nur 11 Watt Leistung (entsprechend 60 Watt „herkömmlicher" Leistung) erbrachte bei einem sehr unnatürlichen Licht eine Temperatur von lediglich 21 °C am Boden (direkt am Glaskörper selbst wurden nur 41-42 °C gemessen). Dies ist für die Aufzucht von Schildkröten-Nachzuchten entschieden zu wenig, auch wenn man den Lampenschirm noch weiter in Richtung Boden drücken würde. Für mich scheidet dieses Produkt für die Schildkrötenpflege aus.

Aus Kostengründen würde ich unter den vier verwendeten Strahlern die „alte" Glühbirne, dann aber zweckmäßigerweise eine mit 75 Watt Leistung, für den hier gewählten konkreten Anwendungsfall als „Testsieger" bezeichnen. Glühbirnen sind so genannte Temperaturstrahler und besitzen eine stark sonnenähnliche Spektralverteilung, was für die Wärmebestrahlung von Schildkröten ein Vorteil ist. Im sichtbaren Licht überwiegt bei ihnen der Rotanteil, was sich durch ein angenehmes warm-weißes Licht bemerkbar macht. Zwar wird von ihrer Leistung nur max. 15 % in Licht und das meiste, also 85 % in Wärme umgewandelt (dies ist auch der Grund dafür, warum Glühbirnen wegen „Ineffizienz" abgeschafft werden), doch gerade dies sind bei der Schildkröten-Pflege positive Kriterien.

Die Testergebnisse sind sinngemäß auch auf die Situation in einem geschlossenen Terrarium zu übertragen. Da in diesem Fall die Energieverluste geringer sind als in einer offenen Wanne, würden die Temperaturen am Boden bei allen verwendeten Produkten an der Messstelle jeweils etwas höher liegen als oben angegeben.

 

Literatur

Köhler Horst (2008): Aufzucht europäischer Landschildkröten-Babys: vom Ei zum robusten Jungtier. Schildi-Verlag Augsburg, 180 Seiten (erhältlich direkt beim Verlag über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

 

Der Artikel wurde am 3. August 2009 online gestellt

von Horst Köhler, Friedberg

 

Einleitung

Die Frage des „richtigen“ Gewichtes der von uns gepflegten europäischen Landschildkröten ist ein altes Thema und wird heute nach wie vor häufig diskutiert, auch kontrovers. „Stimmt“ denn das Gewicht meiner Schildkröte, fragen sich besorgt viele Halter. Denn, ist das Tier im Vergleich zu gleichaltrigen auffällig klein und/oder leicht, wird oft ein Parasitenbefall oder eine Krankheit befürchtet. Andererseits sieht es recht hässlich aus, wenn bei einer überfütterten Landschildkröte verfettete Extremitäten aus einem nicht schnell genug mitgewachsenen Panzer quellen, was sogar ernsthafte Bewegungseinschränkungen zur Folge haben kann. Bei Recherchen zu meinem Buch habe ich bei gleichaltrigen Schildkröten, sogar bei Geschwistertieren vom gleichen Gelege, von ihren Besitzern Gewichte genannt bekommen, die um das mehr als 3-fache voneinander abwichen (Köhler, 2008a).

Was ist aber nun das „richtige Gewicht“? Nun, entsprechende Beobachtungen und Messungen in der Natur als eines der Ergebnisse meiner Schildkröten-Exkursion 2008* liefern dazu zumindest Orientierungswerte. Was ist nun aber das Gewicht wild lebender Landschildkröten? Im nachfolgenden Bericht die Antwort für maurische Schildkröten der Unterart Testudo graeca ibera.

 

Schildkrötengewicht – aber für welche Bezugsgröße?

In der Literatur und im Internet finden sich einfache Formeln, mit denen das Gewicht von Landschildkröten ausschließlich in Abhängigkeit des Stockmaßes (Carapax-Länge, CL) bestimmt werden kann. Doch das Ergebnis ist mitunter alles andere als zufriedenstellend: als ich einmal ein solches Internet-Programm testete und das Stockmaß und aktuelle Gewicht eines meiner Schildkröten eingab, kam als Kommentar „Gesundheitszustand zwischen alarmierend und dem Tode nahe“. Offensichtlich errechnet das Programm generell zu hohe Werte, was immer dann zu Irritationen bei Schildkröten-Besitzern führt, wenn deren Schildkröten deutlich weniger als vom Programm errechnet wiegen.

 

Dass nur aus dem Stockmaß allein kein realistisches Gewicht bestimmt werden kann, liegt auf der Hand, denn das Gewicht einer Schildkröte ist nicht nur abhängig von der Carapax-Länge, sondern auch von der Breite des Tieres und vor allem von der Höhe des Carapax. So vermaß und wog ich während meiner vorletzten Schildkröten-Exkursion Anfang Juni 2006 in der Südtürkei alle während einer Woche gefundenen wild lebenden Landschildkröten Testudo graeca ibera. Bei der anschließenden Auswertung der Daten suchte ich nach einer charakteristischen, möglichst simplen Größe, mit der das Gewicht in Beziehung gesetzt werden kann. Wenn man, so fand ich schließlich heraus, das Gewicht von Schildkröten der gleichen Art über ihrem Produkt aus Längs- und Querumfang aufträgt, dann bekommt man eine Gewichtskurve mit einem relativ schmalen Streubereich. Den Längsumfang (Ul) eines Tieres ermittelt man dabei mit einem Maßband bei eingezogenem Kopf und Schwanz, den Querumfang (Uq) senkrecht dazu über die höchste Panzerwölbung hinweg (wer kein Maßband zur Hand hat, kann auch eine dünne Schnur verwenden und die abgemessene Länge am Meterstab ablesen). Das Ergebnis ist bei Köhler (2007) veröffentlicht. Meine „mathematische Übung“ war aber nicht Selbstzweck, sondern diente dazu, durch Extrapolation der von mir aufgestellten Kurve im Nachhinein das Gewicht einer außergewöhnlich großen T. graeca ibera zu bestimmen, für die der Gewichtsbereich der vor Ort zur Verfügung stehenden Waage nicht mehr ausreichte (das Tier wog um 3,6 kg und ist damit nach der Fachliteratur eine der größten bisher in der Türkei entdeckten T. graeca ibera; Köhler 2007).

 

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Bild 1: Diese hübsch gezeichnete juvenile Schildkröte (ohne eine einzige Zecke !), ein Weibchen, bewohnt zusammen mit einem größeren Tier ein altes, zerfallenes Steinhaus am Rand des von mir durchsuchten türkischen Schildkröten-Biotops. Ihr Gewicht: 462 Gramm. In Bild 2 lieferte sie mir den zweiten Kurvenpunkt von links. Foto vom 3. Juni 2008 vom Autor.

  

Noch genauere und zuverlässigere Werte

Bei meiner vorerst letzten Schildkröten-Exkursion (2008) ins gleiche Biotop, die ebenfalls während der ersten Juni-Woche statt fand, war ich besser ausgestattet und hatte neben anderen Messgeräten (z.B. UVB-Radiometer) auch eine digitale Waage mit einem Messbereich bis zu 5 kg in meiner Ausrüstung. Leider, wie sollte es auch anders sein, fand ich diesmal nur Schildkröten mit weniger als 2,5 kg Gewicht (Bild 1). Da sich meine im Jahr 2007 veröffentlichte Gewichtskurve für T. graeca ibera teilweise auch auf die Gewichte von in Gefangenschaft gehaltenen Wildfangtieren dieser Unterart abstützte, die mir damals von deren Besitzern auf Anfrage durchgegeben wurden, wollte ich diesmal bewusst nur von mir selbst mit großer Sorgfalt ermittelte Werte ausschließlich von wild lebenden Tieren auswerten.

 

Das Ergebnis zeigt die Grafik (Bild 2): auf der (horizontalen) X-Achse ist das Produkt der beiden Umfänge in Quadratzentimetern aufgetragen, auf der (senkrechten) Y-Achse das gemessene Gewicht in kg von insgesamt sieben maurischen Landschildkröten (eine davon aus der Aktion von 2006). Der Verlauf der Kurve zeigt keine größeren Sprünge. Nur die Schildkröte aus 2006 mit dem Umfangsprodukt 2.000 qcm und einem Gewicht von 1,5 kg erscheint etwas zu leicht: vermutlich lag dies an der Verwendung einer ungenau anzeigenden, teilweise verrosteten Balkenwaage eines in der Nähe lebenden türkischen Bauern, mit der ich das betreffende Tier damals mangels einer besseren Waage wiegen musste (alle anderen Gewichte aus 2008 stammen von meiner genauen Digitalwaage). Vermutlich war die im Juni 2006 vermessene und gewogene Schildkröte in Wirklichkeit 100 bis 150 Gramm schwerer, denn dann ergibt sich in der Tat eine fast ideal verlaufende Gewichtskurve. Nach links, in Richtung kleinerer Tiere, geht sie gegen Null.

 Gewichtsdiagramm

Bild 2: Diese Kurve ergab sich, nachdem die Gewichte von insgesamt sieben vermessenen und gewogenen wild lebenden Landschildkröten der Unterart Testudo graeca ibera (davon stammt ein Tier aus meiner Exkursion 2006, alle anderen aus 2008) über dem Produkt aus Längs- und Querumfang aufgetragen wurden.

  

Jeder Schildkrötenbesitzer kann nun mit dieser Kurve, sofern er den Längs- und Querumfang seines Tieres weiß, sofort feststellen, wie das Gewicht seines Tieres im Vergleich zu dem wild lebender maurischer Landschildkröten der Unterart T. graeca ibera liegt. Umgekehrt kann auch bei bekanntem Gewicht einer Schildkröte das dazugehörige Umfangsprodukt festgestellt werden: ein juveniles Tier mit etwa 1 kg Gewicht hat im natürlichen Lebensraum rund Ul x Uq = 1.500 qcm. Ergibt die Nachmessung dieses 1-kg-Tieres durch seinen Halter beispielsweise ein Produkt von nur 1.200 qcm, ist es in Relation zu seinen Artgenossen im Freiland tendenzmäßig etwas zu schwer.

 

Übertragbar auf andere Arten bzw. Gattungen?

Die hier erstmals vorgestellte Gewichtskurve gilt streng genommen nur für wild lebende Testudo graeca ibera, auch wenn einige Liebhaber und Züchter meine 2007 in der Zeitschrift Schildkröten Im Fokus publizierte Kurve gestestet und als „überraschend stabil“ bezeichnet haben. Ob der Kurvenverlauf tatsächlich auch für andere europäische Landschildkrötenarten gilt, kann allerdings erst dann sicher bestätigt werden, wenn in die Ursprungsländer reisende Schildkröten-Liebhaber an griechischen und Breitrandschildkröten ähnliche Messungen durchführen wie ich für T. graeca ibera. Wäre das nicht eine lohnenswerte und zugleich interessante Aufgabe?

Vorstellen kann ich mir, dass die Gewichtskurve aus Bild 2 dann auch für andere Arten gilt, wenn deren Körperform bzw. -Geometrie weitgehend der der maurischen Landschildkröten entspricht.

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Bild 3: Noch sehr jung und schon so groß: eine von insgesamt 32 der zur Zeit auf der Schildkröten-Insel im Indischen Ozean vermessenen und gewogenen Aldabra-Nachzuchtschildkröten, geschlüpft Anfang 2007. Die dortigen Betreuer machten große Augen, als ich für meine Arbeiten eine Waage erbat (rechts). Offensichtlich hat dort in den letzten Jahren niemand die Größen- und Gewichtsentwicklung der Jungschildkröten ermittelt und schon gleich gar nicht über die Jahre hinweg verfolgt. die juvenilen Tiere bleiben bis zu einem Alter von rund 5 Jahren - dann wiegen sie etwa 5 kg - in einem gegen Diebstahl besonders gesicherten Areal. Foto vom 19. Januar 2008 vom Autor.

  

Mit Sicherheit kann obige Kurve aber nicht für alle Landschildkrötenarten angewandt werden. Als ich im Januar 2008 eine Schildkröteninsel im Indischen Ozean besuchte (auf der gleichen Insel war ich schon im Januar 2007; Köhler, 2008b) und von den dortigen Betreuern der großen Aldabra-Riesenschildkrötenherde erfuhr, dass sie noch nie die Gewichte der Nachzuchten von Dipsochelys dussumieri ermittelt, geschweige denn registriert und ausgewertet hätten, bedrängte ich sie so lange, bis sie einige Stunden später eine Waage organisiert hatten (das war in der Tat ein großes Problem !). Zusammen vermaßen und wogen wir danach einige unterschiedlich alte Jungtiere (Bild 3). So brachte ein erst 8 Monate altes Jungtier mit Ul = 43,5 cm und Uq = 34,3 cm (Ul x Uq = 1492 qcm) schon 1,8 kg auf die Waage, ein Tier von „etwas über einem Jahr“ mit Ul = 63 cm und Uq = 47,4 cm (= 2986 qcm) wog bereits 3,9 kg. Würde man beide Punkte in Bild 2 eintragen, bekommt man eine Gewichtskurve, der deutlich oberhalb der für Testudo graeca ibera-Wildtiere liegt. Grund dafür ist die in Bild 1 und 3 gut erkennbare unterschiedliche Körperform beider Landschildkröten-Arten.

  

Literatur:

Köhler Horst (2007): Betrachtungen zu Gewichten von Testudo graeca ibera aus der Südwest-Türkei. Schildkröten Im Fokus 4 (3), S.11-19

Köhler Horst (2008a): Aufzucht europäischer Landschildkröten-Babys: vom Ei zum robusten Jungtier. Schildi-Verlag Augsburg, 180 S., ISBN 978-3-00-023839-0

Köhler Horst (2008b): Besuch der afrikanischen Insel Changuu. Marginata Nr. 17, März/April/Mai, S.50-55

  

*) Weitere Ergebnisse meiner Studien und Beobachtungen während der Exkursion im Juni 2008 sind bzw. werden in verschiedenen Schildkröten-Zeitschriften veröffentlicht:

Köhler Horst (2008): Standorttreue von Landschildkröten im natürlichen Lebensraum: wild lebende Landschildkröte nach zwei Jahren wiedergefunden. SACALIA 6 (21), November, S. 17-27, Fachzeitschrift der Internationalen Schildkröten-Vereinigung (ISV), Stiefern, Österreich 

Köhler Horst (2009): Temperatur- und UVB-Messungen an Landschildkröten im natürlichen Habitat. August 2009

Köhler Horst (2009): Über Bewegungsradien und Ruhepausen wild lebender maurischer Landschildkröten. Schildkröten Im Fokus, 6 (1), S.29-34

 

Dieser Artikel wurde am 19. Oktober 2008 online gestellt.