Text und Bilder: B.B. (Name und Anschrift ist bekannt)

Vorspann von Horst Köhler
Landschildkröten werden gemeinhin als Tiere ohne großes Sozialverhalten angesehen. Dies betrifft vor allem die Beschützerinstinkte. So schließen geschlechtsreife weibliche Schildkröten ihre Fortpflanzungstätigkeit mit dem Vergraben ihrer Gelege ab und überlassen alles Weitere der Sonne und dem Zufall, ganz im Gegensatz etwa zu den Krokodilen, die nicht nur ihre Nisthöhlen bewachen, sondern die frisch geschlüpften Jungen fürsorglich zum nahen Wasser tragen.
Wild lebende Landschildkröten sind außerhalb der Paarungszeit Einzelgänger und ihre Populationsdichte nimmt in vielen Habitaten durch menschliche Eingriffe ab. Beides führt dazu, dass man in vielen natürlichen Vorkommensgebieten in Südeuropa eher selten mehrere Tiere gleichzeitig sieht. Ist dies doch der Fall, sind die Gründe dafür oft ein besonders gutes Nahrungsangebot, keine Störung durch Touristen, das Vorhandensein geschützter Versteck- und Sonnenplätze oder einfach die Tatsache, dass die Schildkröten ihren Lebensraum durch natürliche oder künstliche Barrieren nicht verlassen können.
Wie aber der nachfolgende Bildbericht unserer aufmerksamen Autorin, Fotografin und geduldigen Schildkröten-Beobachterin beweist, müssen wir möglicherweise unser Wissen über das soziale Verhalten von frei lebenden Landschildkröten etwas revidieren.


Seit nunmehr neun Jahren verbringen wir unseren Jahresurlaub im zeitigen Frühjahr an der türkischen Riviera. Dort halten wir uns täglich mehrere Stunden bei den Maurischen Landschildkröten (Testudo graeca ibera) in einem Dünengelände in Meeresnähe auf (Bild 1), die zu diesem Zeitpunkt ihre Winterruhe beenden. Wir nehmen uns sehr viel Zeit, die Lebensweise der Tiere eingehend zu beobachten (siehe auch meinen Artikel „Erwachen Maurischer Landschildkröten im Raum Antalya Mitte Februar 2010“ vom 10.5.2010 in der gleichen Rubrik dieser Schildkröten-Website, dort insbesondere Bild 1).

 

Bogner1Bild 1: Dies ist "unser" Schildkröten-Dünengelände in der Südtürkei an der Mittelmeerküste, das wir schon seit vielen Jahren immer wieder besuchen; manchmal waren wir sogar auch zwei Mal im Jahr vor Ort, im zeitigen Frühjahr und dann nochmals im Spätherbst. Das Bild ist nach Südwesten in Richtung Meer (hinter dem Horizont) aufgenommen und zeigt, wie wenige sichere Versteck- und Rückzugsplätze es hier für die Schildkrötenpopulation gibt. 

 

Mittlerweile können wir folgendes feststellen: Die Schlüpflinge bzw. Babys bleiben bis zum Alter von etwa zwei Jahren in unmittelbarer Nähe des Schlupfortes - sofern sie nicht mangels ungenügender Deckung von den vielen dort vorkommenden Schlangen oder von Greifvögeln erbeutet wurden. Sie leben dort in einer Art geschwisterlicher Gemeinschaft. Die wenigen überlebenden juvenilen Exemplare halten sich bis zur Geschlechtsreife in einem Radius von nur rund 10 m um den Legeplatz auf. Erst dann verlassen sie dieses Gebiet und wandern ab.

Bemerkenswert ist noch, dass die im Dünenbiotop lebenden Landschildkröten immer den gleichen Bewegungsradius und praktisch generell ihre angestammten Schlafplätze haben.

In diesem Jahr (2013) verbrachten wir vom 22. Februar bis zum 1. März traumhaft sonnige Tage bei unserem Schildkröten-Biotop. In unserem Urlaubsgebiet hatte es in diesem Jahr seit Ende Januar kaum noch geregnet. Während unserer Urlaubswoche schien die Sonne 8 bis 10 Stunden lang täglich und die Höchsttemperaturen schwankten zwischen 16 und 20 °C (im Schatten); nur am Tag unserer Ankunft war das Thermometer tagsüber nur auf maximal 12 °C geklettert. Die nächtlichen Tiefsttemperaturen lagen zwischen 6 und 10 °C (Angaben nach www.wetteronline.de).

Solches Glück haben wir nicht jedes Jahr. So hatten wir 2012 um etwa die gleiche Zeit am gleichen Ort regelrecht Pech, denn das Wetter war derart schlecht, dass wir auf keine einzige Schildkröte trafen.

Dafür wurden wir dieses Jahr reichlich entschädigt, denn wir sahen Hunderte von Schildkröten.

Eines Tages, am 28. Februar, machten wir eine sehr seltene Beobachtung, die wir hier durch eine außergewöhnliche Bilderserie dokumentieren (Bild 2 bis 4): Ein weibliches adultes Tier, das wir von unseren früheren Besuchen gut kennen, sonnte sich in der Nähe eines Legeplatzes und gewährte einem schattensuchenden Baby durch Anheben des Vorderbeines Unterschlupf und Schutz vor der brennenden Sonnenstrahlung.

 

Bogner2Bild 2: Die junge Maurische Landschildkröte nähert sich auf der Sache nach Schatten (und Geborgenheit ?) zielstrebig dem adulten Weibchen.

 

Bogner3Bild 3: Das Ziel ist erreicht; das Alttier hebt etwas das linke Vorderbein hoch und lässt das Schildkröten-Baby darunterschlüpfen. 

 Bogner4

Bild 4: Auf dieser Aufnahme deutlich zu sehen: Das Kleine hat nun Schutz vor der intensiven Frühlingssonne und auch vor etwaigen Fressfeinden gefunden, die es in diesem Dünen-Biotop reichlich gibt – vor allem Schlangen und Greifvögel.

 

Dieser Artikel wurde am 15. März 2013 online gestellt

Infrarot-Distanzthermometer contra Kontakt-Thermometer


von Horst Köhler, Friedberg


Einführung

Es ist nicht überraschend, dass das Verhalten von frei lebenden Landschildkröten stark an die Intensität der auf sie wirkenden Sonnenstrahlung und damit an die Körpertemperatur gebunden ist, z.B. [KÖHLER, 2008 und 2009]. Alle physiologischen Vorgänge werden im Schildkrötenkörper ausgelöst (Bild 1). Daher wäre es eigentlich wissenschaftlich korrekt, die Temperatur im Körper zu messen, also die Temperatur in der Kloake. Doch die Carapax-Temperatur (Temperatur auf dem Rückenpanzer) ist ähnlich aussagekräftig; zumindest bei Sumpfschildkröten konnte ermittelt worden, dass nur sehr geringe Temperaturunterschiede zwischen Carapax und der Kloake bestehen [EDWARDS & BLOUIN-DEMERS]. Wegen der unvermeidbaren Messungenauigkeiten der normalerweise für die Feld-Terraristik eingesetzten Messinstrumente und den zwangsläufig nicht zu vermeidenden Messfehlern sind ohnehin keine übergenauen Temperaturmessungen möglich, auch wenn Instrumenten-Anzeigen auf ein zehntel Grad dies dem Laien suggerieren. Außerdem sollen Schildkröten durch unsere Temperaturmessungen nicht durch Einführen einer Sonde in die Kloake gestresst oder gar verletzt werden. Die Messung der Temperatur auf dem Carapax reicht also für unsere Zwecke voll und ganz aus.

Carapax1kleinBild 1: Nach den Untersuchungen des Autors (hier im Bild) reagieren viele Arten von Landschildkröten ganz ähnlich auf  die Veränderung ihrer Körpertemperatur. Die Aldabra-Riesenschildkröte im Bildvordergrund , deren Carapax-Temperatur 29 °C betrug, bewegt sich gerade von ihrem bisherigen halbschattigen Sonnenplatz in Richtung Vollschatten. Weitere Tiere ruhen bereits hinten im Schatten; ihre Carapax-Temperatur war 27 °C, was etwa der Umgebungstemperatur entsprach.

Warum Temperaturmessungen?
Die Messung der Carapax-Temperatur - ich bevorzuge als Messstelle die höchste Wölbung des Rückenpanzers - kann dem Halter wertvolle Hinweise bei der Tierpflege geben. Wer beispielsweise bei seinen Tieren im Terrarium bzw. Innengehege feststellt, dass sie nie direkt unter der Bestrahlungslampe sitzen, sollte die Carapax-Temperatur messen. Liegt sie z.B. bei 40 °C, ist es unter der Lampe zu warm. Man sollte in diesem Fall die Bestrahlungsintensität reduzieren, entweder durch einen Strahler geringerer Wattzahl (wirkt sich am Jahresende durch eine geringere Stromrechnung aus) oder durch Vergrößern des Bestrahlungsabstandes. Denn eine Temperatur von 40 °C liegt für viele Arten nicht sehr weit von der Letaltemperatur (tödliche Temperatur) entfernt! Wem andererseits bei seinen Schildkröten mangelnder Appetit und/oder häufigeres Niesen auffällt oder wer Flüssigkeitströpfchen an der Nase sieht und bei einer Kontrolle der Carapax-Temperatur nur etwa 23 °C bei der auffällig häufig direkt unter einer Lampe sitzenden Schildkröte misst, sollte die Bestrahlung so verändern, dass die Temperatur auf etwa 28 - 30 °C ansteigt.

Abgesehen vom „Forscherdrang“ macht es also durchaus Sinn, die Carapax-Temperatur gelegentlich zu überwachen.

Wie messen?
Doch wie kann die Temperatur an der höchsten Panzerwölbung genau und zuverlässig erfasst werden? Hier werden in der Praxis nach meiner Erfahrung die meisten Fehler begangen, denn weder ein irgendwo im Terrarium an den Scheiben angebrachtes Billig-Thermometer zeigt den tatsächlichen Temperaturwert mit ausreichender Genauigkeit an, noch ein auf den Panzer gelegtes Fieberthermometer. Falschmessungen durch Haushalts-Thermometer entstehen vor allem auch dann, wenn das Tier durch die Sonne im Freien oder eine Lampe im Terrarium von oben bestrahlt wird. Nicht umsonst beziehen sich die in Wetterberichten genannten Temperaturen immer auf den Zustand im Schatten.

Im Idealfall erfordert eine exakte Oberflächentemperaturmessung bei Schildkröten in einem Terrarium mit eingeschaltetem Strahler somit das Versetzen des Tiers aus dem Lichtkegel heraus mit sofortiger anschließender Messung, um größere Messfehler durch die starke Licht- und Wärmestrahlung auszuschließen.

Die genaue und reproduzierbare Messung von Oberflächentemperaturen (nicht nur bei Schildkröten) ist schwieriger als man denkt! Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und behaupte, dass selbst die Messung der UVB-Strahlungsintensität [KÖHLER, 2011] einfacher ist als die Messung von Schildkröten-Oberflächentemperaturen.

Möglichkeiten der Temperatur-Erfassung bei Schildkröten
Für Temperaturmessungen bietet der Markt zwei unterschiedlich arbeitende, ähnlich preiswerte Messsysteme an, siehe Bild 2 bis 4. Es handelt sich einerseits um Kontaktthermometer (Bild 2), deren Spitze bei der Messung direkt auf den Messpunkt auf dem Carapax aufgesetzt wird, andererseits um berührungslos messende Infrarot-Thermometer (IR-Thermometer), mit denen der Besitzer aus einem gewissen Abstand alle gewünschten Wärmepunkte vermessen kann, ohne dass dabei die Schildkröte berührt werden muss.

Carapax2kleinBild 2: Temperaturmessung bei einer Maurischen Landschildkröte im Freigehege des Autors mit einem Kontaktthermometer vom Typ TM-902C (AC-902C). Es ist mit einem gängigen K-Typ-Sensor (NiCr-NiAl) ausgerüstet. Die Messspitze (durch die rechte Hand verdeckt) ist auf die höchste Wölbung des Rückenpanzers aufgesetzt.  Das Display zeigt einen Wert von 28 °C an. Die Anzeigegenauigkeit des Messgerätes beträgt laut Hersteller ± 0,75 % + 1 °C. Angezeigt werden nur volle Temperaturgrade, was jedoch für Temperaturmessungen an Landschildkröten völlig ausreicht.








 


Beide Messgeräte besitzen für unseren Einsatzzweck Vor- und Nachteile, die jedoch von den Herstellern und Vertreibern kaum ausreichend und verständlich kommuniziert werden. Dies ist auch nicht verwunderlich, denn das Einsatzgebiet „Schildkröten“ ist im Vergleich zu anderen (Food-Bereich, Heizung, Lüftung, Kfz-Technik usw.) für derartige Produkte weitgehend neu. Da Infrarot-Thermometer aber immer mehr von Terraristik-Fachgeschäften angeboten werden, sollte man vor Beginn von Schildkröten-Temperaturmessungen die Schwächen und Stärken der eingesetzten Geräte wissen. Nur dann können gravierende Messfehler und, was noch schlimmer wäre, Falschinterpretationen der Messergebnisse vermieden werden (siehe Anmerkungen am Ende des Beitrages).

Bild 3: Das besonders kleine Infrarot-Distanzthermometer, links, hat einen Durchmesser von nur 10 mm und ist 85 mm lang. Das Digital-Kontaktthermometer rechts danebenCarapax3 (siehe auch Bild 2) besitzt eine etwa 1 m lange Verbindung zwischen Messsensor (Thermoelement) am Ende des hellen Kabels und dem Gerät. Der Flaschenkork in der Nähe des Thermoelementes wurde vom Autor angebracht, damit die Messung weder durch die Hand- bzw. Fingerwärme noch durch die Licht- und Wärmestrahlung von oben (Sonne im Freien, Lampe im Innengehege) verfälscht wird (siehe Bemerkungen im Text).



Links in Bild 3 ist das äußerst handliche, nur 38 g schwere Infrarot-Distanzthermometer BaseTech Mini1 von Conrad für berührungsloses Messen zu sehen (Preis ca. 25 Euro). Wegen seiner geringen Größe kann es bei Feldmessungen leicht in der Hemd- oder Hosentasche mitgeführt werden. Der Messbereich reicht von - 33 bis + 220 °C, die Genauigkeit ist ± 2 °C oder maximal 2 % vom Messwert, die Ansprechzeit liegt bei etwa 1 sec.
Rechts im Bild zum Größenvergleich das schon in Bild 2 im Einsatz gezeigte digitale Kontaktthermometer mit einem K-Typ-Thermoelement als Sensor (Preis des Geräts ca. 30 Euro; Größe ca. 70 x 105 mm). Der winzige Messsensor sitzt über der schwarzen Isolierbandumwicklung der Thermoelement-Drähte und ist auf diesem Bild kaum zu erkennen 

Bild 4 zeigt mit dem PowerTec Energy ein weiteres, etwas größeres Infrarot-Thermometer für den Hobby-Bereich, vertrieben durch Kaleas GmbH & Co zu einem Preis von zurzeit etwa 30 Euro. Es kostet somit etwa gleich viel wie die beiden anderen hier vorgestellten Messgeräte (durch eine Sonderaktion eines Discounters war mein Gerät sogar das preiswerteste von allen drei). Beim Messen liegt es sicherer in der Hand als etwa das Mini-IR-Thermometer (Bild 3 links), d.h. Messfehler durch unruhiges Halten (Zittern) wie beim BaseTech Mini1 sind weniger wahrscheinlich. Der PowerTec besitzt einen Laser zum genauen Anvisieren der gewünschten Messstelle und erlaubt ein kontinuierliches Scannen, z.B. von mehreren Nachzuchttieren im gleichen Behältnis. Dies ermöglicht beispielsweise dem Züchter das Erfassen der Oberflächentemperaturen von mehreren Schildkröten-Babys (z.B. in Abhängigkeit des Abstandes des bevorzugten Sonnenplatzes vom Boden-Lichtkegel der Bestrahlungslampe) durch nur einen einzigen Schwenk von nur wenigen Sekunden Dauer; alternativ ist es auch möglich, die gesamte Oberfläche einer Landschildkröte zu scannen, um auf diese Weise auch Temperaturen an anderen Stellen des Carapax zu ermitteln.

Im Verlauf des Einsatzes des in Bild 4 gezeigten Messgerätes habe ich allerdings festgestellt, dass ein punktgenaues Temperaturmessen ohne Ziellaser (dieser lässt sich abschalten) vor allem bei kleineren Schildkröten fast unmöglich ist, weil die Messstelle dann meist verfehlt wird, sogar dann, wenn kleinere Nachzuchten mit 4 oder 5 cm Größe aus geringem Abstand, z.B. 15 cm, vermessen werden. Dies hängt mit der eingebauten Optik zusammen, einem wichtigen Punkt, auf den weiter unten ausführlich eingegangen wird.

Carapax4kleinBild 4: Infrarot-Thermometer wie das hier gezeigte ermöglichen ebenfalls eine berührungslose Temperaturmessung. Gut ist der kleine rötliche Laser-Zielpunkt etwa auf der Carapaxmitte zu sehen. Die Temperatur der Holzschildkröte an dieser Stelle beträgt 20,7 °C. Selbst IR-Geräte im unteren Preissegment besitzen eine beleuchtete Anzeige, eine sehr schnelle Ansprechzeit (0,5 sec beim hier gezeigten Gerät), einen zu/abschaltbaren Laser und eine ausreichende Messgenauigkeit von ± 2 % vom Messwert (maximal ± 2 °C). Dies bedeutet, dass bei einer tatsächlichen Carapax-Temperatur von beispielsweise 30 °C der Ablesewert zwischen 29,4 und 30,6 °C liegen kann.


Kurz gefasst: Funktionsprinzip
Wie arbeiten nun die beiden Messgeräte-Typen?
Bei einem Kontaktthermometer mit Thermoelement-Sensor (Bild 2) wird der Sensor leicht auf die zu messende Oberflächenstelle aufgesetzt. Der Sensor ist kleiner als ein Stecknadelkopf und besteht aus zwei ungleichen metallischen, an der Spitze miteinander verschweißten Thermoelement-Drähten. Bei dem Gerät in Bild 3 (rechts) liegt die Messspitze offen und darf deshalb nicht beschädigt werden. Wird diese Spitze erwärmt (oder abgekühlt), entsteht eine elektrische Spannung, deren Größe der Temperatur entspricht. Das Instrument errechnet die zugehörige Temperatur und zeigt es auf dem Display an (Bild 2 und 3). Da der Sensor klein ist, nimmt er sehr schnell die Temperatur der zu messenden Stelle an und zwar unabhängig davon, um welches Material (z.B. Metall, Mauerwerk, Holz, Schildkröte) es sich dabei handelt und von welcher Beschaffenheit die Oberfläche ist (rauh, glatt, nass, staubig usw.).

Die Hersteller von Kontaktthermometern sprechen im Zusammenhang mit ihren Produkten gerne von einem ultra-schnellen Sensor. Doch meine Messungen an Schildkröten im  Innengehege und in der freien Natur in Südeuropa haben ergeben, dass es bestimmte Situationen gibt, bei denen die Beharrung (diese ist dann erreicht, wenn sich die Temperaturanzeige nicht mehr verändert) erst nach längerer Kontaktzeit, z.B. 45 sec, erreicht wird (Erläuterung im Text unten).

Die berührungslose Temperaturmessung mit den immer beliebter werdenden IR-Thermometern, z.B. [Uhlhaas und Pohlscheid, 2011], scheint auf den ersten Blick für die hier beschriebene Anwendung eleganter und leichter zu sein. Im natürlichen Lebensraum muss man sich beispielsweise nicht wie beim Kontaktfühler bis zum Boden bücken, um die Carapax-Temperatur einer im Dickicht sitzenden Schildkröte zu messen. Aber Achtung: überhängende Gräser oder Zweige zwischen Schildkröte und Gerät verfälschen das Messergebnis ganz erheblich, selbst ein einzelner dünner Grashalm. Das Tier bekommt die Messung in der Regel nicht mit, versucht also auch nicht zu fliehen.

Der Sensor eines solches Thermometers erfasst die von einer Oberfläche abgegebene (emittierte) und reflektierte Energie, die von der Temperatur abhängt, und lenkt sie auf den Infrarot-Detektor im Gerät. Dieser Detektor formt die Infrarot-Energie in ein elektrisches Signal um, das dann aufgrund der Kalibrierung des Sensors und des eingestellten sogenannten Emissionsgrades wiederum in eine Temperatur umgerechnet und im Display angezeigt wird.

Das Problem mit dem Emissionsgrad
Doch der große Nachteil der IR-Geräte wird oft nicht erkannt oder ist Terrarianern gänzlich unbekannt. Wie gut oder wie schlecht verschieden beschaffene Materialien Infrarot-Energie absorbieren bzw. abstrahlen und reflektieren können, hängt nämlich von ihrem sogenannten Emissionsgrad (Emissionsfaktor) ab, der zwischen 0 und 1,0 liegen kann. Er hängt von mehreren Faktoren ab: Geometrie der Oberfläche (eben, konkav, konvex), Oberflächendicke und -beschaffenheit (rau, oxidiert, poliert usw.), Messwinkel und der Temperatur. Billig-IR-Thermometer, so auch die beiden in diesem Artikel vorgestellten, sind meist auf einen festen Emissionsfaktor von 0,95 eingestellt. Ist der Emissionsgrad des Panzers einer Schildkröte aber niedriger als 0,95, zeigt ein auf 0,95 eingestelltes Gerät eine niedrigere als die tatsächlich vorhandene Temperatur an. Umgekehrt: ist der tatsächliche Emissionsgrad des Schildkrötenpanzers gröfßer als 0,95, wird eine zu hohe Temperatur angezeigt.

Leider ist mir der Emissionsgrad von Landschildkröten und der Einfluss von Panzerstruktur und -Farbe nicht bekannt, zumindest fand ich keine entsprechende Literaturstelle. Messungen (an Schildkröten) mit IR-Thermometern sind daher trotz ihrer Vorteile meiner Meinung nach nicht sehr zuverlässig; mehr dazu weiter unten.

Teurere IR-Thermometer (Preis ab 65 Euro) haben zwar einen frei wählbaren Emissionsfaktor, der aber vor einer Messung zuerst mit einer entsprechenden berührenden Vergleichsmessung ermittelt werden muss. Dann kann aber der Schildkröten-„Experimentator“ auch gleich den Oberflächenfühler verwenden, denn jede wild lebende Schildkröte kann einen etwas anderen Emissionsgrad aufweisen.

Weiterer Nachteil des IR-Thermometers: die Optik, d.h. die Größe des Messflecks
Als weiteren Nachteil bei der Anwendung in der Schildkröten-Terraristik habe ich empfunden, dass der Messfleck der Infrarot-Thermometer auf dem Zielobjekt relativ groß ist. Wird eine Schildkröte z.B. aus 20 cm Abstand angepeilt, hat der Messfleck bei dem in Bild 4 gezeigten Gerät einen Durchmesser von 2,5 cm, bei 40 cm Abstand hat er einen Durchmesser von 5 cm und bei 60 cm Abstand 7.5 cm. Dies bedeutet, dass dieses Messinstrument ein optisches Verhältnis D:S (distance-to-spot) von 8:1 besitzt.
Das Thermometer ermittelt dann jeweils einen Durchschnitts-Temperaturwert über die entsprechende Fläche, der aufgrund von örtlichen Unebenheiten-, Farb- und Rauhigkeitsunterschieden von der Temperatur an einem einzelnen Punkt des Rückenpanzers abweicht. Außerdem besteht die Gefahr, dass der Messfleck, vor allem bei kleineren Schildkröten, teilweise unbemerkt auf den umgebenden Boden fällt und die (abweichende) Bodentemperatur Einfluss auf den Messwert hat. Fällt der Messfleck teilweise auf die seitlichen Randschilde, wird das Messergebnis aufgrund des örtlich unterschiedlichen Messwinkels ebenfalls verändert. Dass das Gerät unbeabsichtigt die Temperatur überhängender Blätter oder Gräser mitmisst, wurde schon angedeutet.
Achtung: der Messfleck darf nicht mit dem Laserfleck (siehe Bild 4) verwechselt werden.

Daraus folgt für das Arbeiten mit einem IR-Thermometer:
♦  Vorzugsweise sind nur IR-Instrumente mit einem möglichst großen Verhältnis D:S zu verwenden. Das in Bild 3 gezeigte Mini-IR-Thermometer lässt sich zwar leicht zur Feldmessung mitnehmen, besitzt aber nur ein optisches Verhältnis von 1:1. D.h., möchte man, dass der Messfleck auf einer (kleinen) Schildkröte - aus Genauigkeitsgründen - nicht größer ist als 1 cm im Durchmesser, darf man die Temperatur nur aus einem Abstand von ebenfalls 1 cm messen!
♦  Das Zielobjekt muss immer (deutlich) größer sein als der Messfleck des Instrumentes auf ihm.
♦  Je kleiner das Zielobjekt ist, desto geringer muss auch die Messentfernung sein, es sei denn, man hat ein Thermometer mit einem D:S-Verhältnis von 10:1 oder besser zur Verfügung. Ist ein Schlüpfling z.B. nur 4 cm groß, darf man ihn selbst mit einem 10:1-Thermometer aus nur 40 cm Entfernung oder weniger scannen.
♦  Man sollte nach Möglichkeit immer den geringstmöglichen Abstand zum Zielobjekt wählen.

Dies relativiert den eingangs genannten Vorteil einer Schildkröten-Temperaturmessung mit einem IR-Thermometer quasi „aus der Hüfte“. Das Bücken im natürlichen Lebensraum, oft bei großer Hitze,  bleibt einem also doch nicht erspart!
Wichtig ist außerdem, dass das IR-Thermometer immer senkrecht zur Messfläche ausgerichtet wird. Wird dies nicht beachtet, ist nach meinen Untersuchungen allein dadurch mit einem Messfehler von rund 1 °C zu rechnen (bei schräger Anpeilung der Messstelle ist die Temperatur geringer als die tatsächlich vorhandene).

Alle diese Nachteile sind bei Kontaktfühlern ausgeschlossen. Bei meinen Messungen erwiesen sich diese punktgenauen Messungen als zuverlässig, aussagekräftig und reproduzierbar. Ich bevorzuge sie seit vielen Jahren sowohl bei Schildkrötenexkursionen im natürlichen Lebensraum von Landschildkröten als auch im heimischen Gehege oder im Terrarium. Wer wie ich Temperaturmessungen an Schildkröten weitergibt, sei es per eigene Website oder im Rahmen von Veröffentlichungen oder Vorträgen, sollte sich nur auf punktförmige Messungen mit einem Kontaktfühler verlassen und dabei auch stets den verwendeten Gerätetyp angeben. Denn sonst sind die Angaben unter Umständen nicht mit anderen vergleichbar.

Ein Kontaktfühler-Messgerät, wie es rechts in Bild 3 zu sehen ist, liefert verlässliche Ergebnisse, weil durch das direkte, senkrechte Aufsetzen des kleinen und schnell reagierenden Messfühlers auf die zu messende Oberfläche ein optimaler Wärmeübergang gewährleistet ist. Der Untersucher ist sich immer ganz sicher, an welcher Stelle des Panzers er genau misst. Falsche Messungen durch überhängendes Gras wie beim Infrarot-Thermometer sind ausgeschlossen, weil der Sensor immer direkt auf dem Carapax platziert wird. Auch Hautmessungen, z.B. am Kopf oder an den Extremitäten, sind ohne Weiteres möglich; dabei besteht keine Gefahr der Beschädigung der Augen wie durch den Ziellaser beim Infrarot-Thermometer.

Nachteile des Kontaktfühlers
Aber es gibt auch Nachteile: man muss den Messsensor auf die Schildkröte am Boden aufsetzen, während man mit einem IR-Thermometer immerhin z.B. 10-15 cm Abstand einhalten kann. In unserer Obhut befindliche Tiere lassen sich jedoch durch diese leichte Berührung kaum stören. Auch von einer Störung frei lebender Schildkröten durch den sehr leichten Kontakt der Messspitze habe ich bei meinen Messungen noch nichts bemerkt, selbst wenn der Sensor etwas länger auf dem Tier verbleiben sollte. Das Herausholen einer wild lebenden Schildkröte aus ihrem Versteck zum Fotografieren oder Vermessen und Wiegen oder gar ein Umdrehen wären erheblich größere Störungen.

Ein weiterer Nachteil des Kontakt-Thermometers ist schwerwiegender, lässt sich jedoch leicht vermeiden. Ungenaue und sogar falsche Messungen entstehen dann, wenn die Gerätetemperatur deutlich von der des Ziels abweicht. Bei der Anwendung im Freien besteht dieses Problem nicht, weil das verwendete Gerät spätestens nach 20 oder 30 Minuten die Umgebungstemperatur angenommen hat. Doch wenn beispielsweise ein Messgerät im kühlen Keller aufgehoben wird und man misst ohne vorherige Temperaturangleichung in einem Terrarium mit ca. 30-35 °C unter der Lampe, entstehen Messfehler, weil die Fühler etwas länger bis zur Temperaturangleichung benötigen.
Dazu ein Beispiel aus meinen Messungen an Heizkörpern: mit einem Kontaktfühler, den ich aus einem Raum mit nur 17 °C Temperatur holte, dauerte es bei einer Temperaturmessung an der ersten Rippe nach dem Heizkörperventil 180 Sekunden (!), bis die Anzeige auf dem Display mit 42 °C stabil blieb, also nsicht mehr weiter anstieg. Legte ich aber das Gerät vor der Messung 30 Minuten lang ins 24 °C warme Zimmer, trat bei der Messung an der gleichen Heizkörperstelle Beharrung schon nach der Hälfte dieser Zeit ein. Noch schneller ging es, nachdem ich das Instrument zur Temperaturangleichung vorher direkt auf den Heizkörper gelegt hatte.

Es ist also vor allem bei Messungen im heißen Terrarium auf eine vorherige Temperaturangleichung des Kontakt-Thermometers zu achten: je größer der Temperaturunterschied zwischen Messobjekt und Gerät ist, desto länger dauert es bei einem Kontaktfühler, bis die tatsächliche Temperatur richtig angezeigt wird. Ich habe es mir aus diesem Grund angewöhnt, den Oberflächenfühler 30 Minuten vor jeder Messung zur Temperaturangleichung einfach auf ein Küchenrollentuch in das Terrarium zu legen. Nur dann wird ein realistischer Messwert schneller als in 10 Sekunden angezeigt. Ob das „ultra-schnell“ ist, wie die Werbung suggeriert, sei dahingestellt. Jedenfalls: liest man die Temperatur am Display des Thermoelement-Oberflächenfühlers bei großen Temperaturdifferenzen zu früh ab, erhält man einen zu niedrigen Wert.

Beim IR-Thermometer spielt die Temperaturdifferenz aufgrund der anderen Wirkungsweise eine weniger große Rolle, obwohl die fest eingebaute Messzeit nur 0,5 Sekunden beträgt. Doch mit einem Messfehler von etwa 2 °C ist auch hier zu rechnen.

Vergleichsmessungen
Bei meinen Vergleichsmessungen habe ich mit den beiden eingesetzten Infrarot-Thermometern mit ihren fest eingestellten Emissionsgraden von 0,95 immer höhere Carapax-Temperaturen an Schildkröten gemessen als mit dem (vorgewärmten) Kontaktfühler. Einige Beispiele aus meinen Aufzeichnungen:
♦ Sternschildkröten im oben offenen Innengehege, 1 Stunde nach dem Abschalten der Strahler:
Infrarot-Thermometer 27,5 °C, Kontaktfühler 22 °C

♦ dto, mit voller Bestrahlung, Schildkröte direkt unter der Lampe:
IR-Thermometer 37 °C, Kontaktfühler 28 °C

♦ Spornschildkröten-NZ im Terrarium, volle Bestrahlung:
IR-Thermometer 33 °C, Kontaktfühler 27 °C

♦ Maurische Landschildkröten-NZ im oben offenen Gehege, ohne Bestrahlung:
IR-Thermometer 20,8 °C, Kontaktfühler 19 °C

♦ dto, mit Bestrahlung (Tier direkt unter der Lampe):
IR-Thermometer 32 °C, Kontaktfühler: 25-26 °C

(angegeben sind jeweils die Mittelwerte der Anzeigen beider IR-Thermometer, die wie bereits erwähnt beide auf einen Emissionsgrad von 0,95 eingestellt sind).

Diese Ergebnisse ließen mich zunächst an der Brauchbarkeit des Kontaktfühlers für meine Zwecke zweifeln. Doch bei Kontrollmessungen des Kontaktfühlers in einer auf Temperaturen zwischen 25 und 45 °C gehaltenen Wasserprobe im Vergleich zum Messergebnis mit einem genau anzeigenden, geeichten Laborthermometer zeigten sich deutlich geringere und damit akzeptierbare Messwert-Unterschiede von 1 bis maximal 2 °C.

Fazit
Mit den einfachen und preiswerten Infrarot-Thermometern werden Schildkrötentemperaturen (Carapax, höchster Punkt) gemessen, die stets höher als die tatsächlichen sind. Die Messergebnisse der IR-Instrumenten sind daher für diesen speziellen Anwendungszweck nicht korrekt und allenfalls dann brauchbar, wenn es um grobe Werte oder um Temperaturtendenzen geht.
Ergebnis: nur Kontaktfühler-Messgeräte mit Thermoelement-Oberflächenfühler liefern nach meinen Erfahrungen realistische und somit aussagefähige Temperaturen.


Carapax5kleinBild 5: Hier sonnt sich eine Gruppe Maurischer und Griechischer Landschildkröten im Freigehege zwar um die Mittagszeit, doch das Bild wurde erst Anfang Oktober aufgenommen: die bereits tief stehende, schwache Herbstsonne konnte den Rückenpanzer der Tiere lediglich auf knapp 20 °C erwärmen. Domestikation hin oder her, die sogenante Thermoregulation ist auch bei wild lebenden Schildkröten nicht anders. Denn auch im natürlichen Lebensraum setzen sich Schildkröten mittags nur an kühleren Tagen oder im Frühjahr oder Herbst der ungeschützten Sonne aus. Im Sommer meiden sie dagegen die heiße Mittagssonne und suchen Linderung in Schattenverstecken. Alle Fotos stammen vom Autor.

Durch die intensive Beschäftigung mit dieser Thematik wurde für mich auch klar, warum einige Schildkröten-Fachautoren überhöhte Schildkröten-Haltungstemperaturen von 40 °C und sogar noch mehr beim Sonnen direkt unter einer Lampe angeben. Da ich in der Natur noch nie eine Landschildkröte mit einer Carapax-Temperatur von 40 °C oder darüber gefunden habe (es sei denn, das Tier lag tot an der prallen Sommersonne), auch nicht in äquatorialen Regionen, halte ich eine derartige Empfehlung für sehr gefährlich - und außerdem für Energieverschwendung. Landschildkröten heizen sich in der heißesten Jahreszeit nur am zeitigen Morgen, seltener am frühen Abend, an der freien Sonne auf, dann also, wenn die Umgebungstemperaturen noch (oder schon wieder) unter 25 °C liegen, oder aber im zeitigen Frühjahr oder im Herbst (Bild 5). Selbst MItte Dezember sind im Schildkrötenbiotop über die Mittagszeit gelegentlich noch Tiere beim sonnen zu entdecken.

Hier nun der HIntergrund der Empfehlung von überhöhten Haltungstemperaturen: Wenn Autoren beobachten, dass sich frei lebende Landschildkröten der direkten Sonnenstrahlung aussetzen (oder Schildkröten im Innengehege häufig unter dem Strahler aufhalten) und messen daraufhin die Carapax-Temperatur mit einem Infrarot-Thermometer (also nicht mit einem Kontaktfühler), sind sie sich nicht bewusst, dass die so unter dem Lichtstrahl gemessenen Werte je nach der Geräteoptik (D:S-Verhältnis), dem fest eingestellten Emissionsgrad und der Messsituation deutlich über der tatsächlich vorhandenen Temperatur liegen. Die Abweichung kann bis zu 10 °C betragen. Daraus resultiert eine, wie ich meine, verhängnisvolle Fehleinschätzung, die dann auch noch kritiklos von anderen Schildkrötenfreunden übernommen wird.

Nur um abschließend ein typisches Beispiel für eine unbemerkte Fehlmessung zu geben: eine juvenile Landschildkröte in einem Freigehege sonnt sich auf dem dort ausgelegten hellen Schottergestein, das die Sonnenstrahlung sehr gut reflektiert. Wird nun die Temperatur auf dem Carapax aus 30 cm Distanz mit dem in Bild 3 links gezeigten Mini-Infrarot-Thermometer mit seiner (schlechten) Optik von nur 1:1 gemessen, entsteht ein Messfleck von ebenfalls 30 cm Durchmesser. Dieser Messfleck ist viel größer als das Zielobjekt und fällt zwangsläufig auf das umgebende helle Gestein. Der Detektor im Thermometer kann aber nicht unterscheiden, welcher Teil der abgegebenen und reflektierten Strahlung vom Gestein und welcher Teil von der Schildkröte stammt. Da in diesem Fall der Strahlungsanteil der Umgebung überwiegt, wird allein aus diesem einzigen Grund eine deutlich höhere Temperatur als in Wirklichkeit vorliegt angezeigt.   

Literatur:
Edwards A.L. & Blouin-Demers G. (2007): Thermoregulation as a function of thermal quality in a northern population of painted turtles, Chrysemys picta. Can. J. Zool. 85, S. 526-535
Köhler Horst (2008): Aufzucht europäischer Landschildkröten-Babys. Schildi-Verlag Augsburg, ISBN 978-3-00-023839-0
Köhler Horst (2009): Temperatur- und UVB-Messungen an europäischen Landschildkröten im natürlichen Mikrohabitat. MINOR, DGHT-AG Schildkröten, 8. Jahrgang, Heft 3, S.20-30
Köhler Horst (2011): Die UV-B-Bestrahlung von Landschildkröten im Biotop und bei der Innenhaltung. Website www.schildi-online.eu, Rubrik „UVB-Fachartikel“, Mai 2011
Uhlhaas Manuel und Pohlscheid Philipp (2011): Messverfahren zur Überwachung des Terrarienklimas. REPTILIA, Nr. 91

Dieser Beitrag wurde am 19. Januar 2013 online gestellt.


Teil 1:
Inhalt: Schildkröten-Anschaffungen eines Schildkröten-Anfängers - Probleme - Symptome - erste Todesfälle - Nachkauf - wieder Todesfälle

Einleitung
Ein Verwandter, der über Jahre hinweg meine Begeisterung für Landschildkröten miterlebte und auch hin und wieder deren Betreuung einschließlich Ausgrabens der Gelege in unserem Urlaub übernahm, wollte sich endlich eigene Schildkröten zulegen. Trotz meiner Bedenken entschied er sich für die groß und (in der Natur) bis zu 100 kg schwer werdenden tropischen, aus Afrika stammenden Spornschildkröten (Geochelone sulcata). Er hatte gelesen [1, 2] und im Internet recherchiert, dass es sich bei dieser Art um „ideale Anfängerschildkröten“ handeln soll, die „besonders vital und anpassungsfähig“ sind. Nun ja, ein großes Gartengrundstück stand ja zur Verfügung und für eine spätere Unterbringung im Winter gab es die Möglichkeit, einen großen Kellerraum zu räumen und als Zimmerterrarium herzurichten.
Doch noch waren die anzuschaffenden Schlüpflinge sehr klein und konnten deshalb die erste Zeit bei schlechter Witterung, im Winter und in den Übergangszeiten in einem selbst gebauten, oben offenen Zimmergehege gehalten werden.

Leid Bild1Bild 1: 3. April 2011: Wenige Tage nach Ankunft der ersten vier Spornschildkröten-Babys ahnte man noch nichts von ihrem traurigen Schicksal. Zwar war der Appetit der vier Schildkröten mäßig, doch dies schrieb der neue Besitzer dem Stress durch den Versand zu. Aber zwei oder drei Wochen später fraßen die Tiere noch schlechter. Eine provozierende Frage, die sich erst spät stellte: Waren die Schildkröten vielleicht durch eine Vitamin- und Aufbauspritze kurz vor ihrem Versand „hochgeputscht“ und dabei womöglich auch noch verletzt worden?


Die ersten vier Spornschildkröten-Babys
So zogen bei ihm in der zweiten Märzhälfte 2011 vier hübsche Spornschildkröten-Babys ein (Bild 1), die er sich per Übernacht-Tierspedition von einem Händler aus Nordrhein-Westfalen schicken ließ. Laut dessen Aussage waren die Tiere im Februar 2011 geschlüpft, also bei ihrer Ankunft beim neuen Besitzer vier bis fünf Wochen alt; sie wogen zwischen 41 und 46 g. Ein derartiges Gewicht scheint für diese Art bei diesem Alter durchaus normal zu sein. Drei der Kleinen nahmen bis Ende Mai jeweils um ein paar Gramm zu, das Gewicht des vierten Tiers, in meinen Aufzeichnungen Nr. 4 genannt, änderte sich jedoch nicht: Im Gegenteil, Nr. 4 (Bild 2) nahm sogar leicht ab.

Mitte Juni war klar, dass das Gewicht aller vier Tiere stagnierte, trotz optimaler Haltung (Bodengrund, relative Feuchte, Bestrahlung, UVB) und einem abwechslungsreichen Grün- und Trockenfutterangebot mit Calciumzusatz. An sonnigen Tagen war ein Aufenthalt im Freien selbstverständlich. Doch die Spornschildkröten zupften auch dort recht lustlos sowohl am angebotenen Grünfutter als auch am jungen Gras oder Klee im Rasen. Sie hatten offensichtlich Probleme sowohl beim Schnappen nach dem Futter, beim Abreißen als auch beim Hinterunterschlucken. Nach dem Fressen waren sie jedes Mal so erschöpft, dass sie für den Rest des Tages nur noch träge unter der Wärmelampe dösten. Was mir noch auffiel, war, dass sie helles Licht mieden; auch im Gartengehege suchten sie schon nach kurzer Zeit Schattenplätze auf.
                                                                                                                                                                    

LeidBild2Bild 2: Spornschildkröten-Schlüpfling Nr. 4, aufgenommen am gleichen Tag wie Bild 1, marschiert interessiert durch den Rasen. Doch spätestens im Juni 2011 war das abgelaufene Terrain nicht viel größer als  die Fläche von zwei DINA4-Seiten.





 

 

 

Die gleichen Symptome konnte ich auch bei den weiteren, später als Ersatz hinzugekauften oder eingetauschten Spornschildkröten-Schlüpflingen beobachten – doch mehr dazu später. Die anfängliche Freude und der Stolz meines Verwandten schlug jedenfalls in Enttäuschung und Ärger um. So hatte er sich die Pflege seiner ersten eigenen Schildkröten nicht vorgestellt! Von wegen „Anfänger-Schildkröten“!

Da der Besitzer tagsüber für einen Tierarztbesuch mit seinen Schildkröten keine Zeit hatte, übernahm ich diese Aufgabe und stellte die Gruppe Mitte Juni einer schildkrötenerfahrenen Tierärztin vor – es sollte nicht der einzige Tierarztbesuch bleiben. Die Tierärztin stellte weich werdende Bauchpanzer (Panzererweichung) und weiche Kiefer sowie Ödeme an den Hinterextremitäten und eine Verschleimung der Rachenräume fest. Bei zwei Schildkröten schien auch schon der anfangs noch relativ harte Carapax weich zu werden. Tier Nr. 4 rieb sich außerdem auffällig oft mit den Vorderbeiden über die Augen: Floxal-Augentropfen (Wirkstoff: Ofloxacin) sollte Abhilfe bringen. Außerdem empfahl mir die Tierärztin, die vier Schildkröten täglich etwa 10 Minuten lang in ein verdünntes, lauwarmes Schwarztee-Bad zu setzen und vermehrt Kalk auf das Futter zu streuen.


Gruppe auf sechs Tiere angewachsen

Als sich das Gesamtbild Ende Juni 2011 immer noch nicht gebessert hatte, ließ ich eine Kotprobe eines der mittlerweile auf sechs Jungtiere angewachsenen Gruppe untersuchen. Der Besitzer hatte sich nämlich Anfang Juli 2011 auf einer Reptilienbörse in Augsburg zwei weitere, schon etwas ältere Schlüpflinge, Nr. 5 mit 72 g und Nr. 6 mit 90 g Gewicht, zugelegt (Schlupf: Dezember 2010), in der Hoffnung, dass sie die anderen zum verstärkten Fressen anregen würden. (Hinweis: dieser Kauf war sicherlich ein Fehler, denn man erwirbt keine neuen Tiere, schon gleich gar nicht ohne längere Quarantäne, solange der Altbestand nicht in Ordnung ist.) Das Ergebnis der an eine qualifizierte Untersuchungsstelle eingeschickten Kotprobe: starker Befall mit Oxyuriden (Madenwürmer). Also: Eingabe des Wurmmittels Panacur (Wirkstoff: Fenbendazol) bei allen sechs Schildkröten mit Wiederholung dieser Behandlung 14 Tage später. Dafür waren nochmals zwei Besuche bei der Tierärztin fällig.


Die ersten beiden Todesfälle; Sektion ohne Ergebnis

Doch auch diese Wurmbekämpfung brachte keine Besserung. Die Futteraufnahme blieb weiterhin minimal. Jeder meiner erst vier Wochen alten Schlüpflinge von Europäischen Landschildkröten frisst mit einem Gewicht um etwa 20 g deutlich mehr als die über doppelt so schweren Spornschildkröten-„Kümmerlinge“, wie sie die Tierärztin bezeichnete. Anfang August 2011 war endgültig klar, dass zumindest bei den vier Tieren Nr. 1-4 etwas nicht stimmen konnte, denn zu diesem Zeitpunkt brachte nur noch ein Tier ein paar Gramm mehr auf die Waage als bei Erhalt 4 ½ Monate zuvor; die anderen drei hatten entweder abgenommen oder nicht zugenommen (Bild 3).

LeidBild3Bild 3: Die beiden kümmernden Sulcata-Nachzuchten Nr. 1 und 3, geschlüpft im Februar 2011, im Alter von knapp 5 Monaten im Vergleich zu einer 35  x 52 mm großen Zündholzschachtel. So apathisch wie auf dem Bild gaben sie sich jeden Tag. Hätte man sie schon zu diesem Zeitpunkt einschläfern lassen sollen?








 

Ich entschloss ich mich nach anfänglichem Sträuben, die beiden Tiere mit dem schlechtesten Zustand und dem geringsten Appetit, und dies waren Nr. 1 und Nr. 3, in mein (leeres, gründlich desinfiziertes) Terrarium zur Intensivbetreuung zu übernehmen (Bild 3). Der Bauchpanzer von Nr. 3 fühlte sich mittlerweile so an, als wenn man in frisches Brot drückt. Die Tierärztin vermutete Luft- oder Gaseinlagerungen unter den Hornplatten und gab zumindest Nr. 3 keine Überlebenschance mehr. Als letzte Maßnahme spritzte sie bei den beiden noch ein Aufbau- und Vitaminmittel. Doch auch dies nützte nichts: Zwar bissen die zwei ab und zu in den angebotenen Spitzwegerich, wurden aber zusehends schwächer und apathischer. Am 4. September lag Nr. 1, nicht ganz unerwartet, tot im Terrarium (Bild 4); Nr. 3 ließ ich drei Tage später einschläfern. Das Gewicht der nur sechs Monate alt gewordenen Schildkrötenbabys am Todestag: 42 bzw. 48 g, d.h. sie wogen 4 g weniger (Nr. 1) bzw. nur 4 g mehr (Nr. 3) als beim Kauf im März. Wenige Tage vor ihrem Ableben hatte ich nochmals eine Kotprobe von ihnen auf einen etwaigen Parasitenbefall hin untersuchen lassen, doch wurden weder Hinweise auf einen Wurm- noch einen Flagellatenbefall festgestellt.

Der Sinn einer medikamentösen Bekämpfung eines Oxyuridenbefalls bei Landschildkröten ist nicht unumstritten: Darauf werde ich im zweiten Teil dieses Beitrages näher eingehen.

LeidBild4

Bild 4: Spornschildkröten-Schlüpfling Nr. 1, wenige Stunden nach seinem Tod fotografiert. Man beachte den stark nach außen gewölbten Bauchpanzer (Plastron) und die massiven sackförmigen Ödeme an den HInterbeinen. Tiere mit derart starken Flüssigkeitseinlagerungen dürfen keinesfalls gekauft und sollten vor allem vom Züchter gar nicht erst angeboten werden! Das Baby Nr. 3 wurde drei Tage später durch die Tierärztin eingeschläfert.







In Absprache mit der Tierärztin wurde die eingeschläferte Spornschildkröte Nr. 3 noch am gleichen Tag (7. September 2011) zusammen mit einem Kühlelement aus der Gefriertruhe an das Chemische und Veterinärmedizinische Untersuchungsamt Ostwestfalen-Lippe in Detmold (Dr. Silvia Blahak) zur Gesamtuntersuchung und Feststellung der Erkrankungs- und Todesursache geschickt. Diese Untersuchung war zwar äußerst preisgünstig, aber das Ergebnis für den leidgeprüften Halter und auch für mich leider wenig hilfreich. Außer einer Entwicklungsstörung der Knochen (Rachitits) und dem weichen Panzer wurde nichts Ungewöhnliches festgestellt, weder Parasiten noch Viren (auch nicht Virus X), auch keine außergewöhnlichen mikrobiologischen und pathologisch-histologischen Befunde und auch keine Parasiten; letzteres wusste ich ja aus der kurz zuvor erfolgten Kotuntersuchung bereits selbst.

Meine an die Untersuchergruppe nach Detmold geschickte Nachfrage nach den möglichen Ursachen des Problems und wie am besten mit den übrigen Spornschildkröten-Babys zu verfahren ist, blieb unbeantwortet.

Um diese Zeit überließ mir der mittlerweile regelrecht frustrierte Besitzer auch seine beiden noch lebenden Babys aus der ursprünglichen Sendung, Nr. 2 und 4, zur Betreuung und Beobachtung; er selbst hielt noch die beiden Neuankömmlinge Nr. 5 und 6, die ja von einem anderen Züchter als die Tiere Nr. 1-4 stammten und die sich hoffentlich, im Gegensatz zu den ersten vier, normal entwickeln würden. Doch, wie wir später noch sehen werden (Teil 2 des Artikels), war auch dies ein Trugschluss.


Erste Ursachenvermutungen

Die sehr oft aufgesuchte und konsultierte Tierärztin vermutete anfangs, dass unsere Schildkröten-Gruppe als Folge des im Juli 2011 bekämpften Wurmbefalls eine Darmentzündung bekam und dass deshalb trotz UVB-Bestrahlung und Calciumzugaben die körpereigene Erzeugung der biologisch aktiven VittaminD3-Form (Calcitriol) nicht funktionierte. Das lebensnotwendige Calcium wurde deshalb schließlich den Knochen entzogen; die Folge daraus war dann die beobachtete Knochenerweichung. Ich war allerdings skeptisch, ob dies wirklich die Ursache des Problems ist, denn die weich werdenden Panzer waren ja schließlich bereits vor der Panacurgabe im Juli nicht mehr zu übersehen gewesen. Doch gegen einen weiteren, vielleicht letzten Rettungsversuch wollte ich mich dann doch nicht sperren.

So experimentierte ich bei Nr. 2 und 4 eine Zeit lang mit der Verabreichung von fettgebundenem Vitamin D3 aus einem Katzen-Nassfutter (Bild 5), mit Vitamin D3-Pulver und schließlich mit stark verdünntem Vigantol-Öl; beim Vigantol-Öl orientierte ich mich an einem wöchentlichen Vitamin D3-Bedarf von jungen Landschildkröten von etwa 100 I.E. je kg Körpermasse, was bei einer 40 g schweren Schildkröte eine Menge von lediglich 0,0002 ml (unverdünntes Öl) je Woche bedeutete. Da aber Nr. 2 und 4 sehr wenig, eigentlich fast gar nichts mehr fraßen und das Katzenfutter ganz verweigerten, konnte man sich von dieser Maßnahme kaum einen Erfolg erhoffen. Ungeklärt scheint darüber hinaus, wie gut oder schlecht Landschildkröten ölige Substanzen verarbeiten können. Werden die nämlich sofort wieder unverdaut ausgeschieden, erfolgt die Maßnahme ohnehin umsonst.

Ich war deshalb damit einverstanden, dass die Tierärztin die beiden Kümmerlinge Nr. 2 und 4 vier Tage lang zur Zwangsfütterung in ihrer Praxis behielt. Die beiden erhielten zwei Mal täglich verdünntes Vitamin D3-Öl mit staubförmigem Heufutter über eine Sonde. Außerdem wurden sie täglich mit der starken Osram-UV-Lampe UltraVitalux bestrahlt. Danach sollte ich die Zwangsernährung mit dem Öl selbst fortführen.

LeidBild5Bild 5: Katzennassfutter ist zwar kein artgerechtes Futter für gesunde Landschildkröten, doch sollte nach dem Vorschlag der Tierärztin versucht werden, den kümmernden Schlüpflingen Vitamin D3 in optimaler Form zuzuführen. Nach der Inhaltsangabe enthält 1 kg dieses Katzenfutters 200 I.E. VitaminD3. Abgesehen davon, dass die beiden kleinen Spornschildkröten dieses Futter verweigerten, hätte davon jedes Tier zur vollen Deckung seines VitaminD3-Bedarfs 20 g je Woche zu sich nehmen müssen.


 

Doch zunächst bereitete mir ein neues Problem Sorgen. Obwohl die zweifache Panacur-Verabreichung zur Oxyurenbekämpfung bei Nr. 1-6 erst etwa drei Monate zurücklag und die Tiere nie Kontakt mit fremden Schildkröten hatten, ließ ich Mitte Oktober von Nr. 5 und 6 im Terrarium meines Verwandten erneut eine Misch-Kotprobe mikroskopisch untersuchen. Überraschendes Resultat: wieder starker Oxyuridenbefall! Ob die bei mir befindlichen Nr. 2 und 4 auch wieder von diesen Würmern befallen waren? Ich wollte dies aber gar nicht mehr wissen, vor allem wollte ich den beiden geschwächten Tieren nicht noch eine weitere Panacur-Eingabe mit Wiederholung zumuten, zumal ich zu dieser Zeit schon alle zwei Tage zwangsernährte und dabei zunehmend Probleme bekam, den kleinen Kopf der beiden zu fassen und das Maul für die Eingabe zu öffnen.

Ich informierte den Verkäufer von Nr. 1-4 schriftlich und mit Fotos über die Krankheitsgeschichte seiner Tiere, waren doch in etwa acht Monaten bereits über 250 Euro an reinen Tierarzt- und Medikamentenkosten angefallen. Fairerweise war der Händler einsichtig, verzichtete auf eine Rückgabe der beiden noch lebenden Schildkröten Nr. 2 und 4, erstattete den vollen Verkaufspreis der Vierergruppe zurück und lieferte außerdem Ende September 2011 zwei je 63 g schwere Babys als Ersatz (hier Nr. 7 und 8 genannt; Schlupf: Januar 2011). Sie sollten, und das hatten wir damals gefordert, nicht vom gleichen Züchter stammen wie Nr. 1-4 (Nr. 5 und 6, auf einer Börse gekauft, stammten ebenfalls bereits aus anderer Quelle). Ob das dann jedoch auch wirklich der Fall war, konnte ich allerdings nicht überprüfen.

Ende September 2011 betrug somit der Gesamtbestand wieder sechs Sulcata-Schildkrötenbabys - von drei verschiedenen Züchtern. Davon hielt ich selbst Nr. 2 und 4 in Dauerpflege.

 

Wenig Freude auch mit Nr. 2 und 4
Mit den beiden hatte ich, wie bei Nr. 1 und 3, sehr wenig Freude, dafür umso mehr Kummer. Denn Schlüpfling Nr. 2 nahm über vier Wochen (!) lang überhaupt nichts zu sich und nahm von einem Höchstgewicht von 52 g (Anfang September) auf 42 g (Mitte November) ab. Damit wog die kleine Schildkröte gerade mal 1 g mehr als beim Erwerb acht Monate zuvor. Das Geschwistertier Nr. 4 fraß zwar wenigstens ab und zu etwas von dem angebotenen Futter, doch auch sein Gewicht stagnierte bei 40-41 g; genauso viel hatte die Schildkröte beim Kauf im März gewogen.

So stimmte ich einer erneuten viertägigen stationären Versorgung der beiden Kümmerlinge 2 und 4 durch meine Tierärztin zu. Vom 28. November bis 2. Dezember 2011 erfolgte in deren Praxis eine ein- bis zweimalige tägliche Zwangsfütterung mit verdünntem Vitamin D3-Öl und staubförmigem Heufutter, begleitet von einer 10-minütigen kontrollierten UVB-Bestrahlung mit der UltraVitalux-UV-Lampe von Osram.

Danach setzte ich die Zwangsernährung alle drei Tage selbst fort: ich mischte stark verdünntes VitaminD3-Öl, RodiCare instant-Pulver (eine Art staubförmiges Heufutter), zerstoßenes sera raffy Mineral- und Dorswal-Schildkrötenbabyfutter, etwas (reines) Spirulina-Algenpulver (mit dem ich gelegentlich Rinderherzbasis-Futter für meine Diskus-Zierfische anreichere), je eine Prise Wobenzym und einer Vitaminmischung mit etwas Wasser zu einem Brei und führte diesen über eine dünne Sonde oral ein (Bild 6). Insgesamt vermengte ich 2,5 ml Pulver mit 5 ml Wasser; von dieser Mixtur (ca. 7,5 ml) erhielt jede Schildkröte je Verabreichung zwischen 2 und 2,5 ml, wobei mitunter ein kleiner Teil davon wieder aus dem Maul herauslief. Dies nahm ich aber in Kauf, bevor ich die Patienten durch ein zu tiefes Einführen des Sondenschlauchs verletzen würde.

LeidBild6Bild 6: Die Ausgangsprodukte zur Herstellung eines hochwertigen Schildkrötenfutters für kümmernde Tiere. Von links: sera raffy Mineral (zerkleinert), Dorswal (zerkleinert), Spirulina, RodiCare instant und verdünntes Vitamin D3.-Öl. Im Glasschälchen ein Vitamin/Enzymgemisch, davor ein Dosierlöffel und ganz unten die Sonde für die orale Eingabe. Inhalt der Spritze: ca. 2,5 ml.






 

Immer noch hatte ich Schwierigkeiten, mit meinen Fingern den Kopf der Kleinen vorzuhalten und das Maul für die Zwangsfütterung zu öffnen. Ich glaube, Frauen mit ihren schlankeren Fingern tun sich da doch wesentlich leichter. Ein Vergnügen war die Zwangsernährung  für mich wirklich nicht! Den beiden Kleinen behagte sie natürlich auch nicht. Sobald ich sie aus dem Terrarium holte, zogen sie ihre Köpfe, Beine und Arme ein; es blieb mir nichts anderes übrig, als minutenlang still vor ihnen zu sitzen und beim Erscheinen des Kopfes sofort zuzugreifen. Diese eine Chance musste ich allerdings unbedingt nützen, denn bei einem Fehlgriff wäre der Kopf für längere Zeit eingezogen geblieben.
Nach der Prozedur und dem Zurücksetzen ins Terrarium liefen die beiden Schildkröten dort jedes Mal eine halbe Minute wie in Panik umher, bis sie sich wieder beruhigt hatten.

In den Tagen zwischen den Zwangsfütterungen bot ich täglich frisches, klein geschnittenes Grünfutter mit Calciumpulver überstreut an, das aber die beiden Patienten weitgehend ignorierten. Nr. 2 nahm dabei noch etwas mehr Futter zu sich als Kümmerling Nr. 4, der schon recht apathisch wirkte. Oft fragte mich meine Frau, ob die beiden Schildkröten denn überhaupt noch leben…

Bild 7 ist eine Terrarienaufnahme aus dieser Periode von den beiden Babys Nr. 2 und 4. Neben einer UVB-Kompaktleuchte (links) gab es auch einen Halogen-Spotstrahler (rechts) für ausreichende Licht- und Wärmeabgabe. Die Leistung des Strahlers war so gewählt, dass auch bei einem längeren Aufenthalt eines Tiers direkt unterhalb der Lampe nie mehr als 28 °C Carapaxtemperatur auftreten konnte. Der Lieblings-Ruheplatz der beiden war ohnehin etwas seitlich vom zentralen Licht- und Wärmefleck am Boden; dort betrug die Carapaxtemperatur, mit einem Kontaktfühler mit Thermoelement-Sensor gemessen, 26 °C (siehe den unten stehenden Beitrag vom gleichen Autor vom 15.11.2012: Carapax-Temperaturen messen, aber richtig).

LeidBild7Bild 7: Die geschwächten Spornschildkröten-Schlüpflinge Nr. 2 und 4 in ihrem Terrarium. Abstand Carapax zu den Strahlern ca. 35 cm. Im Terrarium befand sich auch eine kleine Badeschale, die die Tiere jedoch nur selten aufsuchten. Jeden Abend, nach dem Abschalten der Lampen, wurde das Innere mit lauwarmem Wasser übersprüht. Ich verwendete unterschiedliche Substrate, wie z.B. lockere, fein gehäckselte Rindenborke (wie im nebenstehenden Bild), Hanfeinstreu, ungedüngte Gartenerde sowie Rasenstücke grün und trocken-hart.


 

 

Bei obiger Rezeptur handelte es sich um die Modifikation und Erweiterung eines von Hans-Jürgen Bidmon verwendeten hochwertigen Futters. Er teilte mir mit [3], dass er mit einer Mischung aus zerkleinerten sera reptil raffy Mineral-Sticks, Fischfuttertabletten mit möglichst hohem Spirulinaanteil und einigen Tropfen Walnuss- oder Distelöl einige Schildkröten retten konnte, deren Köpfe bereits passiv hin und her kippten und die eigentlich eingeschläfert werden sollten. Weiterhin riet mir der bekannte Schildkrötenexperte, die Temperatur im Terrarium nicht höher als 28 °C einzustellen, was ich als Ergebnis meiner eigenen Carapax-Temperaturmessungen an frei lebenden Schildkröten ohnehin bei allen meinen eigenen Landschildkröten bei der Innenhaltung einhalte [4]. Aber auch nachts sollte bei meinen äußerst geschwächten beiden Tieren gemäß Bidmon keine Temperaturabsenkung erfolgen: so verbrachten die beiden die Nächte in einem Inkubator, den ich auf 27 °C einstellte. Durch ein nasses Küchenrollenpapier sorgte ich auch nachts für ein leicht feuchtes Klima.

Im Rahmen eines Schriftwechsels bemerkte H.-J. Bidmon unter anderem, dass ein reiner Wurmbefall keine Darmschädigung, also auch keine Darmentzündung, bewirken kann. Diese Aussage ist schon deswegen einleuchtend, weil fast alle wild lebenden Landschildkröten, auch tropische Arten, von Würmern befallen sind - und trotzdem nicht kümmern! Der Darm hat auch nichts mit der Vitamin D3-Synthese selbst zu tun; allenfalls kann durch einen aus anderen Gründen defekten Darm die Calciumaufnahme gestört sein. In einem solchen Fall, so Bidmon weiter [5], kann ein funktionsgestörter Darm aus dem eingeflößten Öl kein Vitamin D aufnehmen. Denn dieses muss verdaut und aufgenommen werden, sonst scheidet das Tier Vitamin D mit dem Öl ungenutzt wieder aus.

Doch alle meine Bemühungen (und auch die der Tierärztin) waren letztlich vergebens: am 18. Dezember, einen Tag nach der letzten Zwangsfütterung durch mich, saß Nr. 4 tot im Terrarium, noch mit einem Stückchen Giersch von der Grasnarbe im Maul. Gewicht: 38 g ! Der Leser erinnert sich: beim Kauf Mitte März 2012 war das Gewicht noch 41 g.
Nr. 2 war rein optisch in einem etwas besseren Zustand und fraß zu meiner großen Erleichterung wieder etwas mehr, doch auch diese Schildkröte verstarb am 14. Januar 2012 mit einem Gewicht von 47 g. Keines der vier Tiere Nr. 1-4 lebte also trotz fürsorglicher und, wie ich meine, optimaler und extrem zeitaufwendiger Pflege länger als neun Monate.

Beide verstorbenen Jung-Schildkröten schickte ich, tiefgefroren in einem Plastikbeutel luftdicht verpackt, zu einer gründlichen Sektion an einen erfahrenen Spezialisten, der schon Dutzende von verstorbenen Schildkröten seziert hat (auf die Untersuchungsergebnisse wird kurz im 2. Teil eingegangen).

Der Tod der jungen Spornschildkröte Nr. 2 war auch für mich als Pfleger und vorübergehender Besitzer (auch wenn ich nicht der Eigentümer war) fast ein Schock, denn das Tier hatte in den drei Wochen zuvor mehr gefressen als zuvor und zeigte sich auch aktiver als bisher: es bewegte sich interessiert im gesamten Terrarium, fraß dabei immer mal wieder von dem Grün aus der Grasnarbe, sah mich bewusst durch die Glasscheibe hindurch an und kam von selbst zur Futterplatte, sobald ich frisches Grünfutter brachte. Ich hatte in dieser Phase nie den Eindruck, dass das Tier leiden würde. Allerdings schlief es tagsüber immer wieder für längere Zeit, so, als wenn es das Fressen zu sehr angestrengt hätte. Irritiert hat mich vor allem, dass Nr. 2 zwei Tage vor dem Tod beim Bad eine ungewöhnlich große Menge weißlich-grauer Urate ausgeschieden hatte (Bild 8 und 9). Nach dem Trocknen der Ausscheidungen betrug die Menge 1,5 ml, nach meiner Anschauung reichlich viel für eine nur 47 g schwere kleine Landschildkröte.

LeidBild8

Bild 8: Etwa 17 cm Durchmesser hat dieser Plastik-Badebehälter (sein Rand ist rechts zu erkennen), in dem die Schildkröte Nr. 2 beim regelmäßigen Bad kurz vor ihrem Ableben eine ungewöhnlich große Menge an Uraten ausschied. Gleichzeitig schied sie auch ein kleines festes, schwarzes Kotstückchen aus. Zwei Tage später war die Schildkröte tot.

 

 

 

 

 

 

LeidBild9Bild 9: Das tote Spornschildkröten-Baby Nr. 2 neben einer Küvette mit den ausgeschiedenen Uraten nach der Trocknung und einer 10-cent-Münze als Größenvergleich. Dieses Tier wurde bei einer Sektion ebenso gründlich untersucht wie das ungefähr einen Monat zuvor verstorbene Geschwistertier Nr. 4. Es lebte nur neun Monate.







Handelte es sich um (illegal importierte) Wildfänge?
Die Untersuchung einer Kotprobe der beiden auf der Augsburger Reptilienbörse im Sommer 2011 gekauften Spornschildkröten (Nr. 5 und 6) Mitte Oktober ergab, wen wundert es angesichts der beschriebenen Leidensgeschichte schon, ebenfalls einen starken Oxyuridenbefall, wie zuvor schon bei Nr. 1-4. Da die beiden mit den Anfang Oktober als Ersatz gelieferten Schildkröten Nr. 7 und 8 das gleiche Gehege teilten, gab die Tierärztin allen vieren am 8. November 2011 Panacur per Sonde ein. Unerwartete Überraschung: Einige Tage später rief mich mein Verwandter aufgeregt an und teilte mir mit, dass beim Baden von Nr. 7 und 8 (Lieferant war der oben bereits erwähnte Händler aus Nordrhein-Westfalen) je „ein großer Wurm“ abging. Da der Besitzer am gleichen Ort wie ich wohnt, suchte ich ihn sofort mit meiner Kamera auf und konnte die beiden noch höchst aktiven Würmer mit eigenen Augen betrachten. Es handelte sich um zwei große Spulwürmer (Askariden, Trematoden; Bild 10). Der größere der beiden Würmer war rund 9 cm lang. Noch nie zuvor hatte ich einen so großen Wurm aus einer so kleinen Schildkröte gesehen, auch nicht auf veröffentlichten Fotos!

LeidBild10Bild 10: Zwei große, noch lebende Spulwürmer unbekannter Herkunft und Gattung, ausgeschieden von den beiden Schildkröten-Patienten Nr. 7 und 8 nach einer Panacur-Eingabe. Der größere der beiden Würmer, hier links in dem kleinen roten Deckel zusammengerollt,  war 9 cm lang.
Erläuterung zur Rückennummer: Der Besitzer hatte die Ende September 2011 als "Entschädigung" erhaltenen Schildkröten Nr. 7 und 8 mit Nr. 2 und 3 gekennzeichnet, nachdem seine ersten Babys Nr. 1 und 3 nicht mehr existierten  und Nr. 2 und 4 beim Autor in Dauerpflege waren. Alle Fotos stammen vom Autor.



Im Gegensatz zu Oxyuriden (siehe Teil 2 des Artikels) müssen Spulwürmer unbedingt bekämpft werden (ebenfalls mit Panacur), wobei eine mögliche Reinfektion durch vorübergehende Haltung auf Papier, das täglich zu wechseln ist, ausgeschlossen werden muss. Wird Kot ausgeschieden, ist dieser jeweils sofort zu entfernen.

Ich hole mir gerne verschiedene Meinungen von anderen Experten ein, so auch in diesem Fall: Ein weiterer von mir konsultierter Tierarzt mit langjähriger Erfahrungen bei der Behandlung von Reptilien wies mich auf die Problematik einer erfolgreichen Ausrottung von Trematoden hin: davon befallene Tiere müssen täglich, und zwar 10 Tage hintereinander, mit jeweils 50 mg Panacur je kg Körpermasse oral behandelt werden. Diesen Stress wollte ich jedoch den kleinen, geschwächten Spornschildkröten nicht zumuten. Ich hoffte einfach, dass außer den beiden ausgeschiedenen Spulwürmern keine weiteren den Darm besiedeln.

Der von mir konsultierte Fachmann, davon informiert, sah es angesichts der Spulwürmer und der in diesem Beitrag ausführlich geschilderten Symptome als nicht unwahrscheinlich an, dass es sich bei den erworbenen Spornschildkröten nicht um deutsche Nachzuchten, sondern um Importierttiere handeln könnte, die als Babys einfach mit den Bedingungen hierzulande nicht zurechtkommen.

Inhalt des in Vorbereitung befindlichen 2. Teils dieses Artikels:
Zu den Untersuchungsergebnissen - Wieder gleiche Probleme bei sechs weiteren neu erworbenen Tieren / sofortige Rückgabe - Wie es Nr. 5 und 6 heute ergeht - Negative Erfahrungen auch von anderen Spornschildkröten-Haltern - Ursachenfindung: Fakten und Thesen - Was sollten Spornschildkröten-Babys wiegen? Auf was beim Kauf von Sulcata-Schlüpflingen zu achten ist - Fazit.

Literatur:
[1] Herz Mario (2010): Die Spornschildkröte. Art-für-Art, NTV-Verlag, 64 S., ISBN 978-3-86659-141-7
[2] Kodymová Veronika und Konás Jan (2007/2008): Zucht der Spornschildkröte im Zoo Pilsen, Tschechien. MARGINATA Nr: 16, S. 18-23
[3] Bidmon Hans-Jürgen (2011): pers. Mitteilung an den Autor vom 10.12.2011
[4] Köhler Horst (2008): Aufzucht europäischer Landschildkröten-Babys. Schildi-Verlag Augsburg, ca. 180 Seiten, ISBN 978-3-00-023839-0
[4] Bidmon Hans-Jürgen (2001): pers. Mitteilung an den Autor vom 9.12.2011

 

Dieser Artikel wurde am 26. November 2012 online gestellt.

von Horst Köhler, Friedberg


Einleitung

Vor allem wild lebende Europäische Landschildkröten, aber auch tropische Arten, machen in ihren Vorkommensgebieten in Süd- und Südosteuropa auch an heißen Sommertagen nie sehr lange Sonnenbäder: Während der heißesten Tageszeit ziehen sie sich für mehrere Stunden in den Halb- oder Vollschatten des Gestrüpps oder unter überhängende Grasbüschel zurück, an Stellen also, an denen die Feuchtigkeit höher ist als auf dem freien, sonnenbestrahlten Terrain. Nachts und am Morgen ist außerdem die Feuchtigkeit immer höher als tagsüber und auch ab dem Spätnachmittag bringt zunehmende Bewölkung häufig feuchte Luft mit sich, vor allem bei den Schildkrötenbiotopen, die in der Nähe von Meeren gelegen sind. Und ab und regnet es schließlich auch in Ländern wie Südfrankreich, Italien, Griechenland, der Türkei, Bulgarien und Rumänien, selbst im Sommer. Konkrete und verlässliche Messungen der Feuchtigkeit an den bevorzugten Aufenthaltsorten von frei lebenden Landschildkröten gibt es allerdings bisher nur vereinzelt (siehe u.a. Horst Köhler: „Feuchtigkeitsmessungen im Mikrohabitat der Maurischen Landschildkröte in der Südtürkei“, SACALIA 9, Jahrgang, Heft 33, November 2011).

Während die von Liebhabern gehaltenen Landschildkröten im Sommer im strukturierten und bepflanzten Gartengehege ähnlich wie in der Natur während eines vollen Tages unterschiedlichen Feuchtigkeitswerten ausgesetzt sind, sieht es in den Innengehegen und in manchen Terrarien ganz anders aus. Dort brennen teilweise zu starke Lampen acht bis zehn Stunden lang auf die Tiere und den Bodengrund (siehe UVB-Fachartikel in dieser Website). Letzterer trocknet rasch und vollständig aus, und selbst gelegentliches Wassersprühen, das man vor allem bei der Pflege der noch sehr feuchtigkeitsliebenden Jungschildkröten öfters wiederholen sollte, erhöht die Bodenfeuchte nur kurzzeitig. Dann kann es durchaus vorkommen, dass sich die nachts im trockenen Substrat eingegrabenen Schildkröten Schleimhautreizungen durch den staubförmigen Untergrund zuziehen.

Wie wenig wirksam ein Anfeuchten selbst durch eine vermeintlich größere Wassermenge sein kann, zeigt folgendes Beispiel: an einem heißen und sonnigen Tag im August feuchtete ich die etwa 30 cm hohe, größtenteils aus Rindenmulch bestehende Substratschicht meiner etwa 1 m2 großen Schildkröten-Schutzhütte im Freigehege mit 15 l Wasser aus der Gießkanne an. Als ich sofort danach untersuchte, bis zu welcher Tiefe das Substrat feucht geworden war, musste ich erstaunt feststellten, dass fast die gesamte untere Hälfte des Bodengrundes nach wie vor staub-trocken war.

Was man unter Feuchtigkeit (Feuchte) versteht
Deshalb kann der Einsatz von Luftbefeuchtern, z.B. des im 1. Artikelteil getesteten „Super Fog“ von Lucky Reptile (siehe den unten stehenden Beitrag in dieser Rubrik), in den vor allem in den Übergangszeiten besetzten Schildkröten-Innengehegen ein behaglicheres, nämlich weniger trockenes Klima schaffen. Aber wie viel bringt so ein Gerät tatsächlich? Und wie kann man den Tagesverlauf der Feuchtigkeit am Boden messen? Was ist Feuchtigkeit überhaupt?

Neben der absoluten Feuchtigkeit, die angibt, wie viel Gramm Wasserdampf in 1 m3 Luft bei einer bestimmten Temperatur enthalten sind, ist zur Angabe des Feuchtezustandes meist die relative Feuchtigkeit (= relative Feuchte) üblich. Sie wird in Prozent angegeben und ist das Verhältnis des tatsächlich vorhandenen Wasserdampfgehaltes zum höchst möglichen Wasserdampfgehalt (bei einer bestimmten Temperatur und einem bestimmten Druck). 100 % relative Feuchte bedeutet, dass die Luft vollkommen mit Wasserdampf gesättigt ist. Dies ist der Fall z.B. bei starkem Nebel, bei Regen oder in einem Dampfbad. Null % relative Feuchte dagegen hat völlig trockene Luft (z.B. Wüstenregion bei extrem starker Sonneneinstrahlung). Da der maximal mögliche Wasserdampfgehalt der Luft mit steigender Temperatur zunimmt, sinkt die relative Feuchte mit steigender Temperatur. Um Messwerte der relativen Feuchtigkeit überhaupt miteinander vergleichen zu können, ist deshalb die zusätzliche Angabe der gemessenen Temperatur wichtig.

Umrechnung für Spezialisten
Relative und absolute Feuchtigkeiten können mit Hilfe der temperaturabhängigen Wasserdampf-Sättigungsmenge umgerechnet werden. Für ein einfaches Rechenbeispiel verwende ich hier von mir in der Südtürkei Ende Mai an einem heißen wolkenlosen Tag während der Mittagszeit gemessenen relativen Feuchten und Temperaturen:
(a) direkt neben einer im Halbschatten dösenden Maurischen Landschildkröte und, als Vergleich,
(b) etwa 1 m weiter an einem voll sonnenbeschienenen Platz.

Die relative Feuchte von 57 % an der im Halbschatten bei 30 °C (Wasserdampf-Sättigungsmenge = 30,3 g/m3) ruhenden Landschildkröte entspricht einer absoluten Feuchtigkeit von 0,57 x 30,3 = 17,3 g/m3 .

Die 1 m weiter an der vollen Sonne gemessene relative Bodenfeuchte von nur 27 % bei allerdings 45 °C Bodentemperatur (Sättigungsmenge = 60 g/m3) bedeutet 0,27 x 60 = 16,2 g Wasserdampf je m3 Luft. Der Unterschied in der absoluten Feuchte beträgt nur knapp 7 %, ist also wesentlich geringer als der Unterschied der beiden gemessenen relativen Feuchten.

Hygrometer1kleinBild 1: Einige der für meine Feuchtigkeitsmessungen im Schildkröten-Innengehege verwendeten Hygrometer. Das größte Rundinstrument (Bildmitte) hat einen Durchmesser von 85 mm; die Preise der Instrumente liegen zwischen knapp 5 und ca. 25 Euro. Man beachte die teilweise erheblichen Differenzen in den Anzeigen: Das digitale TFA-Messgerät links zeigt einen Wert von 53 % relativer Feuchte bei 21,3 °C Temperatur an, das kleine schwarze Rundhygrometer dagegen nur 40 %.

 

 

Unerwartete Probleme mit den verwendeten Anzeigegeräten
Terrarianer verwenden aus Preisgründen in der Regel einfache digitale oder analoge Hygrometer. Die von mir eingesetzten Modelle zeigt Bild 1. Wer das Bild aufmerksam betrachtet, wird feststellen, dass jedes Messgerät einen anderen Wert für die relative Feuchtigkeit anzeigt, obwohl vor der Aufnahme eine Beharrungszeit von 1 Stunde zur Akklimatisierung abgewartet wurde. Erwähnt werden muss, dass die drei größeren analogen Hygrometer (oben Mitte und rechts oben und unten im Bild) zur Eichung 45 Minuten in ein nasses Handtuch eingewickelt und die Anzeige danach mit einer Stellschraube auf der Rückseite jeweils auf 95 % relative Feuchte eingestellt wurde. Die von mir verwendeten Hygrometer von Namiba Terra (Bild 1 Mitte unten) und JBL (nicht in Bild 1 gezeigt), mit weniger als 10 Euro zugleich die preisgünstigsten, lassen sich nicht eichen. Das digitale TFA-Messinstrument links im Bild, das auch die Temperatur anzeigt, ist nicht eichbar.

Überraschenderweise scheint es auch Anzeige-Abweichungen bei völlig baugleichen Hygrometern des gleichen Herstellers zu geben. Als ich mir 2012 ein zweites digitales TFA-Thermometer/Hygrometer von Dostmann kaufte und beide Geräte zum Vergleich nebeneinander legte, zeigten sie nach etwa einer Stunde Wartezeit zwar die gleiche Temperatur an, aber deutlich unterschiedliche relative Feuchten, Bild 2. Welcher Wert ist nun der Richtigere? Immerhin beträgt die Differenz im Messwert 13 % absolut, was 25 Prozentpunkten entspricht ((65-52):52 = 0,25). Der von mir informierte Hersteller gab an, dass nur eine Differenz von maximal 10 Prozentpunkten auftreten darf. Ist die Differenz größer wie im aufgezeigten Fall, kann das offensichtlich defekte Gerät mit dem Kaufbeleg beim Fachhändler reklamiert werden.

Hygrometer2kleinBild 2: Diese beiden baugleichen digitalen Thermo/Hygrometer von Dostmann (links ein im Juni 2012 neu gekauftes Gerät, das rechte war zum Zeitpunkt der Messungen etwa 4 Jahre alt) zeigen zwar exakt übereinstimmende Temperaturen an, aber unterschiedliche relative Feuchten. Beide Instrumente erhielten für die Messungen neue Batterien.

 

 

 

 

 

Dies zeigt die große Problematik von Feuchtigkeitsmessungen beispielsweise in der Feldforschung, im Gegensatz zu den vergleichsweise simplen Temperaturmessungen (obwohl auch da Messfehler gemacht werden können). Daher: Wenn in Veröffentlichungen oder in Schildkröten-Foren Aussagen über gemessene Feuchtigkeitswerte am momentanen Aufenthaltsort von Schildkröten gemacht werden, dann sind diese nur dann verwertbar und sinnvoll, wenn neben der gleichzeitig gemessenen Temperatur am Messplatz auch der verwendete Messgerätetyp und -Hersteller genannt wird.

Ich selbst hätte angesichts dieser Fakten große Bedenken, auch nur eines der bei meinen Feuchtigkeits-Messungen im Innengehege eingesetzten Hygrometer für (neue) wissenschaftlich ausgerichtete Feuchtigkeitsreihen-Messungen im Verbreitungsraum Europäischer Landschildkröten zu verwenden. Die Devise für mich muss lauten: lieber gar nicht messen als falsch! Dies gilt erst recht dann, wenn derartige Feuchtigkeitsmessungen in Publikationen einfließen.

Messdurchführung und Ergebnisse
Mit den in Bild 1 gezeigten Hygrometern (sowie dem JBL-Hygrometer und dem älteren TFA-Gerät) führte ich im Zeitraum Juni und August 2012 im Innengehege (meine Schildkröten befanden sich in dieser Zeit im Freigehege) Hunderte von Messungen durch. Die meiner Meinung nach generell zu tiefen Messwerte des älteren TFA-Digitalgerätes sowie der Analog-Rundinstrumente von Namiba Terra und JBL wurden von mir zwar protokolliert, gingen aber nicht in die Auswertung ein. Denn die Abweichungen waren teilweise enorm: nicht selten lagen zwischen höchstem und niedrigsten Messwert zum gleichen Ablesezeitpunkt 100 %! Verwendet habe ich deshalb nur die Messdaten von vier Instrumenten, wobei ich aus den vier Anzeigen jeweils einen Mittelwert bildete.

Der Vernebler „Super Fog“ war so eingestellt, dass er während eines 24-Stunden-Tages fünf Stunden lang in Betrieb war, und zwar insgesamt 10 Mal für jeweils 30 Minuten Dauer (davon drei Mal auch nachts). Bei der gewählten Befeuchtungsstärke und -Häufigkeit reichte die Wassermenge im Behälter des Befeuchters (Inhalt 2,5 l) 2 ½ bis knapp 3 Tage (wöchentlicher Wasserverbrauch ca. 6,55 l). Dann musste vollentsalztes (oder destilliertes) Wasser nachgefüllt werden.

Die gleiche Anfeuchtung fand und findet auch statt, wenn mein Gehege mit Schildkröten besetzt ist.

Hygrometer3kleinBild 3: Das leere Versuchsgehege von oben fotografiert, noch ohne die Hygrometer. Es hat eine trapezförmige Grundfläche. Eine 23-Watt-UVB-Kompaktleuchte (hier von dem dunklen Reflektor verdeckt) und ein 75-Watt-Strahler über der Futterplatte sorgen für ausreichend Helligkeit, Wärme und Ultraviolettstrahlung. Unten im Bild unter einer Korkrinde der weiße Kunststoffschlauch für den Austritt des erzeugten Nebels.




Das aus Holz gebaute offene Gehege (Bild 3) besitzt eine nutzbare Bodenfläche von etwa 0,80 m2. Die Messinstrumente wurden entlang des Umfangs eines gedachten Kreises von rund 30 cm Durchmesser direkt auf dem Substrat platziert, nahezu senkrecht unter der Bestrahlungslampe (Bild 4).

Hier nun beispielhaft aus den zahlreichen Messungen einige wesentliche Ergebnisse:

Vor Einsatz des Befeuchters lag die relative Bodenfeuchte direkt unterhalb des (eingeschalteten) Strahlers am Nachmittag (15 Uhr) zwischen 35 und 40 %. Die Bodentemperatur an dieser Stelle betrug 30 °C. Vier Stunden nach Ausschalten der Lampen wurde (um 19 Uhr) ein „Abendwert“ von 50 % bei 20 °C Bodentemperatur ermittelt.

Hygrometer4kleinBild 4: Die Hygrometer wurden rings um die Futterstelle direkt auf den Boden gelegt und erfassen so die relative Feuchtigkeit, die später auch die Schildkröten „spüren“. Ein an der Seitenwand in z.B. 15 cm Höhe über den Boden angebrachtes Messinstrument könnte zu falschen Schlussfolgerungen führen. Gut sind die vom Vernebler erzeugte Nebelschwaden zu erkennen. Links im Bild ist der Klemmreflektor der UVB-Lampe zu erkennen. Alle vier Fotos stammen vom Autor.

 

 

Diese Angaben können nun mit den folgenden typischen Messwerten bei Einsatz des „Super Fog“ verglichen werden (Str. = Strahler; die Angabe in Stunden bzw. Minuten bezieht sich jeweils auf die Zeit, die seit Ende des letzten Befeuchtungsabschnittes vergangen war):

6 Uhr, Str. aus, 1 ½ Stunden: 91 % (20 °C)
7.30 Uhr, Str. aus, 1 Stunde: 90 % (19 °C)

10.30 Uhr, Str. an, 1 Stunde: 75 % (25 °C)
11.45 Uhr, Str. an, 5 Minuten: 82 % (23 °C)
13.00 Uhr, Str. an, 1 ½ Stunden: 63 % (26 °C)
16.00 Uhr, Str. an, 1 ¼ Stunden: 67 % (26 °C)

17.35 Uhr, Str. aus, 5 Minuten: 91 % (21 °C)
19.00 Uhr, Str. aus, 1 ¼ Stunden: 80 % (22 °C)
22.00 Uhr, Str. aus, 1 ¼ Stunden: 87 % (21 °C)

Die Messergebnisse zeigen, dass durch die regelmäßige Befeuchtung des Innengeheges die relative Feuchte während eines 24-Stunden-Tages gegenüber der Situation ohne jegliche Anfeuchtung tatsächlich deutlich angehoben wird. Selbst 1 ¾ Stunden nach Ende des letzten Befeuchtungsabschnittes, also unmittelbar vor Beginn der nächsten Benebelungsphase, sank die relative Feuchte tagsüber bei eingeschalteten Strahlern nie unter einen Wert von 60 %. Unmittelbar nach jeder Befeuchtung stiegen die Werte tagsüber auf über 80 %, nachts bei abgeschalteten Lampen sogar auf über 90 %. Trotzdem war der Bodengrund nie nass und schimmelte auch nicht. Die durch die Waser-Verneblung hervorgerufene Substrat-Feuchtigkeit dürfte ungefähr der entsprechen, wie sie auch in den Ursprungshabitaten der Landschildkröten vorliegt.

Vermutlich könnte die Verneblungsstärke - durch einfaches Drehen am Stellknopf des Ultraschall-Luftbefeuchters – ohne große Reduzierung der relativen Feuchtigkeit am Boden noch etwas reduziert werden, so dass auch der Inhalt des Wasserbehälters etwas länger ausreicht. Doch ich lasse diese Maßnahme meine (tropischen) Schildkröten entscheiden: Wenn sie demnächst im Spätherbst wieder in ihr Innengehege einziehen, werde ich beobachten, ob sie das direkt angefeuchtete Areal unterhalb der beiden Lampen oder eher die Plätze ringsherum bevorzugen. Bei meinen Sternschildkröten im Freigehege habe ich bei der jetzt zu Ende gehenden Außensaison den Eindruck gewonnen, dass sie dort für feuchtere Ruheplätze (die im Schatten liegen) sogar niedrigere Temperaturen in Kauf nehmen. Weitere Beobachtungen sind zur Absicherung jedoch erforderlich.

Vernebler und „laufende Nasen“ bei Sternschildkröten
Wie im ersten Teil des Artikels (siehe den Beitrag weiter unten) schon ausgeführt wurde, neigen Sternschildkröten (Geochelone elegans) häufiger zur Bildung von klaren Bläschen vor den Nasenlöchern („laufende Nasen“, running nose syndrome – RNS) als andere Arten. Oft diagnostizieren manche Tierärzte dann vorschnell eine Erkältung oder sogar eine Lungenentzündung und behandeln mit einem Antibiotikum. Doch diese Bläschen treten nicht nur im zu trockenen Substrat eines Innengeheges, sondern auch im Freigehege auf, ebenso beim Umsetzen der Tiere von draußen nach drinnen und umgekehrt.

Es war bei den Feuchtigkeitsmessungen allerdings nicht meine Aufgabe und mein Ziel, den eventuellen Einfluss der Luftfeuchtigkeit auf die Bläschenbildung zu untersuchen (zumal sich meine Tiere zurzeit noch im Freien befinden). Doch ich werde in den kommenden Monaten genau beobachten, ob ein Zusammenhang besteht und gegebenenfalls später über das Ergebnis berichten.

In diesem Zusammenhang ein Appell an alle Besucher von schildi-online.eu, die Sternschildkröten pflegen: teilen Sie mir doch bitte, wenn Sie wollen auch anonym, Ihre Erfahrungen zum Thema "Bläschenbildung"  mit. Meine Kontaktdaten finden Sie in der Rubrik „Impressum & Kontakte".

Dieser Beitrag wurde am 17. September 2012 online gestellt.

Von Horst Köhler, Friedberg


Einleitung

Die Luftfeuchtigkeit in Landschildkröten-Innengehegen ist ein Thema, das immer wieder diskutiert wird, auch kontrovers. Kann der Bodengrund von Schildkröten-Terrarien oder Innengehegen durch regelmäßiges Besprühen mit Wasser, z.B. am frühen Morgen (etwa zur Simulation des morgendlichen Taues im natürlichen Verbreitungsgebiet) und dann nochmals am Abend (z.B. zur Simulation des Feuchtigkeitsanstieges als Folge der über den Lebensraum hinweg ziehenden Abendwolken) einigermaßen feucht gehalten werden? Welche relative Feuchte soll das Substrat am bevorzugten Aufenthaltsort der Schildkröten, in der Regel also unter den Strahlern, im Idealfall überhaupt haben? Wie ist eigentlich die Situation in der Natur [für den Lebensraum der Maurischen Landschildkröten im Sommer siehe bei Köhler, 2011]? Sind bei den einzelnen Arten Unterschiede in der Feuchtigkeit sinnvoll bzw. notwendig?  

Bekannt ist, dass ein dauerhaft zu trockenes Klima im Innengehege zu Augenentzündungen, Blasensteinen und Lungenproblemen führen kann [Eggenschwiler, 2000]. Vor allem Schlüpflinge und Schildkröten-Jungtiere mit weniger als zwei Jahren Alter, die sich in der Natur in der Regel feuchte Versteckplätze im Gras und Dickicht suchen und daher dort auch nur selten aufzuspüren sind, benötigen auch bei der Haltung des Liebhabers ein leicht feuchtes Innenklima [Bidmon & Jennemann, 2006; Köhler, 2008]. Es ist also nicht angebracht, ein- oder zweijährige Schildkröten-Nachzuchten auf einem Substrat zu halten, das die Feuchtigkeit nicht oder nicht sehr lange speichert, vor allem dann, wenn die Kleinen auch noch aufgrund überholter Pflege-Informationen gleichzeitig viel zu warm gehalten werden [Köhler, 2008].

Sternschildkröten (Geochelone elegans) entwickeln häufig Bläschen an der Nase, selbst dann, wenn die Tiere artgerecht gehalten werden. Es ist nicht sicher bekannt, ob dies eine Folge eines zu trockenen Substrates oder einer Erkältung (Schnupfen) ist. Wenn es sich bei den Nasentröpfchen um eine klare Substanz handelt, ist eine Erkältung eher unwahrscheinlich. Auch bei einigen anderen, selbst einigen europäischen Landschildkrötenarten, muss eine laufende Nase nicht gleich behandelt werden, vor allem nicht mit Antibiotika. Vergleiche von Freilandbeobachtungen von Sternschildkröten in Sri Lanka und Südindien mit in Grundstücken der Einheimischen bei (fast) übereinstimmenden klimatischen Bedingungen gehaltenen Tieren dieser Art haben überraschenderweise ergeben, dass unter den Vertretern der letztgenannten Gruppe wesentlich mehr Tiere mit Bläschen an der Nase zu finden sind als bei Freilandtieren, obwohl Temperaturen und Feuchtigkeitswerte gleich sind. Es muss also noch einen weiteren Faktor geben, der die Bläschenbildung hervorruft (Artikel in Vorbereitung).

Bei der mir selbst gestellten Aufgabe möchte ich durch Langzeit-Beobachtungen über ein volles Jahr hinweg ermitteln, ob die Bläschenbildung bei Sternschildkröten durch eine mehrmals täglich erfolgende automatische Anfeuchtung des Gehege-Bodengrundes und der bodennahen Luftschicht durch ein Befeuchtungsgerät zurückgeht oder nicht. Angeschafft und bei mir in Betrieb gesetzt wurde zu diesem Zweck Anfang Februar 2012 das Gerät "Super Fog" von Lucky Reptile (Bild 1).

In diesem Beitrag werden die Erfahrungen mit dem bis jetzt 5 1/2 Monate währenden Betriebs mit dem Gerät mitgeteilt. Thema eines späteren zweiten Berichtes werden die im Gehege erreichten Feuchtigkeitswerte sein, wie diese zwischen den einzelnen Befeuchtungszyklen schwanken und wie genau - oder besser wie ungenau - verschiedene marktübliche Hygrometer (mit denen die Feuchtigkeit gemessen wird) anzeigen. Im abschließenden dritten Beitrag dieser Serie wird dann auf das Ergebnis der kontinuierlichen Befeuchtung einer Sternschildkrötengruppe eingegangen.

 

SuperFogBild1Bild 1: Der "Super Fog" ist in wenigen Minuten nach nur einigen simplen Handgriffen einsatzbereit. Man benötigt kein einziges Werkzeug. Das Bild zeigt das Gerät mit etwa halb gefülltem Wassertank.

 












Beschreibung

Der Luftbefeuchter "Super Fog" kostet im Fachhandel zurzeit bis zu etwa 100 € und wiegt – ohne Wasser im Tank – etwa 2,3 kg. Seine Außenabmessungen sind 29 x 13,5 x 26 cm. Das Gerät besteht aus zwei Teilen: dem Unterteil mit Motor, Membran aus Keramik und Anschalter sowie dem abnehmbaren, etwa 2 ½ Liter fassenden Wassertank, in den der mitgelieferte weiße und flexible Auslassschlauch eingesteckt wird. Das Ende dieses Schlauchs mündet im Schildkrötengehege; das Gerät selbst steht außerhalb davon. Der Hersteller rät dringend davon ab, das Gerät in feuchter Umgebung, also im Gehege selbst, zu betreiben.

Die Keramikmembran, ein Verbrauchsartikel, zerstäubt das eingefüllte Wasser im Ultraschallbereich in feinste Bestandteile. Es entsteht ein feuchter Nebel, dessen Dichte durch einen Drehknopf leicht und stufenlos verändert werden kann. Bei stärkster Einstellung hat das Befeuchtungsgerät eine maximale Leistungsaufnahme von etwa 30 Watt. Wird wärmeres Wasser verwendet, entsteht vergleichsweise mehr Nebel, doch dürfte die übliche Verfahrensweise so sein, dass der Behälter ganz aufgefüllt wird und dann im Laufe der nachfolgenden Stunden Raumtemperatur annimmt, also z.B. 20 oder 22 °C. Die Temperatur im erzeugten Nebel entspricht etwa der Wassertemperatur im Tank.

Wichtig ist noch, dass tunlichst nur destilliertes oder vollentsalztes Wasser verwendet wird, weil nur dann eine möglichst lange Lebensdauer gewährleistet ist. Abgeraten wird ferner von einem Dauerbetrieb des "Super Fog"; es wird die Verwendung einer Zeitschaltuhr empfohlen, über die die Länge und Zahl der Befeuchtungszyklen eingestellt werden kann.

Ein Nachteil des "Super Fog" (und möglicherweise auch anderer Geräte) sehe ich darin, dass nur reines Wasser ohne jegliche Zusätze zerstäubt werden darf. Die Zugabe einiger Tropfen ätherischer Öle oder ähnlicher Substanzen in den Behälter, quasi zum Inhalieren bei leicht erkälteten Landschildkröten, ist somit ausgeschlossen.

Die mitgelieferte Gebrauchsanleitung umfasst nur eine Seite Text, der gut verständlich verfasst ist. Allerdings wäre es sinnvoll gewesen, genauer zu beschreiben, wo der Behälter mit Wasser gefüllt werden muss. In einer Skizze ist zwar die Lage des Wassereinlasses durch einen Punkt angegeben, doch hätte für Erstanwender ein Hinweis, dass zum Befüllen der Wassertank gekippt und erst die Einlassöffnung auf der Unterseite herausgeschraubt werden muss, nicht geschadet. Zu groß ist nämlich die Gefahr, dass das Wasser in eine Öffnung im Unterteil eingefüllt wird und damit unter Umständen den Motor irreparabel beschädigt.

Vor einiger Zeit wurde das Befeuchtungsgerät vom Hersteller verbessert. Der Anwender sollte nach dem Kauf unbedingt die Batch-Nummer auf der Geräteunterseite kontrollieren. Beginn diese mit einem X2, handelt es sich um die neue Ausführung. Ansonsten sollte man den Befeuchter umtauschen.

Über eine Zeitschaltuhr habe ich die Befeuchtungsintervalle und –dauern so festgelegt, dass nach Ablauf von jeweils 2 Stunden eine halbe Stunde lang befeuchtet wird, auch nachts über. Lediglich zwischen 19.30 Uhr und 23 Uhr ist eine längere Pause. Dies ergibt innerhalb von 24 Stunden insgesamt zehn Befeuchtungsabschnitte von je 30 Minuten Länge, also 5 Stunden Befeuchtung im Verlauf eines 24-Stunden-Tages.

Dafür und für die von mir gewählte Intensität des Nebels reicht der Vorrat des Wasserbehälters etwa drei volle Tage aus (diese Zeit ist unabhängig von der Grundfläche des Geheges). Danach muss wieder aufgefüllt werden. Wird dies vergessen, schaltet das Gerät selbsttätig ab, doch sollte der Anwender bei längerer Abwesenheit (z.B. vor einem Urlaubsantritt) zur Geräteschonung den Netzstecker ziehen (mündl. Mitteilung von Lucky Reptile). Bei stärkster Wasservernebelung ist die Befeuchtungsleistung max. 325 ml/h, d.h. der Wasservorrat von 2 ½ Litern wäre bereits nach knapp 8 Stunden reiner Befeuchtungszeit aufgebraucht.

Der Betrieb ist erfreulich leise: die Geräuschentwicklung übersteigt nie einen Wert von ca. 30 dB(A). Selbst bei maximaler Einstellung ist während des Vernebelungsvorganges nicht mehr als ein leichtes Summen zu vernehmen, wobei das Gerät bei mir allerdings auf dem dämpfenden Teppichboden steht. Mein direkt neben dem Innengehege stehendes 600-l-Aquarium ist da deutlich lauter.

Der Luftbefeuchter "Super Fog" lief bei mir an meinem Sternschildkröten-Innengehege bisher 5 ½ Monate lang ohne jegliche Beanstandung oder Störung. Versuchsweise stellte ich einmal die höchste Vernebelungsstufe ein, um zu sehen, ob es beim Kontakt der relativ kühlen Nebelschwaden mit den heißen Bestrahlungslampen über den Schildkröten ein Problem gibt (ein unter Umständen teurer Test !). Dies war jedoch nicht der Fall. Sicherheitshalber sollte man aber das Schlauchende so im Gehege enden lassen, dass die Nebelschwaden nicht direkt auf das Glas der Lampe(n) treffen.

Ich kann den Lucky Reptile-Befeuchter "Super Fog" daher ohne Einschränkungen empfehlen, zumal es zum gegenwärtigen Zeitpunkt das Gerät mit dem größten Wasserspeicher ist.

 

Nachtrag vom 29. November 2014 (Praxiserfahrung nach knapp 2 Jahren reiner Betriebszeit):
Der Befeuchter lief mit Ausnahme der Sommermonate, in denen sich die Sternschildkröten im Außengehege im Garten aufhielten, von Ende Januar 2012 bis November 2014 täglich über eine Zeitschaltuhr gesteuert fünf Stunden lang im Intervall-Betrieb, siehe Text oben. Dies entspricht einer reinen Betriebszeit von knapp 3.600 Stunden. Anfang November 2014 machte sich jedoch bei jedem (automatischen) Einschalten während der ersten 20 Sekunden der Befeuchtungsphase ein störendes Motor-Streifgeräusch bemerkbar, das mit jeder Woche lauter zu werden schien und schließlich auch nachts deutlich im anschließenden Schlafzimmer zu vernehmen war. Da außerdem der Wasservorratsbehälter durch einen Algenbelag am Boden, der wegen des bis auf die Einfüllöfffnung allseits geschlossenen Behälters nicht mechanisch entfernt werden konnte, unansehnlich geworden war, sah ich die Lebensdauer des Geräts als erreicht an und entsorgte es heute in der Wertstoffsammelstelle.

Literatur:

Bidmon Hans-Jürgen & Jennemann Gerhard (2006): Hohe relative Luftfeuchtigkeit – gleich glatte Panzer: Wie lässt sich das praktikabel realisieren? Schildkröten-Im-Fokus 3 (4), S. 3-18

Eggenschwiler Ursula (2000): Die Schildkröte in der tierärztlichen Praxis. Schöneck-Verlag Schweiz

Köhler Horst (2008): Aufzucht europäischer Landschildkröten-Babys. Schildi-Verlag Augsburg

Köhler Horst (2011): Feuchtigkeitsmessungen im Mikrohabitat der Maurischen Landschildkröte in der Südtürkei. SACALIA 9, Heft 33, S.18-24

 

Dieser Artikel wurde am 21. Juli 2012 online gestellt.