von Horst Köhler, Friedberg

 

Einleitung: Was haushaltsnahe Dienstleistungen sind

So mancher Schildkrötenbesitzer steht bei seinem bevorstehenden Urlaub vor der Frage, wer sein Tier (seine Tiere) während seiner Abwesenheit füttert und betreut und, wenn dabei Kosten entstehen, ob diese sogenannte begünstigte haushaltsnahe Dienstleistungen gemäß § 35 a EStG sind oder nicht. Falls ja, könnte der Besitzer (die Besitzerin) in der Steuererklärung die Aufwendungen für die Betreuung als haushaltsnahe Dienstleistung geltend machen.

Die Finanzbehörden sind generell sehr skeptisch und prüfen genau, wenn Steuerpflichtige die Ausgaben für Heimtiere steuerlich geltend machen. Dies merken auch gewerblich tätige Schildkrötenzüchter, vor allem dann, wenn die Ausgaben (Energiekosten, Anzeigenkosten, Futterkosten, Tierarztkosten, anteilige Steuerberatungskosten usw.) über mehrere Jahre hinweg höher sind als die erzielten Einnahmen (Verkauf von Elterntieren, Verkauf von Nachzuchten usw). Die Finanzämter sprechen dann von „Liebhaberei“, die nicht steuerbegünstigt ist.

Demzufolge waren bis etwa Mitte des letzten Jahres (2016) nach Auffassung der Finanzverwaltung Tierbetreuungs-, pflege- und -arztkosten keine begünstigten haushaltsnahe Dienstleistungen. Aufgrund von Einsprüchen mehrerer Steuerpflichtiger haben sich in neuerer Zeit mindestens zwei deutsche Finanzgerichte gegen diese Auffassung ausgesprochen. Haushaltsnahe Dienstleistungen, so wurde argumentiert, sind auch solche, die normalerweise durch Mitglieder der Familie selbst erledigt werden. Dazu gehört eben auch die Versorgung von z.B. Katze oder Hund mit Wasser, Futter und die sonstige Beschäftigung mit ihnen. Erweitert werden kann dies auch auf andere Haustiere, wie Zierfische, Reptilien. oder Vögel.

Also gilt: Wenn Fremdleistungen infolge einer Urlaubsabwesenheit im Haus (bzw. der Wohnung) selbst, zu dem auch der Garten zählt, erbracht werden, sind die Kosten daraus gemäß § 35 a EStG begünstigt. Diese Begünstigung ist jedoch, was für sämtliche haushaltsnahe Beschäftigungsverhältnisse sowie Dienst- und Handwerkerleistungen gilt, nur auf die Arbeits- und Fahrtkosten beschränkt. Erkrankt das Tier während der Abwesenheit seines Besitzers und wird ein Tierarztbesuch notwendig, können nur die Fahrtkosten dorthin und die reinen Arbeitskosten des Tierarztes abgesetzt werden, nicht aber die verabreichten oder verschriebenen Medikamente.

 

IMG 8679 klein

Eine Gruppe von fünf Spornschildkröten (Centrochelys sulcata) unterschiedlichen Alters im Freien, mit Sepiaschalen als Futterzusatz. Bild: Bob Nosbusch, Luxembourg

 

Am 9. November 2016 erließ das Bundesministerium für Finanzen (BMF) aufgrund von verschiedenen Urteilen des Bundesfinanzhofes (BFH) ein Schreiben „Erweiterung der Steuerermäßigung für haushaltsnahe Dienstleistungen und Handwerkerleistungen“ und änderte damit gleichzeitig die bisherige strenge Regelung der Finanzbehörden. Denn in diesem Schreiben lautete einer der Punkte wie folgt:

„Wer seine Haustiere zu Hause versorgen und betreuen lässt, wird in Zukunft auch von dem Steuervorteil des § 35 a EStG profitieren, da Tätigkeiten wie das Füttern, die Fellpflege, das Ausführen und die sonstige Beschäftigung des Tieres als haushaltsnahe Dienstleistung anerkannt werden können.“

 

Voraussetzungen

Wer die Kosten für die Urlaubsbetreuung seiner Schildkröte (Hund, Katze usw.) steuerlich geltend machen will, muss folgende Punkte beachten:

  • Das Tier (die Tiere) muss (müssen) privat gehalten werden.
  • Sie müssen im Haushalt des Steuerpflichtigen, also in der Wohnung und/oder im Garten, betreut werden.
  • Der Betreuer sollte idealerweise ein Gewerbe angemeldet haben, also ein professioneller Dienstleister sein. Sollten zuhause gebliebene Kinder oder ein Rentner aus der Nachbarschaft die Tierpflege übernehmen, empfiehlt sich eine Rücksprache beim zuständigen Finanzamt. Doch vor allem, wenn das Entgelt nicht zu steuerpflichtigen Einkünften beim Empfänger führt, kann von einer haushaltsnahen Dienstleistung ausgegangen werden
  • Die Rechnung darf nicht bar bezahlt werden. Sie muss detailliert nach den verrichteten Arbeiten ausgeführt sein (siehe nächster Absatz).
  • Steuerbegünstigt sind nur die Fahrt- und Arbeitskosten, nicht also Aufwendungen für Futter, Medikamente usw.

 

Was wird anerkannt?

Bei der Urlaubspflege von Landschildkröten durch einen Beauftragten werden nach der geänderten Vorschrift die Kosten für folgende Arbeiten steuerlich anerkannt, z.B.:

  • An- und Abfahrt
  • Versorgung der Schildkröte mit Futter und Wasser – im Haushalt des Besitzers (Achtung: eine etwaige vorübergehende Unterbringung in einer Tierpension ist keine haushaltsnahe Dienstleistung)
  • Reinigung des Terrariums bzw. der Freianlage, z.B. von Kotausscheidungen, regelmäßiges Anfeuchten des Substrates
  • Arbeiten am Schildkröten-Schutzhaus im Freien (Öffnen des Daches bei schönem Wetter am Morgen, Schließen bei Regen/Hagel, evtl. Sichern der Eingangsöffnung am Abend zur Vermeidung des Eindringens von Mardern und Ratten, Öffnen des Einganges am Morgen, Funktionskontrolle etwaiger Bestrahlungslampen)
  • Untersuchung des Freigeländes (Terrariums) nach abgesetzten Gelegen
  • Befindet sich die Schildkröte während des Urlaubs ihres Besitzers in der Wohnung: tägliche Kontrolle der Zeitschaltuhr(en) für das Ein- und Ausschalten der Bestrahlungslampen (Wärme, Licht, UVB).

Wichtig ist, dass als haushaltsnahe Dienstleistung nur 20 % des Rechnungsbetrages des Betreuers direkt von der Steuer absetzbar sind, und zwar maximal 4.000 € jährlich für alle angefallenen haushaltsnahen Aufwendungen zusammen (d.h. maximale Summe aller Rechnungsträge = 20.000 €). Berechnet ein Betreuer für die im obigen Absatz aufgelisteten Betreuungsarbeiten incl. Fahrtkosten für einen 14-tägigen Einsatz beispielsweise 20 € täglich, sind

14 x 20 = 280 €

in Zeile 72 des Hauptformulars der Einkommensteuererklärung einzutragen; die tarifliche Einkommensteuer ermäßigt sich in diesem Fall um

280 x 0,2 = 56 €.

Die Entscheidung, ob ein Schildkrötenbesitzer die während seiner Urlaubszeit angefallenen Ausgaben eines beauftragten Betreuers angesichts der meist nur überschaubaren Vergünstigung steuerlich geltend macht oder nicht, muss der Steuerpflichtige selbst treffen. Unter Umständen ist es für ihn günstiger, gegen ein geringes Entgelt einen Nachbarn nach vorheriger Einweisung mit der täglichen Aufsicht und Pflege seines Tieres zu beauftragen.

 

Dieser Beitrag wurde am 29. Mai 2017 online gestellt.

 

von Horst Köhler, Friedberg

 

Normalerweise finden sich Fragen von Besuchern von schildi-online und die dazugehörigen Antworten in der Rubrik „Fragen & Antworten“. Da die Ausführungen zu dem Thema Sternschildkrötenhaltung aber die Länge der dort eingestellten Beiträge deutlich übertreffen und von allgemeiner Bedeutung sind, wurden die nachfolgenden Fragen und die dazugehörigen bebilderten Antworttexte in die Rubrik „Berichte & Artikel“ von schildi-online.eu eingruppiert.

 

Die Fragen
Ein Besucher von schildi-online.eu schreibt mir: Ich habe seit drei Jahren zwei Sternschildkröten, fünf Jahre alt, höchst wahrscheinlich aus Sri Lanka. Das Männchen ist zurzeit 350 g schwer und besitzt eine Carapaxlänge von 14 cm, das Weibchen wiegt 1000 g und misst 18 cm (Bild 1). Ich bin mir jedoch bei manchen Dingen unsicher, weil viele Züchter, mit denen ich mich unterhalten habe, unterschiedlicher Meinung zur optimalen Sternschildkröten-Haltung sind. Deshalb einige Fragen an Sie.
Zunächst meine Hauptfrage: mein etwa 4 m2 großes Terrarium habe ich in einen trockenen Bereich mit den Wärme- und UV Lampen aufgeteilt, in dem Temperaturen von etwa 29-30 Grad herrschen. Der andere Teil ist feucht gehalten mit Pflanzen und er ist auch kühler mit Temperaturen von 25-26 Grad. Die beiden Schildkröten halten sich aber sehr viel mehr im trockenen Teil auf, schlafen dort auch und nutzen nur selten den feuchten Bereich. Da mir aber fast alle befragten Züchter und Halter eine ausschließlich feuchte Haltung, gerade bei der Sri Lanka-Form empfehlen, bin ich mir unsicher ob ich künftig wirklich nur einen feuchten Teil mit Verzicht auf den trockenen machen soll oder nicht. Bis jetzt halte ich die Tiere aufgrund meiner Beobachtungen viele Monate im Jahr ziemlich trocken (anfeuchten und gießen nur ab und zu) und nur wenige Monate feuchter. Nach den erhaltenen Ratschlägen würde ich sie künftig von Dezember bis Mai oder bis Juni eher trocken halten, dann, von Juni bis September, ein bisschen feuchter (sie sind in dieser Zeit sowieso im Freigehege) und ab Oktober bis Dezember im Innengehege wieder feuchter.
Durch den Monsun auf Sri Lanka paaren sich die Schildkröten ja auch und legen ihre Eier. Deshalb denke ich, dass es im Gehege ein paar Monate feuchter sein darf; in den trockenen Phasen würde ich dann trotzdem auch ein paar „Regentage" vorsehen.

 

Allmendinger 2017 klein

Bild 1: Dies sind meine beiden Sternschildkröten. Das kleinere Tier links ist das Männchen, das größere rechts davon das Weibchen. Ich überlege mir, diesen Bestand evtl. noch zu erweitern. Foto von L.A.

 

Weitere Fragen:

  • Ich habe einen Asparagus in mein Terrarium gepflanzt. Im Internet stand zwar, dass er nicht giftig ist. Aber stimmt das auch, denn die Sternschildkröten knabbern manchmal daran herum?.
  • Wann werden Sri Lanka-Sternschildkröten eigentlich geschlechtsreif?
  • Schließlich meine beiden letzten Fragen: Wie viele Sri Lanka-Schildkröten würden in mein Terrarium passen? Soll ich Ihrer Meinung nach warten, bis meine beiden Schildkröten geschlechtsreif sind und sich verpaaren, oder wäre es sinnvoller, demnächst noch welche dazuzukaufen?

                                                                                                                                               L.A.

Die Antworten

Wie feucht oder wie trocken ist es eigentlich im natürlichen Habitat von Geochelone elegans?
Setzen wir zunächst voraus, dass es sich bei Ihren Sternschildkröten (Geochelone elegans) tatsächlich um die Sri Lanka-Form handelt. Wenn die von Ihnen gepflegten Tiere in Ihrem Terrarium meist den trockenen Gehegeteil bevorzugen, könnte dies doch auch daran liegen, dass es ihnen im feuchten, mit 25-26 °C aber etwas kühleren Bereich nicht warm genug ist. Sie können diesen Punkt leicht selbst abklären, indem Sie für einige Zeit die Wärmelampe in Richtung des feuchten, kühleren Bereiches verschieben. Sie sollten auch die relative Feuchte Ihres "trockenen" und des "feuchten" Bereiches messen (verwenden Sie dazu kein Billiginstrument, da die sehr ungenau sind; weitere Anmerkungen hierzu siehe weiter unten), um den tatsächlichen Unterschied feststellen zu können. Vielleicht ist er ja gar nicht so groß wie von Ihnen angenommen wird und die Schildkröten sitzen nur deshalb im "trockeneren" Teil, weil dort die Wärme- und die UVB-Lampe installiert ist.

Was sagen nun erfahrene Schildkröten-Autoren über die klimatischen Bedingungen der Biotope von wild lebenden Sir Lanka-Schildkröten aus, wobei diese Publikationen teilweise schon 15 Jahre alt sind und das örtliche Klima heute durch den allgemeinen Klimawandel anders als noch vor einem Jahrzehnt sein kann?

Jerry Five (2007): Sternschildkröten kommen in Regionen vor, wo es zumindest den Teil eines Jahres sehr trocken ist. Die Trockenphase kann von drei bis zu zehn Monaten dauern.

Walls Jerry G. (1997): Aus bisher noch unbekannten Gründen scheint diese Art sehr empfindlich auf eine langanhaltende, hohe Luftfeuchte zu reagieren.

Anslem de Silva (2003): Sternschildkröten findet man auf Sri Lanka in sog. Trockenzonen; 40 % der im Rahmen von Zählungen gefundenen Tiere leben in Gegenden mit Buschwäldern (scrub forests). Zahlreiche andere wurden, wohl bei der Suche nach Fressbarem, in privaten Gärten und in Farmen gefunden.

Sascha Pawlowski (2009): Sternschildkröten kommen in Gebieten mit einer ausgeprägten Trockenheit von mindestens fünf Monaten Dauer vor.

Ulf Edqvist (ohne Erscheinungsjahr): Sternschildkröten-Habitate auf Sri Lanka zeichnen sich durch eine drei- bis zehnmonatige Trockenheit aus.

Holger Vetter (2003): Geochelone elegans bevorzugt trockene und nur mäßig feuchte Teile der Insel.

 

Diese Aussagen, die möglicherweise zum Teil voneinander übernommen wurden, sprechen nicht für ein überwiegend feuchtes Klima im Sternschildkröten-Habitat auf Sri Lanka. Da ich davon ausgehe, dass - bis auf Anslem de Silva (Landesbewohner, Herpetologe/Biologe) - die hier genannten Autoren kaum selbst mehrere systematische Schildkrötenbeobachtungen und Klimadaten-Aufzeichnungen auf Sri Lanka durchgeführt haben, ist der Frage nachgehen, wo heute auf Sri Lanka Geochelone elegans-Populationen zu finden sind und wie in diesen Regionen aktuell (d.h. 2015/16) die Klimadaten (relative Feuchtigkeit) aussehen (leider sind nicht für alle Sternschildkröten-Habitate auf Sri Lanka derartige Aufzeichnungen verfügbar).

 

Wo leben Sternschildkröten und wie sieht es dort mit der Feuchtigkeit aus?
Nach einer neueren Veröffentlichung aus Sri Lanka (siehe unter Literatur am Ende dieses Textes) wurden wild lebende Geochelone elegans in folgenden Regionen gefunden:

♦  Mihintale (Distrikt Anuradhapura) – Nordzentral-Provinz

♦  Gampola (Distrikt Kanda) - südliche Zentralprovinz

♦  Thissamaharama (Distrikt Hambantota) – Südprovinz, nahe Yale National Park

♦  Wasgamuwa (Distrikt Matale) - mittlere Zentralprovinz

♦  Nikawaratiya (Distrikt Kurunegala) – nahe Westküste

♦  Ampara (Distrikt Ampara) – Ostprovinz, nahe Ostküste, nahe Batticaloa

Bis auf das Vorkommensgebiet Nikawaratiya im westlichen Inselteil liegen diese Habitate alle in der Nord-, Ost- und Südprovinz. An Hand von drei beispielhaft ausgewählten Landschildkröten-Habitaten werden im Folgenden die von offiziellen Wetterstationen aufgezeichneten Feuchtigkeiten in 2015/16 diskutiert:

 

Ampara südlich von Batticaloa (am Golf von Bengalen)
Die regenreichste Periode (höchste relative Feuchte) trat hier zwischen Mitte Oktober und Mitte/Ende Mai mit Höchstwerten bis zu 92-95 % (Mittelwert: ca. 84 %) auf. Trockener war es nur zwischen Mitte Juni und Ende September mit Minimum-Werten von 60-64 % (Durchschnittswert: ca. 68 %). Es gab jedoch während dieser „Trockenphase“ auch feuchtere Tage mit bis zu 80 % relativer Feuchte.

Die regenarmen Monate zeichneten sich durch höhere Tagestemperaturen als in der übrigen Zeit des Jahres aus.

 

Hambantota: Anders sieht der Feuchtigkeitsverlauf im gleichen Zeitraum für Thissamaharama in der Region Hambantota im Südwesten der Insel aus (Bild 2). Wie die rot eingezeichnete Kurve zeigt, steigt die Feuchtigkeit in der Region von ca. 74 % Anfang Februar bis auf etwa 86 % Anfang/Mitte Mai. Es bleibt danach bis Mitte Juni etwa gleich feucht. Danach wird das Klima, ziemlich abrupt, für etwa fünf bis sechs Wochen mit durchschnittlich 78 % relative Feuchte trockener. Ab Ende Juli bis Ende September nimmt die mittlere Feuchtigkeit wieder bis auf etwa 88 % zu, um danach bis Ende Januar wieder auf ca. 74 % abzufallen.

 

Hambantota Feuchtigkeit rot

Bild 2: Diese Grafik der Wetterstation Hambantota für die dortige relative Feuchte mit in Rot eingetragener Durchschnittskurve während der Zeit von Anfang Februar 2015 bis Ende Januar 2016 zeigt vor allem eines: es ist weder für längere Wochen trocken, noch für längere Zeit feucht. Innerhalb weniger Tage können die Werte zwischen einem Tiefstwert von 70 % bis auf einen, Höchstwert von 90 % und darüber variieren. Quelle: wetteronline.de mit ergänztem Kurvenzug von Horst Köhler

 

Was bei den Hambantota-Messungen auffällt und in Bild 2 sehr schön zu sehen ist, sind (auch im Gegensatz zu Batticaloa) die extremen Feuchtigkeitsschwankungen nicht nur wädhrend eines Tages (was zu erwarten war), sondern nach oben und unten innerhalb von wenigen Tagen. Was mir bei der Auswertung der Wetterdaten noch aufgefallen ist: im Gegensatz zu den Batticaola-Messdaten ist bei denen für Hambantota kein enger Zusammenhang zwischen relativer Feuchte und der Höchsttemperatur zu erkennen, deren Jahresmittel bei etwa 31 °C liegt (Batticaloa: 33 °C).

 

Anuradhapura
In der Hauptstadt der Nordzentral-Provinz und alten Königsstadt Anuradhapura herrscht ein eher ausgeglichenes und gemäßigtes Klima. Die mittlere Tagestemperatur ändert sich im Verlauf eines Kalenderjahres nur relativ wenig. Der wärmste Monat mit durchschnittlich rund 29 °C ist der Mai, der kälteste der Januar mit im Durchschnitt 25 °C. Die Monate Oktober bis Dezember sind die regenreichsten im ganzen Jahr; in dieser Zeit fällt 230-250 mm Regen monatlich, was eine relative Feuchte von ca. 86 % bedeutet. Am trockensten ist es im Juni und Juli mit nur 12 bzw. 33 mm Niederschlag (relative Feuchte etwa 76 %).

 

Was man daraus lernt
Was folgt nun aus diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die so mancher Leser als langweilig empfinden mag, für den Sternschildkröten-Halter?

1. Es macht meiner Meinung nach wenig Sinn, die in den Wetterstationen Sri Lankas gemessenen, je nach Gebiet ganz unterschiedlichen Klimadaten penibel genau für die heimische Haltung von Sternschildkröten zu übernehmen. Denn einerseits ist es in der Regel unbekannt, aus welcher Region die Tiere der heutigen Besitzer ursprünglich abstammen. Zum anderen macht neben der Tagestemperatur nicht nur die Feuchtigkeit das Klima aus, sondern die Beschaffenheit des Habitats, der Luftdruck und, was oft nicht in Betracht gezogen wird, vor allem Windstärke und Windrichtung (pers. Mitteilung von Anslem de Silva)..

Relative Feuchten von über 85 % im meist oben offenen Sternschildkröten-Innenterrarium „einzustellen“ wird außerdem auf Dauer nur mit großem technischen Aufwand gelingen (Köhler, 2012). Landschildkröten, auch Sternschildkröten, fühlen sich wohl und pflanzen sich fort, auch wenn die klimatischen Bedingungen nicht so sind wie im natürlichen Verbreitungsraum. Für die große Anpassungsfähigkeit unserer Lieblinge sollen an dieser Stelle nur zwei meiner Beobachtungen an eigenen Tieren angeführt werden:

→ Europäische Landschildkröten nehmen - entgegen so mancher (Literatur-) Aussage - hierzulande nicht erst bei 25-30 °C Nahrung auf, sondern schon ab 15 °C – vorausgesetzt es scheint die Sonne.

→ Zweitens: Sternschildkröten können sich im Freigehege in den Sommermonaten unabhängig von der Feuchtigkeit paaren, z.B. auch bei „nur“ 40 % relativer Feuchte.

Eine Schwierigkeit bei einer eventuellen Umsetzung der im Sri Lanka-Habitat gemessenen relativen Feuchtigkeit im heimischen Gehege ist die Ungenauigkeit der für die Terraristik angebotenen Hygrometer des Handels (Bild 3). Wenn ein Messgerät in meinem Terrarium eine Feuchte von z.B. 70 % wie auf Sri Lanka gemessen anzeigt, herrschen dann im heimischen Gehege ähnliche Bedingungen wie im Sternschildkröten-Habitat? Oder zeigt mein Messgerät zu hohe oder zu niedrige Werte an? Anzeige- bzw. Messfehler von 20 % kommen bei den Hygrometern im unteren Preissegment von 20 Euro und weniger durchaus vor.

In diesem Zusammenhang ergeben sich noch weitere praktische Fragen, deren ausführliche Beantwortung freilich den Umfang dieses Beitrages deutlich sprengen würden. Beispiel: Wo platziert man das Hygrometer im Sternschildkröten-Gehege am Zweckmäßigsten? Auf dem Boden liegend? Oder 10 cm oder 30 cm über den Boden? Oder gar in 2 m Höhe, wie die genauen Hygrometer in unseren Wetterstationen?

 

P1050218 kleinBild 3: Zwei baugleiche, für die Terraristik verwendete Hygrometer des gleichen Herstellers nebeneinander gelegt nach ausreichender Beharrung. Beide Messgeräte zeigen zwar, wie man es auch erwartet, die gleiche Temperatur an, doch bei der relativen Feuchte gibt es mit 65 % Anzeige (links) bzw. 52 % (rechts) eine überraschend große Abweichung. Welcher der beiden Messwerte ist wohl der richtigere? (Bild entnommen aus Köhler, 2012).

 

 

 

 

2. Die eingangs erwähnten Aussagen von (einigen) Autoren, dass es im typischen Biotop von Geochelone elegans aur Sri Lanka drei bis zehn Monate lang trocken ist, wobei allerdings leider keiner der Autoren den Begriff ‚trocken‘ definiert, erscheint durch die hier kommentierten aktuellen Wetteraufzeichnungen auf der Insel Sri Lanka widerlegt. Je nach Region kommt es zwar durchaus zu Trockenphasen von maximal etwa drei Monaten (keineswegs also 10 Monaten) Dauer, doch selbst in diesem „trockenen“ Zeitraum liegen die niedrigsten Feuchtigkeitswerte im Raum Batticaloa immer noch bei rund 60 % und in den Regionen Habantota und Anuradhapura sogar bei etwa 72 %. Von extremer Trockenzeit kann man bei diesen Werten sicher nicht reden…

3. Wenn die in Deutschland gehaltenen Sternschildkröten in der warmen Jahreszeit im Freien sind, also z.B. von Anfang Mai bis Ende August/Anfang September, ist dies nach obigen Ausführungen genau die Phase, in der es auf Sri Lanka am wenigsten feucht ist. Der Durchschnittswert der relativen Feuchtigkeit in diesem Zeitfenster weicht bei uns, für viele vielleicht überraschend, kaum von den Durchschnittswerten im gleichen Zeitraum in den Geolechone elegans-Biotopen auf Sri Lanka ab. Beispiel für meinen Wohnort Friedberg: aus den täglichen Wetteraufzeichnungen des Jahres 2015 am Regionalflughafen Augsburg ermittelt sich für den Zeitraum Mai bis August eine mittlere Feuchtigkeit von 74 %, allerdings bei einem Durchschnittswert der Tageshöchst-Temperaturen von nur 24 °C (mit kurzzeitigen Peaks bis 34 °C). Das Mittel der nächtlichen Tiefsttemperaturen in der gleichen Zeit war in Augsburg aber nur 11 °C (mit einem kurzzeitigen Minimum von lediglich 4 °C), d.h. ein beheiztes Schutzhaus für die Nächte und die kühleren Sommertage ist bei der Pflege von Sternschildkröten unabdingbar. Eigens angefeuchtet werden muss das Freigehege in unseren Sommermonaten nicht.

In der übrigen Zeit ist für feuchtere Bedingungen zu sorgen (Vernebler, regelmäßiges Übersprühen mit lauwarmem Wasser, Bade-Wasserschale).

 

Bild 4: Sternschildkröten benötigen keine übergroßen Außengehege. Hier das Schlafquartier von vier P7030408 kleinSternschildkröten, ein liegender Plastik-Pflanztopf in einer Ecke der beheizten Schutzhütte am Rand des Freigeheges. Die Strohauflage gibt den Tieren ein Gefühl der Sicherheit; sie scheinen fast mit ihrer Umgebung eins zu werden, vor allem wenn die Sonne ins Gehege scheint.

 

 

 

4. Im Prinzip finde ich persönlich die momentane Aufteilung Ihres Terrariums in einen eher trockenen und einen eher feuchteren Bereich (der außerhalb der „Trockenwochen“ etwas feuchter gehalten werden könnte) durchaus sympathisch und brauchbar. Denn so haben die Tiere selbst die Wahl ihres Aufenthalt- und Schlafortes (Bild 4). Ich würde vor einer evtl. totalen Umgestaltung des Terrariums zunächst den bepflanzten, feuchten Teil vergrößern und diesen auch etwas wärmer als bisher halten. Sollten dann Ihre Tiere nach wie vor den trockeneren, wärmeren Bereich bevorzugen, können Sie immer noch umgestalten und dafür die Zeit nutzen, wenn sich die Schildkröten in der warmen Jahreszeit im Freien aufhalten (Bild 5). Letzteres sollte in keinem Fall unterbleiben.

Kurz und bündig möchte ich wie folgt zusammenfassen: in den Übergangszeiten und im Winter, wenn  Sternschildkröten im heimischen Gehege in der Wohnung bzw. im Haus gehalten werden, also von etwa Ende August/Anfang Oktober bis Ende/Mitte April, sollten die Tiere durch regelmäßiges Übersprühen mit lauwarmem Wasser und dem großzügigen Einsatz eines Verneblers (Köhler, 2012) eher feucht gehalten werden. In der warmen Jahreszeit reicht im Freigehege die dort herrschende natürliche Feuchtigkeit aus, so dass sich Anstrengungen zur Veränderung des Wertes erübrigen. 

 

P7180450 kleinerBild 5: In Menschenobhut gehaltene Sternschildkröten fühlen sich in unserem Sommer im Freien wesentlich wohler als in den meist beengten Innengehegen oder Terrarien mit oft nicht optimalen Klimawerten, siehe auch das Coverbild (rechter Bildteil) auf der Startseite von schildi-online.eu. Das Areal sollte gut strukturiert und abwechslungsreich mit Pflanzen als Schattenspender gestaltet sein. Dann lassen bei geschlechtsreifen und langsam gewachsenen Tieren Verpaarungen nicht lange auf sich warten. Bild 4 und 5: Horst Köhler

 

 

 

Abschließend zu diesem Thema noch zu dem von Ihnen angeschnittenen Aspekt des Monsuns, der letztlich die unterschiedlichen Niederschlagsverhältnisse auf der Insel bewirkt. Es gibt auf Sri Lanka zwei verschiedene: den Südwest-Monsun, der zwischen Mitte Mai und August an der West- und Südküste Niederschläge bringt, und den etwas weniger ausgeprägten Nordost-Monsun von Oktober bis Anfang/Mitte Februar, dessen Regenwolken sich über die Nordost-, Ost- und auch die Südküste ergießen. Da sich die Schildkröten-Habitate eher im nordöstlichen, östlichen bzw. südöstlichen Teil der Insel befinden, spüren die Sternschildkröten in erster Linie die Wirkungen des Nordost-Monsuns. Dies sieht man deutlich an der gemessenen relativen Feuchte bei Batticaloa, die genau in den Monsun-Monaten Höchstwerte erreichen.

 

Zierspargel
Asparagus (Zierspargel) zählt nicht zu den - weniger als insgesamt etwa acht bis zehn - Gewächsen, die für Landschildkröten wirklich giftig sind. Allenfalls die sich bildenden Beeren, wenn es im Terrarium überhaupt so weit kommen sollte, sind schwach giftig. Doch meine Erfahrung ist, dass Landschildkröten durchaus riechen und schmecken, was schädlich für sie ist. Bei einem früheren Test, bei denen ich Schildkröten Proben verschiedener Grünpflanzen und Blattgemüsesorten zusammen mit den für sie „giftigen“ Eiben und Azaleenblüten präsentierte, mieden sie die beiden Letztgenannten. Andererseits beobachtete ich auch schon Landschildkröten mitten im Maiglöckchenfeld im Garten sitzend, die – wohl eher aus Langweile – in einige Maiglöckchenblätter hineinbissen, dann aber nicht weiter davon fraßen.

Eine ganz andere Frage ist, ob der Zierspargel im Schildkröten-Terrarium langfristig gut gedeiht: diese Pflanze liebt zwar einen hellen Standort, aber keine direkte (Sonnen-) Bestrahlung.

 

Geschlechtsreife
In Gefangenschaft gehaltene Sternschildkröten werden bei uns etwa fünf bis sieben Jahre nach dem Schlupf geschlechtsreif, also tendenziell etwas früher als Europäische Landschildkröten. Entscheidender als das Alter dürfte freilich die Größe sein, d.h. ab etwa 14 und 20 cm Carapaxlänge je nach Geschlecht werden die Tiere geschlechtsreif. In der Natur tritt die Geschlechtsreife wegen des dort langsameren Wachstums der Tiere etwas später ein, etwa sechs bis acht Jahre bei den Männchen und etwa acht bis 12 Jahren bei den Weibchen.

Weil die Weibchen deutlich größer und schwerer werden als gleichaltrige Männchen (Bild 1), habe ich beobachtet, dass sich in einem solchen Fall Männchen mit dem gleichen Alter wie die Weibchen mit der Kopulation schwer tun. Erfolgversprechender ist also die Verpaarung eines Weibchens mit einem Männchen, das ein paar Jahre älter und damit schon etwas größer ist.

 

Zuchtambitionen
Sie haben offensichtlich Zuchtambitionen und überlegen sich, ob Sie noch ein oder zwei weitere Sternschildkröten zu Ihrem jetzigen Paar hinzukaufen sollen. Momentan besitzen Sie ein Männchen und ein Weibchen – beide Schildkröten sind offensichtlich noch nicht geschlechtsreif. Bestandserweiterung – ja oder nein? Dies hängt von mehreren Faktoren ab, natürlich auch von Ihren finanziellen Verhältnissen.

Können Sie den Eintritt der Geschlechtsreife Ihrer beiden Schildkröten in etwa zwei oder drei Jahren abwarten, dann würde ich diese Zeit abwarten und bis dahin kein weiteres Tier hinzusetzen. Wenn Sie sich aber schon in ein oder zwei Jahren einen Zuchterfolg erhoffen (z.B. weil Sie selbst schon im fortgeschrittenem Alter sind), ist es natürlich alternativ auch möglich, ein zweites adultes Weibchen zu erwerben. Das neue Tier benötigt erfahrungsgemäß ohnehin eine gewisse Eingewöhnungszeit an die neue Umgebung, wobei Sie schon von ungefähr einem Jahr ausgehen müssen. Bis dahin ist Ihr jetziges semi-adultes Männchen vielleicht paarungsfähig und paarungswillig (!) und befruchtet zumindest eines der beiden Weibchen. Es gibt allerdings Sternschildkröten-Männchen, die auch mit zehn Jahren oder älter nicht an Weibchen interessiert sind. Dann müssen Sie sich ein zweites adultes Männchen zulegen. Sternschildkröten sind als friedliebende Landschildkröten untereinander verträglich, so dass ich bei einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis (1:1) im Gegensatz zu den europäischen Arten keine Gefahr von Streitigkeiten der Männchen untereinander oder der Überbeanspruchung der Weibchen sehe.

 

Gehegegröße
Was den Raumbedarf für beispielsweise vier ausgewachsene Sternschildkröten mit durchschnittlich 20 cm Carapaxlänge im Terrarium betrifft, folgende überschlagsmäßige Berechnung entsprechend des ministeriellen deutschen Gutachtens über die Mindestanforderungen an die Haltung von Reptilien (u.a. Köhler, 2008):

  • Benötigte Mindestlänge des Terrariums = Carapaxlänge x 8 x 1,2 = 20 x 8 x 1,2 = 192 cm = ca. 2 m
  • Benötigte Mindestbreite des Terrariums = benötigte Länge : 2 = ca. 1 m
  • Benötigte Mindestfläche = 2 x 1 = 2 m2

Ihr offensichtlich vorhandenes Terrarium mit 4 m2 reicht also auch für vier Tiere aus; es gilt ohnehin der Grundsatz: je größer die Fläche, desto besser.

 

Verwendete Literatur
Liyanaarachchi D.R., Rajakaruna R. S., Dikkumbura A.W., de Silva A. und Rajapakse R.P.V.J. (2015): Ticks (Acarina: Ixodida) infesting five reptile species in Sri Lanka with sixteen new host records. Zootaxa 3964 (1): S. 146-148, 2015

Köhler Horst (2008): Aufzucht europäischer Landschildkröten-Babys: vom Ei zum robusten Jungtier. ISBN 978-3-00-023839-0, 172 S.

Köhler Horst (2012): Praxiserfahrungen mit „Super Fog“, 2. Teil: Feuchtigkeitsmessungen im Innengehege. www.schildi-online.eu, Rubrik „Berichte & Artikel“

 

Dieser Beitrag wurde am 21. Februar 2017 online gestellt.

Genetische Untersuchung geben Einblicke in die Evolution der „Bahamas-Schildkröte“

 

Wissenschaftler von Senckenberg und der Universität Potsdam haben das Erbgut der ausgestorbenen Riesenschildkröte Chelonoidis alburyorum untersucht. Dem internationalen Team gelang es erstmalig, eine vollständige DNA-Sequenz der tropischen Tiere zu gewinnen. Das Erbgut offenbart, dass die Bahamas-Schildkröten nahe Verwandte der Galapagos-Schildkröten und der südamerikanischen Chaco-Schildkröten waren. In ihrer am 11. Januar 2017 im Fachjournal der Royal Society of London „Proceedings B“ erschienenen Studie zeigen sie zudem, dass die Tiere vom Menschen ausgerottet wurden.

Vor etwa 1.000 Jahren waren die Bahamas noch die Heimat der Riesenschildkröte Chelonoidis alburyorum – dies änderte sich kurz nach der Besiedlung der Inseln durch den Menschen. „Heute finden wir nur noch fossile Überreste dieser etwa einen halben Meter großen Schildkröten“, erklärt Professor Uwe Fritz, Direktor der Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden und fährt fort: „Wir haben erstmalig das Erbgut der Bahamas-Schildkröten untersucht und konnten so feststellen, dass diese vor etwa 850 Jahren ausgestorbenen Tiere nahe mit den Galapagos-Schildkröten und den Chaco-Schildkröten aus Südamerika verwandt sind.“ Die nächsten Verwandten dieser Landschildkröten und zweier weiterer südamerikanischer Spezies leben, wie die Ergebnisse der Studie zeigen, erstaunlicherweise in Afrika. Die untersuchte Schildkrötengruppe muss sich also in der Erdgeschichte mehrfach über die Ozeane hinweg, beispielsweise mit Treibgut, ausgebreitet haben und konnte so von Afrika nach Südamerika und von dort aus auf die Galapagos-Inseln und die Bahamas gelangen. Mit hoch spezialisierten Labormethoden hat das internationale Team um den Dresdner Wissenschaftler und Professor Michael Hofreiter von der Universität Potsdam erstmals genetische Daten – ein nahezu vollständiges mitochondriales Genom – aus einem 1.000 Jahre alten Oberarmknochen der Riesenschildkröte gewonnen und mit heute lebenden Arten verglichen. Möglich war dies durch eine für die Tropen ungewöhnlich gute Erhaltung der Schildkrötenknochen. „Die von uns untersuchten Fossilien stammen aus sogenannten ‚Blauen Löchern’ – das sind meerwassergefüllte Karstlöcher, die offenbar eine relativ gute DNA-Konservierung ermöglichen“, erklärt Hofreiter. Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten für die Untersuchung der DNA ausgestorbener tropischer Tiere.

 

Chelonoidis alburyorum kleinVon Chelonoidis alburyorum sind auf den Bahamas nur noch fossile Überreste wie dieser Carapax übrig, die in meerwassergefüllten Karstlöchern, den sogenannten Blauen Löchern, konserviert gefunden wurden. Foto von Brian Kakuk, mit freundlicher Genehmigung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung.

 

 

Die Riesenschildkröten verschwanden innerhalb weniger Jahre nach der Besiedlung der Bahamas durch den Menschen – lange bevor Kolumbus Amerika entdeckte. Fritz erläutert: „Dies ist ein allgemeines Muster, da auf den Bahamas und Antillen zahlreiche größere Tierarten kurz nach der Ankunft des Menschen verschwanden. Es zeigt, dass der Mensch auch früher nicht im Einklang mit der Natur lebte, sondern Nahrungsquellen schon immer übermäßig ausbeutete und Lebensräume veränderte. Heute findet dieser Prozess aber im Vergleich zu früher in einem erschreckenden Tempo statt, so dass der Artenverlust und die Verarmung unserer Umwelt bedrohliche Dimensionen angenommen haben.“ Immerhin kann Erbgut aus den „Blauen Löchern“ in Zukunft helfen, besser zu verstehen, welche Arten schon längst unwiederbringlich verloren gegangen sind und welche Lebensgemeinschaften ohne den Menschen dort vorkommen würden.

 

Pressemeldung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, 11.1.2017

 

Anmerkung: Auf Anfrage teilte uns Prof. Dr. Uwe Fritz von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden mit, dass über die in der Pressemeldung angegebene Länge von etwa 50 cm hinaus bisher keine weiteren Angaben über Abmessungen und Gewicht existieren. Damit scheint die „Bahamas-Schildkröte“ nicht größer als die zentralafrikanische Spornschildkröte (Centrochelys sulcata) gewesen zu sein, eher noch etwas kleiner.  H.K.

 

Dieser Beitrag wurde am 14. Januar 2017 online gestellt.

 

 

Text von Horst Köhler, Fotos von Bob Nosbusch, Luxemburg

 

Der Luxemburger Bob Nosbusch ist 33 Jahre alt und beschäftigt sich mit Landschildkröten bereits seit seinem siebten Lebensjahr. Schon als er als Jugendlicher noch bei seinen Eltern wohnte, gehörte ihm dort eine 45 kg schwere Spornschildkröte, die sehr zutraulich und quasi Mitglied der Familie war.

Eine gezielte Zucht betreibt der begeisterte Schildkrötenfreund nicht. Wenn seine Schildkröten Eier legen (Bild 1) und er weiß, dass der genügend Abnehmer für die Schlüpflinge hat, brütet er die Eier aus – sonst nicht. „Es geht mir nicht ums Geldverdienen“, sagt er, „wenn ich meine Stromrechnung damit ein wenig finanzieren kann, bin ich schon glücklich“. So konnte er alle seine restlichen Nachzuchten der Ostrasse der Griechischen Landschildkröte (Testudo hermanni boettgeri) von 2015 bis auf einen Schlüpfling, den er behalten möchte, verkaufen. Auch in diesem Jahr (2016) sind bei ihm schon T.h.boettgeri geschlüpft und, zu seiner großen Freude, zum ersten Mal auch Marginata-Nachzuchten.

Unterstützt wird Bob in seiner Begeisterung für die Schildkröten von seiner Ehefrau Michèle, die sich besonders viel um die jungen Landschildkröten kümmert.

 

IMG 2388 Bild1Bild 1: Nicht immer verläuft die Eiablage von Schildkröten problemlos. Im Bild ein 25 Jahre altes Boettgeri-Weibchen von Bob beim Absetzen eines zerbrochenen Eies. Es handelte sich um das erste Ei von insgesamt sechs Eiern, wobei die übrigen fünf intakt in der ausgehobenen Nistgrube landeten. Das Weibchen musste sich beim Austreiben des ersten Eies sehr anstrengen und stark pressen. Vielleicht ist dabei das Ei zerbrochen.

 

 

 

 

Was ihn möglicherweise von anderen Züchtern unterscheidet, ist, dass er gleich sechs verschiedene Arten hält:

 

Zuchtgruppe T. hermanni boettgeri: Ein Männchen und vier Weibchen (Bild 1) im Alter zwischen acht und 25 Jahren. Ihr Gehege ist etwa 40 m2 groß.

 

Zuchtgruppe T. hermanni hermanni (Westrasse der Griechischen Landschildkröte): drei adulte Schildkröten, die Bob jedoch bei ihren Artgenossen bei seinem Vater untergebracht hat.

 

Zuchtgruppe Breitrandschildkröten (Testudo marginata): zwei Männchen und ein Weibchen, die sich in einem eigenen Gehege von etwa 60 m2 aufhalten. Da eines der Männchen dem Weibchen besonders zusetzt und deswegen auch oft separiert werden muss, suchte Bob für seine Gruppe ein semi-adultes bzw. ein schon geschlechtsreifes Marginata-Weibchen. Er fand im Frühjahr dieses Jahres auch eines, musste dafür aber auch noch eine Gruppe von Pantherschildkröten (Stigmochelys pardalis) abnehmen. Der Vorbesitzer ist umgezogen und hatte im neuen Heim keinen Garten für die Schildkröten mehr; Bob hatte Mitleid und nahm die „Panther“ auch noch mit.

 

IMG 7073 kleinBild 2: Eine von Bobs Köhlerschildkröten. Da die Tiere in ihrem Abstammungsgebiet nicht nur im trockenen Flachland und in eher trockenen Waldgebieten vorkommen, sondern auch in Regenwäldern mit hoher Luftfeuchtigkeit (und gleichbleibend hohen Temperaturen), empfiehlt sich bei der Haltung dieser Art in jedem Fall die Aufstellung eines Wasserbeckens und eine regelmäßige Substratanfeuchtung.

 

 

 

 

Zuchtgruppe Köhlerschildkröten (Chelonoidis carbonaria), Bild 2: ein Männchen und zwei Weibchen. Diese Tiere hat Bob von seinen Eltern übernommen, weil die nur noch Griechische Landschildkröten halten wollen. Da die im Norden des südamerikanischen Kontinentes beheimateten Tiere bis zu 40 cm, ja sogar 50 cm groß werden können, baut Bob für sie gerade ein eigenes Gehege. Bis es so weit ist, sind die Tiere vorübergehend noch bei den Breitrandschildkröten untergebracht.

 

Drei Centrochelys sulcata (Spornschildkröten), vermutlich ein Männchen und zwei Weibchen, siehe Bild 3, die noch nicht allzu lange in seinem Besitz sind. Diese Tiere wiegen aktuell 7 kg, 10 kg und 15 kg. Der Dreiergruppe steht ein Freilandgehege von knapp 400 m2 Fläche zur Verfügung, was ein Drittel der Fläche von Bobs Garten ausmacht. Wenn nötig, könnte er es bis auf etwa 1.400 m2 erweitern. Die Spornschildkröten und auch die Köhlerschildkröten haben bis jetzt noch keine Gelege abgesetzt, vermutlich sind die Schildkröten noch nicht geschlechtsreif.

 

IMG 1590 Bild3Bild 3: Zum Fotografieren wurden die drei Spornschildkröten, die sich sonst auf den gesamten Garten verteilen würden, in das Gehege der Köhlerschildkröten gebracht. Man sieht hier sehr schön den Größenunterschied der beiden Arten, die beide noch nicht geschlechtsreif sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

IMG 1603 Bild4

Bild 4: Der größte Teil des Gartens wird von den drei Spornschildkröten beansprucht, deren Laufspuren man bei genauem Hinsehen ausmachen kann. Rechts die Gehege für die anderen Arten mit einem Gewächshaus, in dem die Griechischen Landschildkröten in einer Grube überwintern.

 

Die Spornschildkröten teilen sich bei Bob den Garten mit seiner Familie und halten sich tagsüber in dem in Bild 4 abgebildeten Gartenbereich auf, dort wo das Pavillongerüst und die Kinderrutsche zu sehen ist. Die Eingrenzung besteht aus U-Profilen aus Eisen, in die Bretter eingesteckt sind (Bild 5). Muss der Garten gemäht werden, werden die Holzbretter einfach nach oben herausgehoben und nach dem Mähen wieder in die Nuten der Profileisen gesteckt.

 

Gehege 1 Bild5Bild 5: Eine einfache, aber wirksame Lösung der Einfriedung des Spornschildkrötenbereichs: eiserne U-Profile mit eingesteckten Brettern. Zum Mähen des Rasens werden diese einfach herausgenommen. Ganz rechts im Eck sitzt eine der drei Spornschildkröten.

 

 

 

 

 

Als Winterquartier steht den drei Spornschildkröten Bobs Garage zur Verfügung. Dort hat er eine große Holzkiste mit den Abmessungen 5 x 4 m und einer Höhe von 1,2 m gezimmert. Diese „Kiste“ kann noch erweitert werden.

Schließlich besitzt Bob auch noch, wie oben erwähnt, die „notgedrungen“ übernommenen Pantherschildkröten. Es handelt sich um zwei semi-adulte Weibchen, die zwischen vier und fünf Jahre alt sind.

Bobs großer Traum ist es jedoch, irgendwann in Zukunft nur noch Panther- und Strahlenschildkröten zu pflegen, aber bis dahin werden wohl noch viele Jahre vergehen …

 

Dieser Beitrag wurde am 9. August 2016 online gestellt.

 

Text und Bilder von Gudrun Maria Lück, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Hinweis: Die Autorin des nachfolgenden Artikels (Bild 1) hat meine Gedanken zum Verschleudern von Schildkröten-Schlüpflingen gelesen und ihre Meinung zu diesem Thema niedergeschrieben. Dass mir von einigen Foren-Liebhabern zu Unrecht schlechtes Verkaufsverhalten, Gewinnstreben und mangelnde Liebe zu Schildkröten (!) vorgeworfen wurde, nur weil ich meine Nachzuchten um 55 € verkaufte, hatte Konsequenzen: Meine letzten Nachzuchten aus 2015 sind verkauft, die Zuchttiere verschenkt, die früheren Gehege abgebaut und das Finanzamt, an welches 19 % MWSt vom Verkaufspreis abzuführen war, von der Zuchteinstellung informiert. Doch das Abgeben von Nachzuchten zu Schleuderpreisen um 35 € und darunter bleibt auch weiterhin ein Thema, auch für diese Website.
Dem ausdrücklichen Wunsch der Autorin, ihren Text unverändert zu veröffentlichen, wurde entsprochen.
Horst Köhler

Bild1 KamillenwieseBild 1: Die Autorin mit ihrer Patenschildkröte „Catweezle“, die sie von ihrer zuständigen Unteren Naturschutzbehörde anvertraut bekam. Dieses Tier wurde wahrscheinlich ausgesetzt und als Fundtier gemeldet. Es war von Füchsen und Wildtieren schlimm zugerichtet worden und wurde von der Autorin mit Hilfe eines reptilienkundigen Tierarztes wieder gesund gepflegt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Sehr geehrter Herr Köhler, wir kennen uns nicht, aber mich begleitet mit vielen anderen ebenfalls wertvollen guten Werken Ihr Buch „Aufzucht von europäischen Landschildkröten-Babys“ seit vielen Jahren. Dieses Buch hat mir zu einer artgerechten Haltung und Zucht meiner Tiere verholfen. Dass Sie Ihr Hobby aufgegeben haben aufgrund von Anschuldigungen Fremder, die der Meinung sind, dass man mit der gesunden Annahme eines „Aufzucht-Entschädigungsgeldes“ für die Abgabe eigener Nachzuchten das große Geld scheffeln will, bedaure ich sehr. Wie erwähnt, bin ich ein Fan von Ihnen und schätze Ihre Arbeiten sehr. Ich selbst arbeite ebenfalls an einem Schildkrötenbuch, während ich meine Elterntiere, die ich zumeist von Babys an groß gezogen habe, beobachte und alles für die „Nachwelt“ notiere, was mir wichtig erscheint. Es kostet unheimlich viel Zeit und es ist ein Mega-Aufwand, neben den ganzen Behördenpapieren und Fotos für die Dokumentationen alles festzuhalten und eben nicht NUR zu züchten. Die Nächte die ich an Auswertungen und anderen Arbeiten am PC verbringe, kosten mich nicht viel Geld, aber oft viel Kraft.

Kritiker wissen nicht immer alles
Ich bin kein Freund von Foren. Auch wenn ich oftmals darin lese, verabscheue ich die Menschen dort, die einen z.B. hilfesuchenden Anfänger, anstatt ihm zu helfen und nett aufzuklären, fertigmachen bis der Betreffende nicht selten verzagt und sich gar nicht mehr traut, irgendwo irgendwelche Fragen zu stellen. Nicht selten, da bin ich mir sicher, müssen aus dieser Unsicherheit heraus dann Tiere sterben, weil Frau oder Mann Angst hat, Fehler zu melden und sich Hilfe zu holen. Diese verzweifelten Menschen wenden sich oft telefonisch oder per Mail mit Fragen an mich, weil sie erfahren haben, dass ich niemanden vorverurteile und jeden so sein lasse, wie er sein möchte und jedem gerne zum Schutz dieser Tiere beratend zur Seite stehe. Denn es geht mir dabei rein nur um die Tiere und deren Gesundheit.

 

Bild 2: Nach viel Arbeit, viel Liebe und vielen, vielen investierten Euros in die Zucht: meine ersten Nachzuchten Bild2 Kamillenwiesenach 12 Jahre langem Aufbau der Zuchtgruppe und Aufzucht der Elterntiere von Babygröße an.

 

 

 

 

Und ich bin mir sicher, dass genau diese Menschen (die andere in Foren niedermachen, ob gewollt oder ungewollt) die sind, die sich die Mäuler über einen anständigen Züchter zerreißen, der nicht mal all die Kosten, die er hatte, einfordert für ein Abgabetier, weil diese Menschen sich in der Anonymität der meisten Foren und des Internets aufspielen und meinen, mitreden zu können. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Nörgler nicht wissen, wie die Stromrechnung eines Züchters aussieht, der für die artgerechte Haltung der Elterntiere an nichts spart. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Leute nicht wissen, was eine gute UV-Beleuchtung kostet und wie oft sie getauscht werden sollte – nicht wissen, wie teuer eine EU-Bescheinigung ist, die gute Fotos benötigt. Nicht wissen, dass man für eine Kühlschranküberwinterung auch für eine ganze Zucht Kühlschränke benötigt. Ich habe für meine Tiere drei mannshohe Kühlschränke im Gebrauch!

Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass diese Nörgler nicht wissen, wie eine Wasserrechnung aussieht für die Versorgung eines 100-Quadratmeter-Geheges, in dem die Tiere immer sauber und stolz den Schildkrötenkäufern präsentiert werden und die Tiere sich wohl fühlen. Sepia, Muschelgrit, Brutsubstrat, Kunstglucken, immer wieder frische Erde und Sand, alles muss erneuert werden, wenn es hygienisch zugehen soll. Überwinterungsbehälter noch und noch, Gewächshausausbesserungen usw., man kann gar nicht alles aufzählen, soviel ist es: Markierungsstifte, Entwurmung, Agrobs im 8-kg-Züchterpacks, Agrobs-Baby für die Nachzuchten, Vita Lux 300 Watt fallen mir spontan noch ein.
Dürfen solche Personen überhaupt über uns Züchter eine Meinung abgeben?

Meine Tiere müssen auch zu gewissen Zeiten zugefüttert werden, auch wenn das Gehege noch so groß ist, es geht nicht anders. Ich habe aber noch keinen Laden gefunden, der mir all das Futter schenkt. Stellen Sie sich mal vor, diese Geschäfte wollen alle an ihrem Grünzeug verdienen, weil sie - wie wir - nicht bereit sind, einem wildfremden Menschen ihre Arbeitskraft, ihr Wissen und ihr Geld zu schenken.

Bild3 KamillenwieseBild 3: Zwei semi-adulte Weibchen in einem meiner Gehege, die sich gerade der Morgensonne zuwenden und aufwachen. Diese beiden schlafen immer gemeinsam in ihrer Lieblingshöhle und sind definitiv keine Einzelgänger.

 

 

 

 

 

 

 

Mein Verkaufspreis: 85 Euro
Und genau deshalb kosten bei mir Nachzuchttiere auch keine 40 € und schon gleich gar nicht 25 €, sondern genau 85 €. Richtig gelesen, 85 €, weil mir der Tierarzt auch keinen Herpestest der Elterntiere schenkt und weil mir der Stromanbieter den Strom nicht umsonst liefert. Und weil meine eigens für meine Tiere mitgenutzte Wohnung für all die Arbeiten und Pflegedienste an meinen Tieren, für all die Dinge, die ich zu ihrer Versorgung brauche, und ja irgendwo untergestellt werden müssen, auch nicht umsonst ist, auch wenn es sich um die untere Wohnung meines Zweifamilien-Eigenheimes handelt, will die Bank ihr Geld monatlich dafür sehen und schenkt mir ebenfalls nichts.

Ich investiere für jeden Käufer mindestens zwei bis drei Stunden Aufklärungszeit, damit auch ein Anfänger ein solches Tier halten kann. Ich bringe dem Käufer das Leben dieser Tiere von Anbeginn der Entstehung nahe, um ihm zu zeigen, wie wertvoll so ein Tier ist, indem ich jedes Ei, aus dem ein Baby schlüpft, für den Käufer säubere und es ihm in einem Gläschen mit Korken liebevoll übergebe, als Andenken wie dieses Lebewesen einst mühsam entstanden ist. Nicht mal die Glasherstellerfirma schenkt mir diese vielen Gläschen, unglaublich oder?

Hallo Leute, werdet doch mal wach, ich habe mich bis heute immer sehr zurückgehalten und oft bei wirklich dummen und arroganten Kommentaren in Foren eine Faust in der Tasche gemacht. Doch heute habe ich das Bedürfnis zu reden, weil es mich maßlos ärgert, dass man jetzt schon solche Fachleute wie Herrn Köhler aus der Zucht und dem Hobby herausekelt.

Bild4 KamillenwieseBild 4: Eines meiner Nachzuchttierchen aus dem Jahr 2014. Meine Schildkrötenkäufer kommen trotz des Preises von 85 Euro pro Tier und der vielen „günstigeren“ Angeboten im Internet nicht selten und immer wieder von weit her. Sie sind froh, ausführlich beraten zu werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn ich mir die Preise für Toilettenpapier ansehe: Selbst ein Toilettenpapier-Hersteller darf für seine Dienste Geld, und zwar soviel fordern, wie er braucht, um zumindest seine Kosten zu decken. Aber eine Schildkröte, die so ein wertvoller Diamant der Natur ist, und den wir Züchter für die Menschheit zu erhalten versuchen, soll dies nicht wert sein?

Ist man sich nicht darüber im Klaren, dass man nur gesunde Nachkommen hat, die irgendwann wieder Nachkommen haben, wenn die Elterntiere gesund sind? Ist man sich nicht darüber im Klaren, dass diese Elterntiere entweder über zehn oder mehr Jahre erst mal groß gezogen werden müssen, während man auch die laufenden Kosten trägt, nach denen keiner fragt? Ist man sich darüber im Klaren, dass der Aufbau einer Zucht Tausende von Euro schluckt? Wenn man Pech hat, gerät man als Anfänger an einen „Billigzüchter“, der seine Tiere unbedingt für wenig Geld los werden möchte und einen dann noch mit der Bruttemperatur angelogen hat, weil man nach sieben Jahren feststellt, dass man ja doch „nur“ Männchen gekauft hat und mit dem Zuchtaufbau von vorn beginnen muss, sich von lieb gewonnen Tieren trennen muss um irgendwann doch züchten zu können - um des Erhalts dieser wertvollen Tiere?

Ich wünschte, ich hätte den Artikel von Herrn Köhler über seine Erfahrungen viel früher gelesen. Ich habe ihn nur durch Zufall entdeckt, weil ich nach Infos über Albinoschildkröten gesucht habe, die leider mit ihrem Gendefekt unter Sammlern so beliebt sind, für die viel Geld ausgegeben wird um diese wieder zu verpaaren - um wieder weiße Tiere hervorzubringen, die einen Gendefekt haben und in ihrer Gesundheit benachteiligt sein können. Es ist unglaublich, aber da schreit kein Mensch, dass das, was ich übrigens als Qualzucht ansehe, für so viel Geld verkauft wird. Da wird mit „kranken“ Schildkröten viel mehr Geld gemacht als jemals reingesteckt wurde, und das ganz bewusst. UM so etwas sollte man sich kümmern, nicht um einen ganz normalen Züchter, der seine Nachzuchten liebevoll großzieht und mit seinem Wissen und Erfahrungen uns allen Züchtern und auch den Käufern so wertvolle Infos übermittelt.

Geldverdienen ist nicht strafbar
Geld verdienen ist heutzutage Gott sei dank noch nicht strafbar, aber das tun wir ja als Züchter, die einen anständigen Preis für anständige Nachzuchten aus einer anständigen verantwortungsvollen Zucht verkaufen, nicht mal. Wir legen trotzdem drauf, weil wir unser Hobby lieben, weil wir uns dem Tierschutz versprochen haben, weil wir verhindern wollen, dass illegal Raubbau in den Habitaten verübt wird. Ein Züchter, der einen angemessenen Preis für seine Nachzucht nimmt, kann wohl mit ruhigem Gewissen sagen, dass er mehr Geld in seine Tiere investiert, als er jemals zurückbekommen kann. Da finde ich Herrn Köhlers Zweifel richtig, dass man sich schon Gedanken machen darf, egal ob als Züchter oder als Käufer, ob jemand wirklich genug in die Gesundheit seiner Zucht investiert und diese Nachkommen auch ein langes Leben zu erwarten haben, wenn jemand seine Tiere so preisgünstig abgeben oder sogar verschenken kann. Bei Tieren und Elterntieren, die regelmäßig reptilienärztlich betreut wurden, deren Kot regelmäßig untersucht wird, die mehrmals einen Herpestest hinter sich haben, die regelmäßig Winterschlaf halten, die ein Gehege haben, das Auslauf und artgerechte Unterbringung garantiert, finde ich, kann man von einem guten Züchter nicht erwarten, dass er seine Tiere an Fremde verschenkt. Wir Züchter machen eh‘ Verluste genug, denn auch uns treffen die ständigen Erhöhungen der Lebenshaltungskosten der „normalen“ Menschen, wir bekommen nichts geschenkt, aber verschenken schon genug, weil die Schildkrötenzucht unser heiß geliebtes Hobby ist und wir eine große Ehrfurcht vor diesen wundervollen Diamanten der Natur haben und wir mit Stolz an unseren Nachzuchten hängen.

Diesen Artikel schrieb ich nicht, um irgendjemand zu schützen, auch nicht um mich für meine Preise zu rechfertigen, sondern zum Schutz aller Schildkröten, die auf dem Markt für ein paar Euro verschleudert werden und damit zum „Einwegspielzeug“ der Gesellschaft werden können, so wie es damals schon mal war, als der Mensch die Natur ausräuberte und alles zum Erliegen brachte, was wir Züchter jetzt versuchen wieder aufzubauen und zu retten. Dann bekommen wir Schildkröten wohl auch bald beim Discounter?

 

Bild5 Kamillenwiese

Bild 5: Ein Schildkrötenbaby aus dem Jahr 2013 von unserem Muttertier „Paloma“. Ich hatte bisher immer mehr Interessenten als Babys. Sollten mal wirklich welche nicht verkauft werden, hätte ich genügend Platz, um sie einige weitere Jahre unterzubringen. Ein „Billigverkauf“ kommt für mich jedenfalls nicht infrage.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rassekatzen und –Hunde haben ihren Preis, Schildkröten aber nicht
Mit welchem Recht ist dann eigentlich eine Rassekatze oder ein Rassehund so teuer, wenn nicht mal ein so wertvolles Wildtier wie die Schildkröte geschätzt wird? Hierzu möchte ich noch ergänzend sagen, dass ein guter Züchter sich immer weiterbildet und auf dem neuesten Stand der Wissenschaft ist, indem er teure wissenschaftliche Zeitschriften liest oder Infotermine von Fachkundigen oder Vorträge besucht, was alles Geld kostet. Auch sind wir zum Infoaustausch oft in mehreren Vereinen oder Interessengruppen, um uns gegenseitig zu helfen und zu bestärken - auch dies kostet Geld und Zeit. Niemand schenkt uns etwas, warum sollten wir dann nicht wenigstens einen Teil dessen verlangen dürfen, was wir in die Tiere investiert haben?

Züchter, ja die bösen Züchter, die wollen doch glatt auch noch Geld dafür haben, dass Schildkröten ihr Hobby sind? Wenn bei mir jemand versucht, den Preis zu drücken, dann zeige ich grundsätzlich meine Stromrechnung her und frage denjenigen, ob er vielleicht etwas davon übernimmt.

Falls sich jemand aufregen will, ich liebe Katzen und auch Hunde und mein Vergleich mit den Rassekatzen oder -Hunden ist nicht böse gemeint. Ich finde auch da den Preis gerechtfertigt, denn niemand sieht die viele Arbeit hinter einer Zucht, egal welches Tier gezüchtet wird. Aber ich finde eben, dass Schildkröten langsam auch mal so wie andere Rassetiere wertgeschätzt werden. Dann würde auch in vielen Fällen sicher nicht so leichtfertig auf UV verzichtet werden oder auf einen Freilauf oder gar auf den so wichtigen Winterschlaf.

Lieber Leser dieses Beitrages, im Namen meiner geliebten Schildkröten, meiner geliebten Katzen und meiner geliebten Hunde bedanke ich mich für Ihre Geduld, diesen Artikel bis zum Schluss gelesen zu haben. In meinem in Vorbereitung befindlichen Buch „Mein erstes Gelege“ werde ich aus aktuellem Anlass auf dieses Thema sehr genau eingehen, um die Wertschätzung der Schildkröten in unserer unbelehrbaren Wegwerfgesellschaft wieder etwas aufzupolieren. Diese Gesellschaft kann sich alles leisten, nur bei der Liebe zu den Tieren hapert es oft, was mich sehr traurig macht. Haben wir denn gar nichts aus der Vergangenheit gelernt?

Sachliche Zuschriften sind willkommen
Im Gegensatz zu manch anderen habe ich keine Angst, öffentlich kritisiert zu werden oder auch öffentlich andere Meinungen zu hören.Deshalb darf mir der Leser gerne seine/ihre Meinung zu diesem Artikel mitteilen (Kontakt siehe Autorenzeile zu Beginn des Beitrags). Unhöfliches oder gar Beleidigendes landet allerdings sofort im Papierkorb, da ich meine Zeit lieber in den Tierschutz stecke und Schildkröteninteressierte über die Haltung aufkläre und ihre Fragen beantworte, ohne dabei jedoch jemanden anzuklagen oder zu kritisieren. Jeder Kommentar, der mir zugeht, darf auch veröffentlicht werden, dies bitte ich vorab zu berücksichtigen, selbstverständlich mit weiteren Kommentaren von mir.
Dieser Artikel darf übrigens, auch mit der ausdrücklichen Einwilligung des Betreibers dieser Website, Herrn Köhler, unzensiert und unverändert mit Angabe der Erstveröffentlichung publiziert werden, doch man sollte mir (und auch Herrn Köhler) bitte vorher kurz Bescheid geben, wo und wann er erscheinen wird. 

Dieser Beitrag wurde am 2. August 2016 online gestellt.