von Horst Köhler, Friedberg

 

Einleitung
Bei europäischen Landschildkröten, zumindest bei schon etwas älteren Tieren, ist es normalerweise nicht schwierig, den Kopf zu fassen und die Kiefer zum Zwecke der Inspektion des Maulinneren oder zur oralen Eingabe von Medikamenten zu öffnen. Doch es gibt Arten, die sich dieser Handlung des Halters oder des Tierarztes kräftig widersetzen, so dass es ohne entsprechendes Hilfswerkzeug und vor allem ohne entsprechende Erfahrung nur schwer möglich ist, den Kopf zu umfassen und, wie der Veterinärmediziner sagt, vorzuverlagern. Zu diesen Arten zählen zweifelsohne die Sternschildkröten (Geochelone elegans), von denen ich eine kleine Gruppe in der warmen Jahreszeit im Freigehege (mit einem nachts bei niedrigen Temperaturen automatisch beheiztem Schutzhaus) und im Winter und in den Übergangszeiten in einem oben offenen Innengehege in meinem Arbeitszimmer halte. Sternschildkröten haben offensichtlich ein besonderes Gedächtnis: Es mag zwar gelingen, ihren Kopf vorsichtig nach außen zu ziehen und das Maul zu öffnen, doch dies glückt nur ein einziges Mal. Bei einer schon bald folgenden zweiten Handlung dieser Art sind Sternschildkröten äußerst wachsam und schreckhaft, und ziehen schon beim Versuch der Annäherung der menschlichen Hand Kopf und Arme so fest ein, dass eine Vorverlagerung des Kopfes für geraume Zeit aufgegeben werden muss, um nicht eine unter Umständen folgenschwere Verletzung des betreffenden Tieres zu riskieren.

Viele Tierärzte empfehlen bei einem erfolgten Nachweis von Parasiten im Verdauungstrakt von Landschildkröten (Einzeller, Oxyuren) eine zwei- bis dreimalige orale Medikamentenverabreichung im wöchentlichen Abstand, einige sogar im täglichen Abstand, dann aber in geringerer Dosierung  -  wobei die letztgenannte Behandlung allerdings im hohen Maße stresserzeugend für die Tiere ist. Zwar gibt es auch injizierbare Medikamente wie z.B. Citarin, doch die derzeit zur Verfügung stehende Konzentration dieses Medikamentes ist für Schildkröten ungünstig. Außerdem ist es für den Behandlungserfolg besser und verspricht weniger Nebenwirkungen, wenn das Präparat direkt in den Magen verbracht wird.

Eine ebenfalls mögliche Medikamentenverabreichung über das Futter wird von den meisten Tierärzten als zu ungenau abgelehnt.
Diese Methode scheidet natürlich ohnehin dann aus, wenn die zu behandelnden Schildkröten gar nicht mehr oder nur noch wenig Nahrung aufnehmen.

 

GriffkleinBild 1: Demonstration an einer geschnitzten afrikanischen Landschildkröte: Wer etwas dickere Finger hat, tut sich vor allem bei Jungtieren schwer, den Kopf auf Anhieb zu fixieren. Erfolgreich war bei mir folgendes Vorgehen: man hält die Schildkröte mit der linken Hand und fasst zunächst mit einem schnellen senkrechten Griff mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand den Kopf so, dass der Daumen oben und der Zeigefinger unter dem Kopf zu liegen kommt. Da man den Kopf in dieser Griffhaltung nicht vernünftig vorziehen kann, muss nun mit Daumen und Zeigefinger der anderen Hand seitlich hinter dem Kiefergelenk nachgefasst werden. Genau dieser Moment ist in diesem Bild festgehalten. Bei älteren und größeren und damit schwereren Schildkröten ist es hilfreich, wenn eine zweite Person das Tier festhält.

 

Ich habe es bei meinen adulten Sternschildkröten trotzdem versucht: Was kann der Halter auch machen, wenn - in kürzeren Abständen - einige Male behandelt werden muss und er selbst – oder der eingeschaltete Tierarzt – den Kopf bei kräftigen Tieren nicht zu fassen bekommt? Die zu behandelnden Schildkröten jedes Mal für die Medikamentengabe in Narkose zu legen, unter Umständen auch noch unter vorsorglicher Sauerstoffversorgung, ist nicht nur eine teure Prozedur, sondern für die Tiere auch nicht ohne Risiko. Aus diesem Grund schied das Narkose-Verfahren für mich aus.

Parasiten trotz Behandlung
Von meinen beiden Sternschildkröten Suraj (weiblich, ca. 10 Jahre, ca. 1,3 kg) und Tamu (männlich, ca. 7 Jahre, ca. 410 g, Bild 2) ließ ich frischen Kot von Tamu, wie auch schon im Jahr davor, im Verlauf des Jahres 2011 mehrmals in einer größeren Tierklinik im Raum Augsburg auf Darmparasiten untersuchen. Im Mai 2011 wurden zwar keine Würmer, aber Flagellaten in einer Befallsstärke von 3+ (= starker Befall) nachgewiesen. Meine Tierärztin verabreichte daraufhin oral einmalig 250 mg Metronidazol je kg Körpergewicht bei allen im gleichen Gehege lebenden Tieren.

Bei der Kontrolluntersuchung einer Kotprobe von Tamu zwei Monate später waren zwar keine Flagellaten mehr nachweisbar, dafür aber überraschenderweise viele Oxyuren (3+). Zur Absicherung ließ ich 14 Tage später noch eine weitere Kotprobe von Tamu untersuchen: Wieder war das Ergebnis (erwartungsgemäß, da keine Medikamentenbehandlung erfolgte) Oxyuren 3+; außerdem wurde auch noch ein geringer Flagellatenbefall (1+) festgestellt.

Da ich den wechselnden Befall von Oxyuren und Flagellaten trotz entsprechender tierärztlicher oraler Medikamentenverabreichung auch im Jahr 2011 regelrecht „durchlitt“, wagte ich nunmehr den Weg der Medikamentenverabreichung über das Futter, zumal meine Sternschildkröten trotz ihrer Parasitenprobleme gute Fresser waren und es auch heute immer noch sind.

 

Tamuklein2012

Bild 2: Dies ist Tamu, mein Sternschildkröten-Männchen, bei dem in den Jahren 2011/2012 immer wieder wechselweise und sogar gleichzeitig Flagellaten und Oxyuren im Kot nachweisbar waren. Muss man ein offensichtlich vitales und gut fressendes Tier überhaupt zwangsläufig gegen Darmparasiten behandeln? Beide Fotos stammen vom Autor.

 

Durchführung
Wichtig bei dieser Art der Behandlung ist nach meiner Meinung, dass die angefeuchtete Grünfutterportion vor der Verfütterung sehr klein geschnitten wird, damit die zu verabreichende Medikamentenmenge (Pulver) möglichst gleichmäßig auf die gesamte Futteroberfläche verteilt werden kann. Selbstverständlich darf es im Futter weder zu einer lokalen Medikamentenanhäufung noch dazu kommen, dass ein Teil des Futters ganz ohne Medikament bleibt. In einer kleinen Plastikschüssel wurde das so präparierte Futter deshalb gründlich durchmischt und zur „Geschmacksneutralisierung“ zusätzlich mit fein gehacktem Agrobs-Trockenwiesengrün und einer Kalk-Vitaminmischung bestreut; dies sind meine Tiere seit Jahren gewöhnt. Vor jeder Medizinalfutter-Verabreichung erhielten sie zwei Tage lang kein Futter, so dass sie sich jedes Mal regelrecht heißhungrig auf das angebotene Medizinalfutter stürzten.

Ich entschied mich für die Bekämpfung der Darmwürmer mit Panacur über das Futter zunächst für eine Dosierung von knapp 1/2 Tablette je kg Körpergewicht. Nur beim ersten Mal dosierte ich lediglich 1/3 Tablette / kg KG, um die Verträglichkeit zu überprüfen.

Wenn beispielsweise das Gesamtgewicht aller im Gehege befindlichen Sternschildkröten 5 kg beträgt, wären etwa 2 ½ Tabletten mit einem Mörser möglichst fein zu zerreiben. Eine ausreichende Zerkleinerung gelingt übrigens auch, wenn die Tabletten zwischen Zeitungspapier gelegt und mit einem Hammer gründlich zerklopft werden. Je feiner das Pulver gemahlen ist, desto besser und gleichmäßiger lässt es sich auf das Futter verteilen.

Die drei Oxyuren-Bekämpfungsmaßnahmen erfolgten jeweils in Abständen von zwei Wochen. Das Futter mit dem pulverisierten Medikament wurde dabei restlos innerhalb von etwa 15-20 Minuten gefressen. Ich habe während der Fütterung stets darauf geachtet, dass kein Tier von einem anderen vom Futter abgedrängt wurde.

Ausgeschiedener Kot wurde in den Tagen danach sofort aus dem Gehege entfernt. Hierzu ist anzumerken, dass Sternschildkröten gerne Kot fressen; es ist bei meiner Tiergruppe durchaus keine Seltenheit, dass ich zwei oder gar drei Wochen lang keinen frischen Kot im Sternschildkröten-Gehege sehe.

Etwa einen Monat nach der letzten Panacur-Medizinalfütterung schickte ich eine neue Kotprobe von Tamu an die Tierklinik. Ergebnis: keine Oxyuren, aber die Flagellaten-Befallstärke war nunmehr zu meinem Bedauern von 1+ bei der letzten Untersuchung (siehe oben) auf jetzt 3+ (= starker Befall) angestiegen.

Folglich musste ich nach einer Behandlungspause von vier Wochen noch eine dreistufige Behandlung in ein- bis zweiwöchentlichen Abständen zur Bekämpfung der Einzeller anschließen. Verwendet wurde der Wirkstoff Metronidazol, und zwar in einer Dosierung von 230 mg je kg Körpergewicht. Die Vorgehensweise erfolgte analog zur vorausgegangenen Oxyurenbekämpfung (d.h. klein geschnittenes, frisches und angefeuchtetes Grünfutter, Zerkleinern der jeweils benötigten Tablettenmenge, zweitägige Hungerpause vor jeder Verfütterung des Medizinalfutters). Während der gesamten Dauer der Metronidazol-Behandlung wurde außerdem gemäß einem früheren Vorschlag von H.-J. Bidmon (Bidmon, 2002) das Substrat im Gehege zur Eindämmung der Ausbreitung von mit dem Kot ausgeschiedenen Flagellaten täglich mit Wasser besprüht, in das ich Metronidazol-Tabletten auflöste, deren Verfallsdatum schon überschritten war. Da ich noch genügend davon besaß, löste ich eine zerkleinerte Tablette für den Inhalt meines Blumen-Pumpsprühers (ca. 1,5 l Inhalt) auf und besprühte damit die Gehegefläche täglich und gründlich.

Nun wurde es spannend und es sollte sich herausstellen, ob die Medizinalfutter-Verabreichung erfolgreich war oder nicht. Nachdem ich von Tamu keinen Kot fand und das Sternschildkröten-Männchen auch beim Bad keinen Kot absetzte, schickte ich am 8. Dezember 2012 eine Kotprobe von Suraj zur Untersuchung ein. Erfreuliches Ergebnis: negativ, es waren weder Flagellaten noch Oxyuren zu finden.

Eine Woche später beobachtete ich doch noch zufällig eine Kotabgabe von Tamu und schickte auch davon eine Probe an die Untersuchungsstelle. Das Ergebnis war auch hier: keine Flagellaten und keine Oxyuren.

Sechs Wochen später, Anfang Februar 2012, gab ich nochmals die Untersuchung von frischem Kot von Tamu in Auftrag. Auch jetzt, immerhin zwei Monate nach Abschluss der Flagellatenbekämpfung, war das Ergebnis unverändert: nach wie vor waren keine Flagellaten und keine Oxyuren nachweisbar.

Ich hoffe, dass dieser Zustand durch Vergrößerung des Anteils an getrocknetem Wiesengrün im Futter und, gerade jetzt im Frühjahr, durch Zugabe des wurmtreibenden Bärlauchs (Köhler, 2008) möglichst lange anhält.

Die Tiere haben übrigens beide Behandlungszyklen nach meiner Beobachtung sehr gut vertragen und in diesem Zeitraum sogar an Gewicht zugenommen. Ihr normales Futter haben sie schon am Tag nach der Aufnahme der mit dem Medikament versetzten Futterration restlos aufgefressen.

Hinweis: Behandlung überhaupt notwendig?
Die entscheidende Frage, ob die Behandlung von Landschildkröten bei einem Befall mit Flagellaten und/oder Oxyuren überhaupt immer dringend notwendig ist, vor allem wenn die Tiere keine auffälligen Befallssymptome zeigen (Bild 2), und ob Panacur von den verschiedenen Schildkrötenarten stets anstandslos vertragen wird, soll hier nicht behandelt werden, wird uns aber auf dieser Schildkröten-Website noch eingehend beschäftigen.


Literatur

Bidmon Hans-J. (2002): Die Indische Sternschildkröte – Teil 4: Schlupf, Aufzucht und Krankheiten. Reptilia Nr. 35, Jahrgang 7 (3), Juni/Juli, S.56-63
Köhler Horst (2008): Aufzucht europäischer Landschildkröten-Babys. Schildi-Verlag Augsburg, ISBN 978-3-00-02839-0

 

Dieser Beitrag wurde am 21. März 2012 online gestellt

Zum abrupten Ende eines Schutzprojektes auf der Seychellen-Insel Silhouette

von Horst Köhler, Friedberg


Der 6. Dezember 2006 war ein großer Tag für den Riesenschildkrötenschutz auf den Seychellen, speziell für den auf der Insel Silhouette. Silhouette ist die etwa 20 qkm große Nachbarinsel nordwestlich von Mahé und die drittgrößte aller Seychellen-Inseln. Denn an diesem Tag wurden fünf adulte Arnoldi-Riesenschildkröten Dipsochelys arnoldi von ihren bisherigen Gehegen in dem kleinen Dorf La Passe auf Silhouette nach einstündiger Bootsfahrt entlang der Insel in der weitgehend unzugänglichen Region Grande Barbe an der Südwestküste in die freie Wildnis entlassen. Grande Barbe liegt auf der anderen Seite von La Passe und lässt sich auch heute nur über das Meer erreichen. Das Vorhaben bedeutete die erste Auswilderung von Riesenschildkröten auf einer der zentralen granitischen Seychellen-Inseln, auf denen der natürliche Wildtierbestand schon Mitte des 19. Jahrhunderts zusammengebrochen war. Nur Dipsochelys dussumieri, die Aldabra-Riesenschildkröte, konnte auf ihrer unbewohnten, unwirtlichen und isolierten Koralleninsel Aldabra überleben, weil dort früher keine Walfangschiffe und auch heute noch keine größeren Touristen-Schiffe anlegen können. Wie die Art Dipsochelys hololissa galt auch D. arnoldi in der Wildnis lange Zeit als ausgestorben. Mit einigen im Jahr 1995 zufällig bei Privathaltern entdeckten Exemplaren begann dann jedoch ein erfolgreiches Rettungsprogramm dieser beiden Arten.

Die in Grande Barbe frei gelassene Tiergruppe bestand aus den drei Männchen Hector, Stan und Adria und den beiden Weibchen Clio und Alida, die mit weiteren Zuchttieren in den Jahren zuvor in der Zuchtstation in La Passe für viel Nachkommen gesorgt hatten (Bild 1 und 2). Vier der Tiere trugen Mess-Sensoren zur Erfassung der jeweils zurückgelegten Laufstrecken sowie für Licht und Temperatur; allerdings fielen bei drei Schildkröten die Sensoren wegen mangelhafter Klebeverbindung leider schon kurze Zeit später wieder ab.
Interessant ist, dass sich die fünf Schildkröten nie sehr weit vom Ort ihrer Freilassung entfernten und lediglich eine Fläche von insgesamt etwa einem Hektar beanspruchten. Nur eines der drei Männchen soll innerhalb des ersten Jahres seinen Standort um 200 m geändert haben.

GerlachBild1kleinBild 1: Eine eher selten zu sehende Aufnahme: Schlüpfling von Dipsochelys arnoldi aus dem Jahr 2005 mit dem Rest des Geleges. Rechts unten am Bildrand ist ein weiteres Ei mit einem noch in ihm sitzenden Schlüpfling zu erkennen. Die kreisrunden Eier, 48 - 55 mm im Durchmesser und 60 - 70 g schwer, werden in angefeuchtetem Vermiculit in zwei Brutschränken bei unterschiedlichen Temperaturen ausgebrütet, die Weibchen bei 30 °C. Die Zeitigungsdauer der Eier beträgt je nach Temperatur 40 bis 60 Tage.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

GerlachBild2kleinBild 2: Aufzuchtbereich der Schutzorganisation im Dorf La Passe auf Silhouette mit Jungtieren der Arnoldi-Riesenschildkröte. Um die erforderlichen Mittel zum Betrieb der Station zu generieren, konnten hier Tier-Patenschaften für juvenile Riesenschildkröten zum Preis von umgerechnet etwa 300 Euro abgeschlossen werden. Die Tiere verblieben natürlich in der Station.



 


 

 

 

 

 

 

Um zu verstehen, was passiert ist, muss auf die beteiligten Organisationen eingegangen werden. Zuständig für alles, was auf einer Seychellen-Insel geschieht oder verändert wird, ist naturgemäß die Regierung der Seychellen, genauer gesagt die dafür eingerichtete Insel-Entwicklungsgesellschaft (Island Development Company, IDC). Um gegenüber dieser Behörde für die Belange des Naturschutzes auf der Insel Silhouette eintreten zu können, gründete sich im Jahr 1992 eine Freiwilligengruppe um den anerkannten Riesenschildkrötenexperten Ron Gerlach (geboren 1938) und seinen Sohn Justin (geboren 1970) unter dem Namen Nature Protection Trust of Seychelles (NPTS). Der NPTS erhielt als zivile, nicht-kommerzielle Naturschutzorganisation von der IDC die Erlaubnis, für den Erhalt der noch naturbelassenen Gebiete auf der Insel und für die Wiederansiedlung der quasi ausgerottenen Riesenschildkröten (neben Dipsochelys arnoldi auch D. hololissa) zu sorgen. So errichtete der NPTS 1997 auf Silhouette bei La Passe ein eigenes Verwaltungsgebäude (Bild 3) sowie Hälterungsgehege und Aufzuchtstationen (Bild 2), auch für seltene Pelomedusen-Süßwasserschildkröten. Noch im gleichen Jahr wurden die Gehege mit sechs erworbenen D. hololissa und einem Paar D. arnoldi von den Inseln Mahé und Praslin besetzt; später kamen noch weitere Tiere beider Arten hinzu.
Allein zwischen 2002 und 2006 wurden in der NPTS-Station rund 140 junge D. arnoldi erfolgreich aufgezogen (Bild 1 und 2), so dass die Idee entstand, einige der Zuchttiere, die in La Passe nicht mehr unbedingt benötigt wurden, wie oben erwähnt bei Grande Barbe auszusetzen.

NPTS_information_centerkleinBild 3: Nunmehr verlassenes und ungenütztes Büro- und Informationszentrum des NPTS auf Silhouette, das die Naturschutzorganisation NPTS von Vater und Sohn Gerlach auf eigene Kosten errichtete, ebenso wie die Schildkrötengehege (Schildkröten-Gehegefläche insgesamt etwa 2.000 m2). Der NPTS liegt jetzt im Streit mit der Insel-Entwicklungsgesellschaft um finanzielle Entschädigung.

 

 


 

 

 

Zur Verstärkung der ausgewilderten Fünfer-Gruppe sollten dann noch mehrere fünf- bis sechsjährige, d.h.etwa 15 kg schwere Schildkröten der gleichen Art aus dem NPTS-Zuchtprogramm folgen. Maximal ungefähr 100 Tiere außerhalb von Gehegen sollten für eine sichere Zuchtpopulation in Freiheit ausreichend sein, so die Biologen und Herpetologen vom NPTS. Silhouette selbst würde, aus der Individuenzahl von Aldabra heruntergerechnet, maximal sogar bis zu 5.000 Riesenschildkröten vertragen.

Doch es kam leider ganz anders. Das endgültige Auswilderungskonzept des NPTS für die Jungtiere war 2009 fertig und wurde absprachegemäß den zuständigen staatlichen Stellen zur Genehmigung vorgelegt. Nach längerer Bearbeitungszeit sprachen sich zwar die Naturschutzexperten der Seychellen für das Vorhaben aus, doch die zuständige Leitung der IDC lehnte es, völlig unerwartet, im Herbst 2010 ab. Doch das war noch nicht alles an schlechten Nachrichten: Wenig später erhielten die Mitarbeiter um Justin und Ron Gerlach sogar noch einen strikten Räumungsbefehl. Der NPTS müsse bis Ende Dezember 2010 die Insel Silhouette, gerade erst im August 2010 offizieller Nationalpark geworden, mit allen Schildkröten verlassen. Alle sofort eingesetzten Versuche, die Regierung umzustimmen, schlugen fehl, nur der Räumungstermin wurde um einige Wochen verschoben.
Die tatsächliche Räumung des NPTS-Geländes erfolgte dann im Mai 2011. Alle in den NPTS-Gehegen in La Passe gehaltenen Zuchttiere sowie die juvenilen und sub-juvenilen Nachzuchten wurden auf die Seychellen-Inseln North, Frégate und Cousine umgesiedelt. Einer der dabei auftretenden Nachteile: Diese Tiere mussten zwangsläufig mit Riesenschildkröten des Albabra-Morphotyps vergesellschaftet werden, was man eigentlich mit dem ehrgeizgien Silhouette-Schutzprogramm verhindern wollte.
Die Bilder 4 und 5 zeigen die Riesenschildkröten D. arnoldi und D. dussumieri im Vergleich.


GerlachBild4kleinBild 4: Eindrucksvolle Arnoldi-Riesenschildkröte (Dipsochelys arnoldi) in der NTPS-Anlage La Passe auf Silhouette. Heute befindet sich auch dieses Tier leider nicht mehr auf dieser Insel. Kennzeichnend für diese Schildkrötenart ist unter anderem ein flacher, sattelförmiger und eher länglicher Rückenpanzer, der die Nahrungsaufnahme auch von etwas höheren Büschen und niedrigen Bäumen ermöglicht (engl. "browsing"). Außerdem ist das 3. Wirbelschild (Vertebrale oder Centrale) kürzer als das zweite; das 1. Rippenschild (Costale oder Pleurale) ist länger als das zweite.

SilhouetteBild5kleinBild 5: Eine Aldabra-Riesenschildkröte Dipsochelys dussumieri in ähnlicher Haltung fotografiert wie die Arnoldi-Schildkröte in Bild 4. Der Rückenpanzer ist kuppelförmig, ideal zum Durchstreifen und Fressen von niedrig wachsenden Gräsern, Kräutern und niedrigen Büschen geeignet (engl. "grazing"). Das hintere Ende des Carapax ist etwas breiter als das vordere. Weitere Kennzeichen der Art: die Wirbelschilde haben etwas hochstehende Mittelpunkte, wobei der zweite oder dritte Wirbelschild den höchsten Punkt des Panzers bildet. Der Vertebrale 1 und 5 fallen seitlich sehr steil ab. Bild 1 bis 4 mit freundlicher Genehmigung von Justin Gerlach, Bild 5 stammt vom Autor.




Die fünf Riesenschildkröten bei Grande Barbe sind aktuell (Ende Januar 2012) immer noch dort, wo sie Ende 2006 ausgesetzt wurden. Wie Justin Gerlach dem Autor dieses Beitrages auf Anfrage mitteilte, hat der NPTS alle fünf Schildkröten mangels einer besseren Lösung einem seiner Mitglieder vermacht, der auf der Insel Mahé ein großes Grundstück besitzt, darauf ein naturnahes Habitat errichtete und sich bereit erklärt hat, die Arbeit mit den Tieren im Sinne des NPTS weiterzuführen. Gegenwärtig organisiert diese Person den Abtransport der fünf Schildkröten per Schiff nach Mahé.

Die Befürworter und vor allem auch die privaten Förderer und Geldgeber des nunmehr beendeten Riesenschildkröten-Schutzprojektes Silhouette kritisieren das unverständliche und harte Vorgehen der Regierung der Seychellen und werfen ihr mangelndes Interesse am Schutz der Riesenschildkröten vor. Sie befürchten, dass fast 14 Jahre Explorations- und andere Arbeit umsonst geleistet und über 100.000 Britische Pfund (ca. 125.000 Euro) an Geldern, größtenteils zweckgebundene Spenden*), ausgegeben wurden, die anderswo vielleicht genauso dringend benötigt worden wären. Es befremdet schon sehr, dass erst die Zusammenarbeit mit dem NPTS gesucht wurde, dann Silhouette noch den Status eines Nationalparks erhielt – zum Schluss aber der Räumungsbefehl ausgesprochen wurde.

Über die möglichen Motive der Haltung der Inselregierung kann man als Außenstehender nur spekulieren. Vermutlich wollte man den Tourismus auf der Insel voranbringen und das vorhandene Geld dafür verwenden. Da hätten die Riesenschildkröten vielleicht gestört.
Fakt ist aber auch, dass die Reproduktionsrate nicht nur bei den fünf im Dezember 2006 ausgewilderten adulten Dipsochelys arnoldi, sondern auch bei den Weibchen in der NPTS-Zuchtstation bei La Passe in den letzten Jahren sehr niedrig geworden war, vielleicht zu niedrig aus der Sicht der Seychellen-Regierung. Der Hauptgrund dafür ist sicher in der zunehmenden Bautätigkeit auf der Insel Silhouette zu sehen, die zu einer verminderten Fruchtbarkeit der Schildkröten geführt hat. Als Nachfolger eines im Jahr 2005 geschlossenen alten, kleinen 12-Zimmer-Inselhotels wurde nämlich nach zweijähriger Bauzeit im Jahr 2007 das moderne und große 100-Zimmer-Hotel Labriz eröffnet, das dann anschließend nur wenige Meter gegenüber, auf der anderen Straßenseite der NPTS-Schildkrötenstation, bis 2009 auch noch kleinere Apartmenthäuser errichten ließ. All dies bedeutete für die Tiere auf der Insel über vier Jahre lang Stress durch den Baulärm und die Erschütterungen, durch die hin- und herfahrenden Baufahrzeuge, die Entsorgung der Essensabfälle der Bauarbeiter im Wald und – nach der Inbetriebnahme – durch die nächtliche Beleuchtung.

Zu allem Überfluss sollte dann vor der Insel-Entwicklungsgesellschaft IDC auch noch eine die Insel durchquerende, von La Passe ausgehende Straße gebaut werden, um ein bei Grande Barbe geplantes weiteres größeres Hotel per Fahrzeug erreichen zu können. Gegen diesen Straßenbauplan konnte der NPTS jedoch erfolgreich ankämpfen: Die Regierung der Seychellen lehnte den Bauantrag zwar ab, womit ein weiterer Hotelbau und auch der Straßenbau ad acta gelegt werden konnte, doch seitdem ist das Verhältnis zwischen dem NPTS und der IDC stark belastet.

Justin Gerlach nimmt an (pers. Mitt.), dass der Chef der Insel-Entwicklungsgesellschaft die treibende Kraft für den kategorischen Räumungsbefehl war, denn dieser verlor wahrscheinlich durch die Nichtrealisierung von Straße und Hotel nicht nur an Reputation, sondern auch die entsprechend lukrativen Baukontrakte. Die Regierung der Seychellen konnte sich offenbar deswegen gegen die IDC-Spitze nicht durchsetzen, da dessen Chef der Stiefsohn des Präsidenten der Regierungspartei und somit viel einflussreicher als jedes Regierungsmitglied ist…

Möglicherweise war also die Seychellen-Insel Silhouette, im Nachhinein betrachtet, doch nicht das ideale Areal für die Auswilderung von selten gewordenen Riesenschildkröten, aber der Tourismus hat auf den Seychellen offensichtlich einen höheren Stellenwert als der Natur- und Artenschutz und erst Recht als die Auswilderung von immer noch gefährdeten Riesenschildkröten-Arten.

Da sind gewisse Parallelen zu der großen Riesenschildkröten-Herde Dipsochelys dussumieri auf der bei Sansibar im Indischen Ozean gelegenen kleinen Koralleninsel Changuu Island nicht zu übersehen: Wenngleich es sich dort nicht um ein ausgesprochenes Schutzprojekt handelt, hat das (allerdings bislang nicht funktionierende) Hotel-Business klar Vorrang vor den Schildkröten. Dabei stellen die Riesenschildkröten die seit Jahren einzige sichere Einnahmequelle auf Changuu Island dar, nicht zuletzt dank großzügiger Spenden vieler internationaler Besucher.

Literatur:
Gerlach Justin (2004): Giant Tortoises of the Indian Ocean. 208 Seiten. Edition Chimaira, ISBN 3-930612-63-1
Gerlach Justin (Internet, ohne Datum): Release of Arnold`’s giant tortoises Dipsochelys arnoldi on Silhouette Island, Seychelles
Pawlowski Sascha und Krämer Christine (2010): Besuch der NPTS Land- und Süßwasserschildkröten-Zuchtstation auf der Insel Silhouette, Seychellen. RADIATA 19 (3), S. 12-22
Gerlach Justin (2011): Das Ende eines Schutzprojektes für Seychellen-Riesenschildkröten. RADIATA 20 (4), S. 22-29
Gerlach Justin (2012): pers. Mitteilung an den Autor, 13. Januar

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*) Das Silhouette-Riesenschildkröten-Schutzvorhaben war eines von zwei zu Auswahl stehenden förderungswürdigen Projekten, das der Autor dieses Beitrages mit einer Spende aus den Einnahmen des Verkaufs seines Buches „Aufzucht europäischer Landschildkröten-Babys“ unterstützen wollte. Da der vorgesehene größere Betrag jedoch noch nicht zusammen ist, war das Geld noch nicht ausbezahlt worden – zum Glück? Es soll einem anderen Riesenschildkröten-Schutzprojekt zugutekommen.

 

Dieser Beitrag wurde am 27. Januar 2012 online gestellt.

Text und Fotos von Ricarda Schramm

Einleitung
Im Sommer 2011 mussten sich durch unseren Umzug in eine völlig andere Gegend auch meine Schildkröten, die natürlich ebenfalls mit umzogen, an andere Gegebenheiten gewöhnen. Vorher hatte der Garten eine Ausrichtung fast voll nach Westen, so dass die dort befindlichen Schildkröten-Gehege und -Schutzhäuser selbst im Hochsommer erst am späten Vormittag von der Sonne erreicht wurden – im zeitigen Frühjahr und im Herbst noch später, zumal eine große Scheune Schatten warf.
Mit diesen Gegebenheiten war ich natürlich nicht sehr glücklich, konnte sie aber nicht ändern. Bei der Suche nach einem neuen Standort, einem neuen Haus, achtete ich diesmal darauf, dass die Lage des Gartens für meine Schützlinge mehr Sonneneinstrahlung ermöglichte.

Der neue Standort liegt nun zwar auf ca. 650 m ü. NN. und zeigt naturgemäß meist ein raueres Klima mit etwas niedrigeren Durchschnittstemperaturen als der vorherige auf 123 m ü. NN. Dafür liegt unser neuer Garten nun an einem Südhang, Ausrichtung voll nach Süden. Von morgens bis abends können die Schildkröten die Sonne genießen. Bei Inversions-Wetterlagen, wie sie im Herbst häufiger auftreten, herrschen in höheren Lagen sogar mildere Temperaturen als in tieferen. Hinzu kommt, dass die Licht- und UV-Intensität mit der Höhe zunimmt, wie wir von vielen Bergurlauben wissen.
Beide Wohnorte liegen in Mittelhessen, sind also eher weniger von der Sonne verwöhnt als der gemäßigte Süden Deutschlands.

Zunächst musste vor dem geplanten Umzug durch den Bau eines neuen Schildkröten-Schutzhauses (Bild 1) für eine Unterkunft der Tiere gesorgt werden. Dieses wurde in Anbetracht der zu erwartenden klimatischen Bedingungen, der höheren Schneelasten und des höheren Winddrucks gleich mit stärkeren Stütz- und Tragebalken versehen und wesentlich stärker gedämmt. Vier große Alltop-Scheiben im Dach (H 150 x B 120 cm) sorgen für optimalen Lichteinfall, zusätzlich befinden sich noch je zwei Scheiben in der vorderen und hinteren Giebelwand. Die Materialkosten beliefen sich auf etwa 2.500 Euro, davon entfielen allein 600 Euro auf die Alltop-Scheiben im Dach.

SchrammBild1Bild 1: Das Bild zeigt mein neues Schildkrötenhaus mit insgesamt 12 cm Dämmung (8 cm innen und 4 cm außen), wie es noch im Bau war. Es bedeckt eine Fläche von 4 x 4 m. Die seitliche Höhe beträgt 1,30 m und die Firsthöhe 2 m. An unserem früheren Wohnort hatte ich drei Schildkröten-Schutzhäuser, jetzt nur noch eines, das dafür größer ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veränderte Lage und das Verhalten der Schildkröten
Sicher ist der Herbst 2011 mit seinen ungewöhnlich milden Temperaturen bis in den Dezember (zumindest bei uns) wohl nicht repräsentativ; genauere Resultate werden also erst weitere Beobachtungen in den nächsten Jahren zeigen. Allerdings wurde doch eines im Vergleich schon sehr deutlich: Vorher musste ich durch sehr starke HQI-Lampen und Heizen in den Schutzhäusern, mehr oder weniger erfolgreich, versuchen, die Aktivitätsphase meiner Schildkröten bis Anfang November zu verlängern, damit sie nicht zu früh mit der Winterstarre begannen (ich habe den Eindruck, dass viele Schildkrötenhalter ihren Tieren eine zu lange Winterstarre zumuten). Das Gleiche galt für die Aufwachphase im zeitigen Frühjahr. Hier spielt eine hohe Lichtintensität neben Wärme beim Erwachen eine wichtige Rolle, damit der Stoffwechsel der Schildkröten schnell wieder auf Touren kommt.

Am neuen Standort nun konnte ich im Herbst ganz auf zusätzliches künstliches Licht und vielfach auch auf Zuschalten der Wärmelampen verzichten, denn auch eine geringere Sonneneinstrahlung bei leicht bedecktem Himmel genügte, um die Temperatur im Schutzhaus auf angenehme Werte ansteigen zu lassen und für helles Licht zu sorgen. Die Schildkröten blieben bis Anfang Dezember aktiv, nahmen noch etwas Futter auf und sonnten sich ausgiebig (Bild 2). Danach deckten wir die Dachfenster ab, damit die Schildkröten sich bei niedrigeren Temperaturen in die Überwinterungsgruben unter den Schlafhäusern zurückziehen konnten.
Erste Erfahrungen mit der Aufwachphase werde ich erst in einigen Wochen sammeln können.

Erwartungsgemäß waren meine Tiere nach dem Einsetzen in ihr neues Zuhause in den ersten Wochen sehr scheu, was sich aber nach zwei Monaten legte. Wie die Weibchen auf die neue Umgebung und die veränderten Orientierungspunkte und Eiablageplätze im Gelände reagieren werden, wird sich im Frühjahr 20212 zeigen.

SchrammBild2Bild 2: Drei meiner Landschildkröten beim Sonnenbad im November 2011. Aktuell pflege ich außer meinen Nachzuchten aus 2011 folgende Schildkröten: 2,6 Testudo hermanni hercegovinensis, 1,2 Testudo hermanni hermanni Lokalform Kalabrien, 1,4 Thh aus der Toskana und 8 juvenile Thh aus Sizilien.





 

 

 

 

 

Fazit
Diese unterschiedlichen Beobachtungen des Verhaltens an zwei verschiedenen Standorten zeigen, wie wichtig in unseren klimatischen Breiten, abgesehen von der Wärme, die Lichtintensität und -qualität für die Aktivitätsphase der Schildkröten ist. Eine höhere Lichtintensität ermöglicht es, die Haltungsbedingungen mehr den Gegebenheiten in den natürlichen Verbreitungsgebieten anzunähern, was ja unser Ziel sein sollte. Durch höhere Lichtintensität kann der Halter erreichen, dass sich die Aktivitätsphase der Schildkröten verlängert und damit die Dauer der Winterstarre nicht unnatürlich in die Länge gezogen wird.

Natürlich spielt daneben auch die Temperatur eine Rolle, die ebenfalls durch Wärmelampen an die natürlichen Bedingungen angepasst werden muss. Hier hilft ein Blick auf aktuelle Wetterdaten aus den Verbreitungsgebieten.
In letzter Zeit liefern auch Beobachtungen und Temperatur-Messungen im Freiland genauere Aufschlüsse über den natürlichen Ablauf und die Dauer der Winterstarre (z.B. Ivanchev 2007, Wirth 2012).

Immer wieder wird in Diskussionen unter Schildkrötenhaltern über ganz unterschiedliche Erfahrungen mit dem zeitlichen Beginn der Winterstarre und deren Dauer berichtet. Vielleicht sind mögliche Gründe darin zu sehen, dass es sich immer um ganz verschiedene Standorte, Ausrichtungen der Gehege, Ausstattungen der Schutzhäuser und damit der Licht- und Wärmeverhältnisse handelt.

Literatur
Ivanchev, I. E. (2007): Überwinterung von Testudo hermanni und Testudo graeca in der Natur und unter sehr naturnahen Bedingungen in Bulgarien. Schildkröten-im-Fokus 4 (2), S. 3-21
Vinke, T. u. Vinke, S. (2006): Nach der Winterstarre ist vor der Winterstarre. In: Daubner, M. u. Vinke, T. (Hrsg.): Schildkröten-im-Fokus, Sonderband
Wirth, M. (2012): Europäische Landschildkröten im Winter. Elaphe-Terraria 1/2012, S. 76-83

 

Dieser Beitrag wurde am 20. Januar 2012 online gestellt.

von Brigitte Kesseler, Spanien


Wir leben seit elf Jahren in Spanien in den Bergen von Alicante. Dort besitzen wir ein Grundstück von insgesamt 12.000 qm Größe. Davon haben wir mittlerweile ca. 3.000 qm bebaut, bepflanzt und für uns und unsere Tiere eingerichtet Bild 1).

 

SulcataBild1Bild 1: Ein Teil unseres Gartens, in dem Oscar gerade seine Runden dreht. Wie die anderen Spornschildkröten auch, nascht er gerne von den roten Blüten des großen Oleanderstrauchs im Hintergrund.





Seit einigen Jahren leben bei uns neben einigen Pantherschildkröten auch Spornschildkröten, Geochelone sulcata (nach Fritz et.al., 2006) bzw. Centrochelys sulcata, insbesondere Oscar und Julia, unsere größten Spornschildkröten. Wir haben sie damals gesehen, uns sofort in sie verliebt und sie gekauft. Es war keine billige Angelegenheit, aber wir bereuen die Anschaffung nicht eine Sekunde. Es fasziniert uns täglich, ihrem Treiben zuzuschauen. Oscar ist heute (August 2011) 71 cm lang und wiegt 48 kg (Bild 1 und 2), während Julia eine Länge von 51 cm hat und 22 kg wiegt (Bild 3).

 

SulcataBild2Bild 2: Hier haben wir Oscar für diese Aufnahme auf den Rücken gedreht. Gut zu sehen an Geschlechtsmerkmalen der Männchen sind hier der ausgeprägte und gegabelte Gularschild und der konkave Buchpanzer.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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Bild 3 (rechts): Obwohl Julia 20 cm kleiner ist und auch nur halb so viel wiegt wie Oscar, braucht man schon Kraft, um sie hochzuheben. Man beachte den ebenen Bauchpanzer des Weibchens.






Damals hatten wir uns mitten in der Nacht auf den Weg in die Sierra Nevada gemacht, um unsere beiden Lieblinge abzuholen. Der Verkäufer traf sich mit uns auf einem Parkplatz. Dort erledigten wir auch alles Formelle wie Kaufbeleg, Cites-Unterlagen usw. Es war schon fast makaber, wie in einem kleinen Lieferwagen rechts und links Obst- und Gemüsekisten aufgestapelt waren und mittendrin die zwei großen Schildkröten saßen. Kurze Zeit später machten wir uns mit unseren neuen Familienmitgliedern auf den Heimweg. Nach etwa sieben Stunden Fahrt waren wir dann endlich wieder zuhause.
Dort pflückten wir zuerst noch Löwenzahn und entließen die beiden Spornschildkröten in den Garten, quasi in die Freiheit. Nach ein paar Stunden Schlaf waren wir neugierig: es hieß, raus in den Garten und suchen.

Jetzt fing unsere Arbeit erst richtig an. Also Kuli, Zettel, planen, Recherchen im Internet, mit andern Züchtern reden, eben einfach genau in Erfahrung bringen, was richtig und was falsch ist.
Als erstes brauchten wir ein Wasserbecken für unsere Schildis, damit sie trinken und relaxen können. Also hieß es, das Erdreich ausheben, was hier bei uns gar nicht so einfach ist, da die Erde in Spanien steinhart sein kann. Man weiß nie, was einen erwartet. In den Bergen ist es noch extremer, da kann es leicht passieren, dass man auf Felsen stößt.

Das mit dem Becken hat aber gut funktioniert und jetzt haben die Tiere mitten im Garten ihr Badebecken (Bild 4). Nur das exakte Fliesen des Badebereichs hätten wir uns sparen können, da die Schildkröten mit ihren scharfen Krallen zahlreiche Platten rasch „geschrottet“ hatten. Na ja, Fehler müssen wohl sein.

 

SulcataBild4Bild 4: Wie man hier an den Beschädigungen sieht, hätten wir uns mit dem Fliesen des Schildkröten-Badebeckens gar nicht so viel Mühe geben müssen, denn eine ganze Reihe der kleinen Fliesen hielt der Beanspruchung durch die scharfen Krallen der schweren Tiere nicht sehr lange stand. Doch unsere Spornschildkröten genießen das Bad trotzdem.




Dann stand der Winter vor der Tür. Wie und wo bringen wir die Tiere unter, wenn es kälter wird? Jetzt bitte nicht lachen, obwohl ich im Nachhinein selber lachen muss: Wir hatten früher ein Gästezimmer, mit der Betonung auf HATTEN…. .Eine halbe Lkw-Ladung Erde kam in das Zimmer, Wärmestrahler, UVB-Beleuchtung, eine Tageslichtlampe, ein paar Pflanzen. Alle halten Dich für verrückt. Macht aber nichts, denn den Schildkröten hat es gefallen.

Es konnte ja keiner erwarten, dass sie frieren, wenn wir den Kamin anhaben. Dazu sei gesagt, dass es hier in Spanien bei weitem nicht so kalt wird wie in Deutschland. Wir haben im Dezember und Januar ungefähr drei bis fünf Tage mit bis zu minus 5 °C. Und das auch nur nachts. Tagsüber liegen im Winter die Temperaturen  immer über 10 °C. Schnee haben wir, mit viel Glück, ein Mal im Winter und nur für fünf Stunden, aber man muss ihn regelrecht suchen.

Bald stellte sich uns das nächste Problem. Wenn wir unseren Schildis weiter erlauben, sich frei zu bewegen, hätten sie immer an unserem Pool vorbeigehen müssen. Das war uns dann doch zu gefährlich. Also, was tun?
Wir hatten noch ein altes Holzhaus, das eigentlich nur als Abstellmöglichkeit diente. Also, alles rausräumen und umbauen. Dort reichte es aus, Wärmelampen anzubringen, da sich Oscar und Julia, unsere beiden Großen, am Tag ja frei bewegen können.
Und glaubt mir. Das tun sie, und zwar ausgiebig. Sie bewegen sich frei auf etwa 2.000 qm Gartenfläche. Der Garten ist so angelegt, das ihnen nichts passieren kann. Hoffe ich jedenfalls.

 

Irgendwann stand Oscar auf einmal in der Küche und fraß aus den Fressnäpfen unserer Katzen. Er war die vier Stufen einer Treppe hochgeklettert, da er gesehen hatte, dass die Tür zur Küche offenstand. Vor ihm ist wirklich kein Fressen sicher! Seitdem bleibt diese Türe zu, damit er nicht rückwärts die Treppe hinunterfällt und auf der betonierten Terrasse landet.

Oscar und Julia fressen eigentlich fast alles. Was sie nicht mögen, ist Liebstöckel und Lauch. Ansonsten fressen sie sämtliches Unkraut sowie Gras, Salat, Tomaten, Gurken, Blumenkohl, Rosenkohl, Trockenfutter für Katzen, Dosenfutter, Blätter von unseren Obstbäumen, und am liebsten Oleander, und zwar die roten Oleanderblüten. Sind keine Blüten mehr erreichbar, fressen sie sogar die Blätter. Ich weiß, eigentlich sollten sie einiges von dem, was ich hier aufzähle, nicht fressen, aber die beiden lassen sich einfach nicht davon abhalten und es scheint ihnen nicht zu schaden.
In den Sommermonaten lassen sie sich morgens kurz sehen, um zu fressen und verschwinden dann in den heißen Stunden. Es sei denn, man macht den Wasserschlauch an, dann erscheinen sie sofort.
Wenn es dann abends wieder kühler wird, kommen sie auf die Terrasse und lassen sich kraulen. Ab und zu mal ein Blick zur Tür --- wenn sie offen sein sollte, ist mal wieder „Katzenfutteralarm“.
Nach einem ausgiebigen Abendessen wandern dann beide wieder in Richtung Garten. Dann kann es nicht mehr lange dauern, bis man ein Grunzen hört. Oscar sorgt für Nachwuchs (Bild 5); dies geschieht im Sommer etwa 3 - 5 Mal jede Woche.

 

SulcataBild5Bild 5: Oscar und Julia, meine beiden Großen, bei der Paarung. Auch auf dieser Aufnahme sind einige männliche Geschlechtsmerkmale zu erkennen: Die über dem Nacken stärker als bei den Weibchen aufgerollten Marginalschilde, die seitlich steiler abfallenden Randschilde und der konkave Plastron. Die Eiablage durch die Weibchen ist ca. 5-6 Wochen nach der Paarung zu erwarten.



 


Im Sommer kamen wir einmal abends gegen halb neun von einem Spaziergang zurück und Julia saß in ihrem extra für sie angefertigtem Eiablagegehege. Dieses Gehege ist etwa 3 x 2 m groß. Dort haben wir die harte Erde auf etwa 1,50 m Tiefe ausgehoben und durch lockeres Material ersetzt. Sie legte gerade ihre ersten Eier. Wir warteten, bis sie das Loch wieder geschlossen hatte und wollten danach die Eier freilegen und in den Inkubator bringen. Den hatte ich mir schon Monate vorher vorsichtshalber aus Deutschland schicken lassen.

Das Bergen der Eier war aber gar nicht so einfach wie gedacht. Nachdem Julia das Loch wieder verschlossen hatte, war die Erde nämlich fast noch härter als vorher. Trotz aller Vorsicht gingen uns beim Ausgraben zwei Eier zu Bruch.

Nachdem der Inkubator eingestellt war und auch das letzte Ei seinen Platz gefunden hatte, warteten wir genau 78 Tage, bis das erste Ei seinen ersten Riss bekam (Bild 6). Bebrütet haben wir über den ganzen Zeitraum bei 32,5 °C und 78 % Luftfeuchtigkeit.

SulcataBild6Bild 6: Ein Spornschildkröten-Baby befreit sich aus dem Ei. Mit etwa 50 mm Durchmesser sind die Spornschildkröten-Eier größer als z.B. ein Tischtennisball (= 40 mm Durchmesser).


 

 


 

 

 

 

Von 25 Eiern waren zwei zerbrochen (wie gesagt, durch eigene Schuld), drei nicht befruchtet und ein sehr kleiner Schildkröten-Schlüpfling verstarb leider nach etwa 24 Stunden.
Für die ganz jungen Schildkröten hatten wir uns extra ein Terrarium zugelegt (Bild 7). Es ist mit einer 13-Watt-UVB Leuchte, zwei Tageslichtlampen mit 13 und 30 Watt und einer 50-Watt-Wärmelampe ausgestattet, die wir aber nur im Winter einschalten, da wir im Sommer ohnehin Innentemperaturen bis zu 32 °C haben. Morgens und abends werden die Kleinen regelmäßig mit einer Sprühflasche besprüht. Ab dem 2. Tag im Terrarium fangen sie bereits an, zu fressen. Am Anfang bekommen sie Salat und Sticks (Friskies Optimal für Reptilien). Da sie die Sticks anscheinend nicht als Ganzes fressen wollen oder - noch nicht - können, werden diese kurzerhand gemahlen und erneut angeboten. Und jetzt gefällt den Kleinen der Teller mit den Sticks und er wird gerne leer gefressen. Zwischendurch gibt es auch Tomaten und Löwenzahn.
Für die schon etwas größeren Jungtiere besitzen wir noch ein geräumigeres Terrarium mit den Abmessungen 1,2 x 0,6 x 0,6 m, das mit einem 50-Watt-UVB-Strahler und drei Tageslichtlampen ausgerüstet ist.

SulcataBild7Bild 7: Einige unserer Nachzuchten in ihrem Terrarium, in dem sie bis zu einem Alter von etwa ½ Jahr bleiben. Die Jungtiere waren zum Zeitpunkt der Aufnahme erst wenige Wochen alt. Das Terrarium misst 1 x 0,3 x 0,45 m. Alle Fotos stammen von der Autorin.

 


 

 

 

 

 

Die Nachzuchten erhalten drei Mal wöchentlich etwas Kalziumpulver ins Fressen. Ansonsten bekommen sie je nach Jahreszeit Löwenzahn.

Nach langen Experimenten mit einer 50-Watt-UVB-Lampe haben wir festgestellt, dass sich unsere Kleinen bei einer UVB-Bestrahlung von mindestens sechs Stunden täglich bei einem Bestrahlungsabstand von 25 bis 30 cm zum Boden wesentlich besser entwickeln. Sobald sie weniger lang mit UVB besonnt werden, werden sie träge. Wir bestrahlen zurzeit zwischen 7 und 9 Stunden täglich.

Beim Bergen der Eier schaute mir Julia zu, was ihr offensichtlich gar nicht gefiel. In dieses Gehege legt sie auch bis heute keine Eier mehr. Sie hat sich eine andere Stelle gesucht und gefunden. Diese hat nur einen großen Nachteil: Die Erde ist dort sehr hart. Seit diesem Jahr (2011) fährt sie eine neue Strategie: Sie beginnt zu buddeln, doch dann krabbelt sie mir zwischen die Füße - anscheinend um mich aufmerksam zu machen. Dieses Spiel spielten wir zunächst drei Tage lang, wobei die Eiablage schon zwei Tage überfällig war. Jetzt hatte ich die „Faxen dick“. Als Julia wieder zu ihrem angefangenen Loch krabbelte, folgte ich ihr, bewaffnet mit einer Blumenschaufel und einem langen Schraubenzieher. Wir buddelten über sechs Stunden gemeinsam! Sie, soweit wie sie kam, dann war ich dran mit dem Lockern der Erde.
Nach diesen sechs Stunden Arbeit ging ich ins Haus, um etwas abzukühlen. Wir hatten die ganze Zeit über in einer Art Gewächshaus bei fast 60 °C Lufttemperatur gebuddelt und ich war echt fertig. Als ich dann nach etwa einer dreiviertel Stunde zurückkam, war Julia gerade damit beschäftigt, das Loch wieder zuzuschaufeln. Schnell rettete ich noch die Eier.

Seit diesem Tag hat Julia das gemeinsame Ausheben der Eihöhle für sich entdeckt. Sie legt Im Zeitraum von Mai bis September/Oktober in regelmäßigen Abständen von 33 Tagen zwischen 20 und 28 Eier. Bis jetzt hat sie den Legeplatz unserer ersten gemeinsamen Buddelei beibehalten. Es ist jedes Mal eine Freude, den Oscar und Julia zuzuschauen und sie zu erleben.

Die Nachzuchten geben wir nur zum Teil an private Interessenten ab; viele bleiben aber auch in unserem Garten. Für die kleineren Spornschildkröten haben wir in unserem Garten ein eigenes, etwa 36 qm großes Jungtiergehege gebaut. Dort verbringen sie unseren Sommer, zwischen April/Mai bis September/Oktober. In den Übergangszeiten und im Winter kommen sie in ein entsprechend großes Terrarium oder in unser umgebautes Gästezimmer.

Einen Tierarzt haben wir bis jetzt noch nicht gebraucht. Für alle Fälle: Ein Fachtierarzt für Exoten wohnt 30 km von uns entfernt. Wir kaufen lediglich einmal im Jahr ein Gel zum Entwurmen und eine Creme, mit der wir die Panzer unserer Tiere einreiben, damit sie parasitenfrei bleiben.

Wenn jemand sagt, Schildkröten sind langsam und langweilig, der irrt sich ganz gewaltig! Man muss jedoch vor der Anschaffung daran denken, dass nicht nur der Kauf, sondern vor allem die Haltung von Schildkröten Geld kostet und auch viel Zeit in Anspruch nimmt. Doch es lohnt sich…

 

Dieser Beitrag wurde am 9. August 2011 online gestellt.

von Horst Köhler, Friedberg

 

Einleitung

In einem - im Gegensatz zum eher nasskalten (Schildkröten-) Jahr 2010 - mit so vielen Sonnenstunden und angenehmen Temperaturen gekennzeichneten Jahr wie diesem (2011), bemerken viele Gartenbesitzer einen stärkeren Befall ihrer Nutzpflanzen und Blumen mit Schnecken, Läusen, Spinnmilben und anderen beißenden Insekten sowie mit verstärktem Ameisenvorkommen (Bild 1). Um Ameisen, die im Garten als natürliche „Putzkolonie“ und als Erzeuger enormer Mengen von Biomasse im Boden durchaus nützlich sind, geht es in diesem Artikel. In Schildkrötengehegen, vor allem aber in Schildkröten-Schutzhütten, sind diese artenreichen Insekten vor allem dann nicht willkommen, wenn sie in Massen auftreten und unter Umständen unsere Landschildkröten durch Beißattacken gefährden. Gelangt beispielsweise nur eine einzige Ameise in das Auge eines Schlüpflings, welches ihr Lid nicht rasch genug schließt, kann das Sehvermögen durch die ätzende Ameisensäure für immer beeinträchtigt sein (Köhler, 2008).

 

ABild1Bild 1: Ameisennester sind an den typischen kleinen Sandhäufchen auf Wegen, Plätzen, im Rasen, in Beeten und, wie hier, auf einer Borddiele zur Grundstücksabgrenzung, zu erkennen. Deutlich sind auf diesem Bild einige Ameiseneier des mit dem Finger teilweise geöffneten kleinen Nestes zu sehen; die aufgeregt hin- und herlaufenden Ameisen selbst sind auf dieser Nahaufnahme nur in der Vergrößerung zu erkennen.




 

 


Ameisennest im Bodensubstrat

Am Rand meines Freigeheges für Sternschildkröten in unserem Garten befindet sich ein etwa 1 x 1 m großes Beckmann-Alltop-Frühbeethaus, das die Tiere je nach Tageszeit verlassen oder für ihre Ruhepausen wieder aufsuchen können (Bild 2). Als Bodengrund wurde zu Beginn der diesjährigen Freiluftsaison ein frisches Gemisch aus ungedüngter Erde, Rindenmulch und Stroh etwa 10-15 cm hoch eingebracht, so dass sich die Sternschildkröten panzerhoch eingraben könnten (was sie allerdings bei mir nur sehr selten tun; meist graben sie sich nur wenige Zentimeter tief in das Substrat ein).

 

ABild2Bild 2: Rechts oben befindet sich die Sternschildkröten-Schutzhütte in meinem durch Holzpalisaden begrenzten Freigehege. Diese Einfriedung existiert an dieser Stelle schon seit fünf Jahren; abgefaulte Palisaden konnte ich bisher noch nicht feststellen.


 


 

 


 

Als ich vier Wochen später, Ende Mai, Futterreste unter der Steinplatte am Fressplatz entfernen wollte, bemerkte ich plötzlich ein paar Ameisen, beim vorsichtigen Tiefergraben im Erdreich dann aber ganze Massen davon, die nun aufgeschreckt im gesamten Inneren des Frühbeethauses hin- und herliefen und sofort meine Arme attackierten. Schnell griff ich zu einer Schaufel und entfernte das Nest mitsamt Eiern und den Bodengrund ringsherum bis zur Styrodur-Bodenplatte – es mögen etwa drei Eimer voll Substrat (und Ameisen) gewesen sein, die ich weit weg von meinen Schildkrötengehegen unter einer dicken Hecke wieder ausleerte.

 

Richtiger Einsatz von Ameisen-Köderdosen

Da ich davon ausgehen musste, dass sich trotz der Entfernung der Kolonie nach wie vor noch etliche Ameisen im Schildkrötenhaus befinden, stellte ich vier Ameisen-Köderdosen direkt auf den ausgehobenen Bodengrund, dort wo ich das Nest ausgehoben hatte (die Schildkröten kamen für einige Tage in ihr Innenquartier). Zwei der Dosen (Celaflor Naturen Ameisenköder) enthielten als Wirkstoff Spinosad, die beiden anderen (Dehner Ameisenköder) den Wirkstoff d-Phenothrin (Bild 3).

 

ABild3Bild 3: Die vier Köderdosen im Schildkrötenhaus auf einer Bodenfläche von nur etwa 30 x 30 cm Größe, dort wo sich zuvor das Ameisennest befand. Der Hinweis in den Gebrauchsanleitungen der Hersteller, dass eine einzige Köderdose für rund 5 m2 Fläche ausreicht, deckt sich nämlich nicht mit meinen bisherigen Erfahrungen. Die Köderdosen müssen regelmäßig auf Annahme durch die Ameisen kontrolliert und gegebenenfalls durch neue oder durch Dosen mit anderen Wirkstoffen ersetzt werden. Gelförmiger oder flüssiger Köder trocknet bei zu hohen Innentemperaturen im Schildkrötenhaus rasch aus und ist dann ohne Wirkung.

 

 


 

Ein solcher Einsatz von Ködern mit verschiedenen Wirkstoffen bzw. Vergrämungsmitteln ist wichtig, weil sich Ameisenvölker offensichtlich an den Bekämpfungsstoff gewöhnen können und sich damit dann auch nicht vertreiben, geschweige denn ausrotten lassen. So staunte ich im letzten Jahr nicht schlecht, als ich einen zum Schutz vor zu starker Sonnenstrahlung über eine Köderdose gestülpten kleinen Karton zur Kontrolle des Köders abnahm und feststellen musste, dass sein gesamtes Innere mit Ameisen-Sandhäufchen und einer kleineren Ameisenkolonie angefüllt war, so viel, dass von der grünen Köderdose nichts mehr zu sehen war! Die Insekten krochen in und über die Köderdose – ohne jegliche Wirkung.

 

Doch selbst bei einem Aufstellen mehrerer Köderdosen mit unterschiedlichen Wirksubstanzen auf engstem Raum kann man sich über einen Bekämpfungserfolg nicht sicher sein. Dies hat mehrere Gründe (teilweise nach Neudorff):

(a) in einer bestimmten Entwicklungsphase nehmen Ameisen kohlenhydrathaltige Köderstoffe, wie sie in der Regel in den Köder eingearbeitet sind, nicht auf: sie bevorzugen in dieser Zeit eiweißhaltige Nahrung.

(b) Handelt es sich um einen Befall mit der so genannten, nur etwa 2 mm groß werdenden Pharaonenameise, die einst aus den Tropen und Subtropen zu uns eingeschleppt wurde, wirken die für die Bekämpfung von europäischen Ameisenarten konzipierten Wirkstoffmischungen ebenfalls nicht, weil diese Art generell nur frisches, eiweißhaltiges Futter zu sich nimmt.

(c) Unmittelbar vor und während des Hochzeitfluges nehmen Ameisen keinerlei Nahrung auf, weil sie in dieser Phase mit anderen Dingen beschäftigt sind.

(d) Ameisen sind gegen einen bestimmten Wirkstoff immun geworden. Dann nützt es auch nichts, wenn man Produkte unterschiedlicher Hersteller einsetzt, die den gleichen Wirkstoff enthalten. Dies ist beispielsweise bei dem gelförmigen Ameisenköder Celaflor Naturen und dem flüssigen Köder Loxiran Ameisenbuffet von Neudorff der Fall: beide enthalten die Wirksubstanz Spinosad (die Dosierung ist allerdings bei Loxiran fast doppelt so hoch wie bei Celaflor Naturen).

 

Daraus folgt, dass möglichst in der Nähe eines Ameisennestes aufgestellte Köderdosen nach zwei Tagen erstmals, und danach in regelmäßigen Abständen, auf die Annahme durch die Ameisen kontrolliert werden sollten. Denn wenn die Ameisen vom Köder nichts fressen, bleibt er natürlich wirkungslos. Wichtig: werden die Köderdosen zu stark von der Sonne bestrahlt, trocknet ihr Inhalt innerhalb kürzester Zeit aus. Diese Gefahr ist bei der Verwendung im Schildkrötenhaus immer sehr groß, da in ihm an sonnigen Sommertagen leicht Innentemperaturen von 30 °C (im Schatten !) auftreten. Aus diesem Grund hatte ich mein Frühbeethaus während der Zeit der „Ameisenaktion“ durch eine Strohmatte abgedeckt.

 

Weitere Bekämpfungsmaßnahmen

Eine Woche nach Entfernung des Nestes und der Aufstellung der vier Köderdosen fand ich selbst bei gründlicher Suche im Substrat nur noch ganz vereinzelt Ameisen – ein weiteres oder gar neues Nest war jedenfalls nicht mehr vorhanden. Aber Achtung: auch bei nur wenigen sichtbaren Ameisen im Schutzhaus kann sich eine starke Kolonie im Erdreich befinden. Die Dosen stellte ich nunmehr in der Schutzhütte auf eine entlang der Rückwand zur Wärmespeicherung aufgeschichtete Mauer aus Ziersteinen – unerreichbar für meine Schildkröten (Bild 4). Sodann entfernte ich noch etwas Substrat und Stroh, denn es musste ja vermieden werden, dass meine Schildkröten Köderpartikel oder abgestorbene Ameisen fressen. Dann wurde frischer Rosenhumus und neues Stroh eingebracht. Dabei reduzierte ich den Anteil an Gartenerde im Substrat bewusst, weil eine Erdschicht nach meinen Beobachtungen die Ameisen zum Anlegen eines Nestes geradezu einlädt; ein lockeres, stark strukturiertes Substrat, z.B. Rindenmulch oder Rosenhumus, wird dagegen nicht so gerne für den Nestbau angenommen. Da sich Ameisen durch gewisse Duftstoffe, z.B. von Lorbeer, Lavendel, Eukalyptus und Zedern, vertreiben lassen (weiteres „Hausmittel“ sollen Backpulver, Zimt, Essig, Gewürznelken und Zitronensaft sein), kaufte ich mir im Gartencenter einen Topf Lavendel (Lavandula angustifolia) und stellte ihn in eine der Ecken des Frühbeethauses.

 

ABild4Bild 4: Blick ins Innere des Schutzhauses bei geöffnetem Deckel nach hoffentlich lang andauernder Ameisenumsetzung, -vertreibung und -vernichtung: die Köderdosen sind nunmehr, unerreichbar für die Schildkröten aber zugänglich für etwaige Ameisen, platziert. Der Leser störe sich nicht an den vielen „Instrumenten“: ich führte zu diesem Zeitpunkt Vergleichsmessungen mit verschiedenen Hygrometern und Thermometern durch. Alle Fotos stammen vom Autor.

 

 

 


 

Ein Überbrühen der früheren Neststelle mit kochendem Wasser schied für mich als Maßnahme aus, weil das Ameisenvolk mitsamt seiner Königin ja bereits ausquartiert war. Außerdem hätte ich durch diese Maßnahme das gesamte Hausinnere überschwemmt. Stattdessen änderte ich die Futterstelle: nicht mehr im Frühbeethaus auf der Steinplatte finden jetzt die Hauptfütterungen statt, sondern im anschließenden Freigehege selbst (wo ich etwaige neu entstehende Ameisennester besser bekämpfen bzw. ausgraben kann); nur noch bei ungünstigen Witterungsbedingungen, wenn die Schildkröten auch tagsüber in ihrer (beheizbaren) Schutzhütte weilen, wird innen gefüttert. Dadurch bleiben weniger Fressreste liegen, die neue Ameisen anlocken würden.

Schließlich umgab ich alle drei Seiten des Schildkrötenhauses, die außerhalb des Geheges liegen und somit für die Schildkröten nicht zugänglich sind, mit einer Schicht eines Ameisen-Streu- und Gießpulvers mit dem Wirkstoff Cypermethrin. Diese Maßnahme soll schnell und nachhaltig wirken und damit Ameisen davon abhalten, neu in das Haus einzudringen. Dieses „Pulvern“ werde ich alle drei Wochen wiederholen.

Vorgenommen habe ich mir schließlich noch, das Substrat im Beckmann-Haus mit einem kleinen Rechen alle zwei oder drei Wochen aufzulockern und damit die dort unerwünschten Insekten regelmäßig zu stören. Es ist immer sinnvoll, vereinzelte wieder neu auftretende Ameisen sofort aus dem Frühbeethaus zu entfernen. Einen Nebeneffekt hat diese Maßnahme noch: ich könnte beim - vorsichtigen - Umarbeiten des Substrat dort abgesetzte Schildkröteneier finden ...

 

Weitere Maßnahmen

Schildkrötenbesitzer kennen noch eine Reihe weiterer Bekämpfungsmaßnahmen, mit denen ich bis jetzt allerdings noch keine eigenen Erfahrungen besitze:

Anbringen eines doppelseitigen Klebebandes

Ausstreuen von Kalkpulver

Anlocken der Ameisen mit einem Schwamm, der mit Zuckerwasser getränkt wurde

Aufstellen einer kleinen Schale mit stark gezuckertem, schalen Bier, in dem die Insekten dann ertrinken (es soll auch mit Honigwasser, verdünnter Likör usw. funktionieren)

 

Gegen Ende der diesjährigen Schildkröten-Freiluftsaison werde ich in einem kurzen Nachtrag berichten, wie erfolgreich (oder wenig dauerhaft ?) meine Maßnahmen waren.

 

Literatur:

Köhler Horst (2008): Aufzucht europäischer Landschildkröten-Babys (Kapitel über Schildkröten-Feinde). Schildi-Verlag Augsburg.

Neudorff GmbH KG, Emmerthal: Erfolgreiche Ameisenbekämpfung – gewusst wie! Produktbeschreibung zum Loxiran Ameisenbuffet. 0116-29204

 

 

Dieser Beitrag wurde am 18. Juli 2011 online gestellt.