von Horst Köhler, Friedberg


Einleitung

Vor allem wild lebende Europäische Landschildkröten, aber auch tropische Arten, machen in ihren Vorkommensgebieten in Süd- und Südosteuropa auch an heißen Sommertagen nie sehr lange Sonnenbäder: Während der heißesten Tageszeit ziehen sie sich für mehrere Stunden in den Halb- oder Vollschatten des Gestrüpps oder unter überhängende Grasbüschel zurück, an Stellen also, an denen die Feuchtigkeit höher ist als auf dem freien, sonnenbestrahlten Terrain. Nachts und am Morgen ist außerdem die Feuchtigkeit immer höher als tagsüber und auch ab dem Spätnachmittag bringt zunehmende Bewölkung häufig feuchte Luft mit sich, vor allem bei den Schildkrötenbiotopen, die in der Nähe von Meeren gelegen sind. Und ab und regnet es schließlich auch in Ländern wie Südfrankreich, Italien, Griechenland, der Türkei, Bulgarien und Rumänien, selbst im Sommer. Konkrete und verlässliche Messungen der Feuchtigkeit an den bevorzugten Aufenthaltsorten von frei lebenden Landschildkröten gibt es allerdings bisher nur vereinzelt (siehe u.a. Horst Köhler: „Feuchtigkeitsmessungen im Mikrohabitat der Maurischen Landschildkröte in der Südtürkei“, SACALIA 9, Jahrgang, Heft 33, November 2011).

Während die von Liebhabern gehaltenen Landschildkröten im Sommer im strukturierten und bepflanzten Gartengehege ähnlich wie in der Natur während eines vollen Tages unterschiedlichen Feuchtigkeitswerten ausgesetzt sind, sieht es in den Innengehegen und in manchen Terrarien ganz anders aus. Dort brennen teilweise zu starke Lampen acht bis zehn Stunden lang auf die Tiere und den Bodengrund (siehe UVB-Fachartikel in dieser Website). Letzterer trocknet rasch und vollständig aus, und selbst gelegentliches Wassersprühen, das man vor allem bei der Pflege der noch sehr feuchtigkeitsliebenden Jungschildkröten öfters wiederholen sollte, erhöht die Bodenfeuchte nur kurzzeitig. Dann kann es durchaus vorkommen, dass sich die nachts im trockenen Substrat eingegrabenen Schildkröten Schleimhautreizungen durch den staubförmigen Untergrund zuziehen.

Wie wenig wirksam ein Anfeuchten selbst durch eine vermeintlich größere Wassermenge sein kann, zeigt folgendes Beispiel: an einem heißen und sonnigen Tag im August feuchtete ich die etwa 30 cm hohe, größtenteils aus Rindenmulch bestehende Substratschicht meiner etwa 1 m2 großen Schildkröten-Schutzhütte im Freigehege mit 15 l Wasser aus der Gießkanne an. Als ich sofort danach untersuchte, bis zu welcher Tiefe das Substrat feucht geworden war, musste ich erstaunt feststellten, dass fast die gesamte untere Hälfte des Bodengrundes nach wie vor staub-trocken war.

Was man unter Feuchtigkeit (Feuchte) versteht
Deshalb kann der Einsatz von Luftbefeuchtern, z.B. des im 1. Artikelteil getesteten „Super Fog“ von Lucky Reptile (siehe den unten stehenden Beitrag in dieser Rubrik), in den vor allem in den Übergangszeiten besetzten Schildkröten-Innengehegen ein behaglicheres, nämlich weniger trockenes Klima schaffen. Aber wie viel bringt so ein Gerät tatsächlich? Und wie kann man den Tagesverlauf der Feuchtigkeit am Boden messen? Was ist Feuchtigkeit überhaupt?

Neben der absoluten Feuchtigkeit, die angibt, wie viel Gramm Wasserdampf in 1 m3 Luft bei einer bestimmten Temperatur enthalten sind, ist zur Angabe des Feuchtezustandes meist die relative Feuchtigkeit (= relative Feuchte) üblich. Sie wird in Prozent angegeben und ist das Verhältnis des tatsächlich vorhandenen Wasserdampfgehaltes zum höchst möglichen Wasserdampfgehalt (bei einer bestimmten Temperatur und einem bestimmten Druck). 100 % relative Feuchte bedeutet, dass die Luft vollkommen mit Wasserdampf gesättigt ist. Dies ist der Fall z.B. bei starkem Nebel, bei Regen oder in einem Dampfbad. Null % relative Feuchte dagegen hat völlig trockene Luft (z.B. Wüstenregion bei extrem starker Sonneneinstrahlung). Da der maximal mögliche Wasserdampfgehalt der Luft mit steigender Temperatur zunimmt, sinkt die relative Feuchte mit steigender Temperatur. Um Messwerte der relativen Feuchtigkeit überhaupt miteinander vergleichen zu können, ist deshalb die zusätzliche Angabe der gemessenen Temperatur wichtig.

Umrechnung für Spezialisten
Relative und absolute Feuchtigkeiten können mit Hilfe der temperaturabhängigen Wasserdampf-Sättigungsmenge umgerechnet werden. Für ein einfaches Rechenbeispiel verwende ich hier von mir in der Südtürkei Ende Mai an einem heißen wolkenlosen Tag während der Mittagszeit gemessenen relativen Feuchten und Temperaturen:
(a) direkt neben einer im Halbschatten dösenden Maurischen Landschildkröte und, als Vergleich,
(b) etwa 1 m weiter an einem voll sonnenbeschienenen Platz.

Die relative Feuchte von 57 % an der im Halbschatten bei 30 °C (Wasserdampf-Sättigungsmenge = 30,3 g/m3) ruhenden Landschildkröte entspricht einer absoluten Feuchtigkeit von 0,57 x 30,3 = 17,3 g/m3 .

Die 1 m weiter an der vollen Sonne gemessene relative Bodenfeuchte von nur 27 % bei allerdings 45 °C Bodentemperatur (Sättigungsmenge = 60 g/m3) bedeutet 0,27 x 60 = 16,2 g Wasserdampf je m3 Luft. Der Unterschied in der absoluten Feuchte beträgt nur knapp 7 %, ist also wesentlich geringer als der Unterschied der beiden gemessenen relativen Feuchten.

Hygrometer1kleinBild 1: Einige der für meine Feuchtigkeitsmessungen im Schildkröten-Innengehege verwendeten Hygrometer. Das größte Rundinstrument (Bildmitte) hat einen Durchmesser von 85 mm; die Preise der Instrumente liegen zwischen knapp 5 und ca. 25 Euro. Man beachte die teilweise erheblichen Differenzen in den Anzeigen: Das digitale TFA-Messgerät links zeigt einen Wert von 53 % relativer Feuchte bei 21,3 °C Temperatur an, das kleine schwarze Rundhygrometer dagegen nur 40 %.

 

 

Unerwartete Probleme mit den verwendeten Anzeigegeräten
Terrarianer verwenden aus Preisgründen in der Regel einfache digitale oder analoge Hygrometer. Die von mir eingesetzten Modelle zeigt Bild 1. Wer das Bild aufmerksam betrachtet, wird feststellen, dass jedes Messgerät einen anderen Wert für die relative Feuchtigkeit anzeigt, obwohl vor der Aufnahme eine Beharrungszeit von 1 Stunde zur Akklimatisierung abgewartet wurde. Erwähnt werden muss, dass die drei größeren analogen Hygrometer (oben Mitte und rechts oben und unten im Bild) zur Eichung 45 Minuten in ein nasses Handtuch eingewickelt und die Anzeige danach mit einer Stellschraube auf der Rückseite jeweils auf 95 % relative Feuchte eingestellt wurde. Die von mir verwendeten Hygrometer von Namiba Terra (Bild 1 Mitte unten) und JBL (nicht in Bild 1 gezeigt), mit weniger als 10 Euro zugleich die preisgünstigsten, lassen sich nicht eichen. Das digitale TFA-Messinstrument links im Bild, das auch die Temperatur anzeigt, ist nicht eichbar.

Überraschenderweise scheint es auch Anzeige-Abweichungen bei völlig baugleichen Hygrometern des gleichen Herstellers zu geben. Als ich mir 2012 ein zweites digitales TFA-Thermometer/Hygrometer von Dostmann kaufte und beide Geräte zum Vergleich nebeneinander legte, zeigten sie nach etwa einer Stunde Wartezeit zwar die gleiche Temperatur an, aber deutlich unterschiedliche relative Feuchten, Bild 2. Welcher Wert ist nun der Richtigere? Immerhin beträgt die Differenz im Messwert 13 % absolut, was 25 Prozentpunkten entspricht ((65-52):52 = 0,25). Der von mir informierte Hersteller gab an, dass nur eine Differenz von maximal 10 Prozentpunkten auftreten darf. Ist die Differenz größer wie im aufgezeigten Fall, kann das offensichtlich defekte Gerät mit dem Kaufbeleg beim Fachhändler reklamiert werden.

Hygrometer2kleinBild 2: Diese beiden baugleichen digitalen Thermo/Hygrometer von Dostmann (links ein im Juni 2012 neu gekauftes Gerät, das rechte war zum Zeitpunkt der Messungen etwa 4 Jahre alt) zeigen zwar exakt übereinstimmende Temperaturen an, aber unterschiedliche relative Feuchten. Beide Instrumente erhielten für die Messungen neue Batterien.

 

 

 

 

 

Dies zeigt die große Problematik von Feuchtigkeitsmessungen beispielsweise in der Feldforschung, im Gegensatz zu den vergleichsweise simplen Temperaturmessungen (obwohl auch da Messfehler gemacht werden können). Daher: Wenn in Veröffentlichungen oder in Schildkröten-Foren Aussagen über gemessene Feuchtigkeitswerte am momentanen Aufenthaltsort von Schildkröten gemacht werden, dann sind diese nur dann verwertbar und sinnvoll, wenn neben der gleichzeitig gemessenen Temperatur am Messplatz auch der verwendete Messgerätetyp und -Hersteller genannt wird.

Ich selbst hätte angesichts dieser Fakten große Bedenken, auch nur eines der bei meinen Feuchtigkeits-Messungen im Innengehege eingesetzten Hygrometer für (neue) wissenschaftlich ausgerichtete Feuchtigkeitsreihen-Messungen im Verbreitungsraum Europäischer Landschildkröten zu verwenden. Die Devise für mich muss lauten: lieber gar nicht messen als falsch! Dies gilt erst recht dann, wenn derartige Feuchtigkeitsmessungen in Publikationen einfließen.

Messdurchführung und Ergebnisse
Mit den in Bild 1 gezeigten Hygrometern (sowie dem JBL-Hygrometer und dem älteren TFA-Gerät) führte ich im Zeitraum Juni und August 2012 im Innengehege (meine Schildkröten befanden sich in dieser Zeit im Freigehege) Hunderte von Messungen durch. Die meiner Meinung nach generell zu tiefen Messwerte des älteren TFA-Digitalgerätes sowie der Analog-Rundinstrumente von Namiba Terra und JBL wurden von mir zwar protokolliert, gingen aber nicht in die Auswertung ein. Denn die Abweichungen waren teilweise enorm: nicht selten lagen zwischen höchstem und niedrigsten Messwert zum gleichen Ablesezeitpunkt 100 %! Verwendet habe ich deshalb nur die Messdaten von vier Instrumenten, wobei ich aus den vier Anzeigen jeweils einen Mittelwert bildete.

Der Vernebler „Super Fog“ war so eingestellt, dass er während eines 24-Stunden-Tages fünf Stunden lang in Betrieb war, und zwar insgesamt 10 Mal für jeweils 30 Minuten Dauer (davon drei Mal auch nachts). Bei der gewählten Befeuchtungsstärke und -Häufigkeit reichte die Wassermenge im Behälter des Befeuchters (Inhalt 2,5 l) 2 ½ bis knapp 3 Tage (wöchentlicher Wasserverbrauch ca. 6,55 l). Dann musste vollentsalztes (oder destilliertes) Wasser nachgefüllt werden.

Die gleiche Anfeuchtung fand und findet auch statt, wenn mein Gehege mit Schildkröten besetzt ist.

Hygrometer3kleinBild 3: Das leere Versuchsgehege von oben fotografiert, noch ohne die Hygrometer. Es hat eine trapezförmige Grundfläche. Eine 23-Watt-UVB-Kompaktleuchte (hier von dem dunklen Reflektor verdeckt) und ein 75-Watt-Strahler über der Futterplatte sorgen für ausreichend Helligkeit, Wärme und Ultraviolettstrahlung. Unten im Bild unter einer Korkrinde der weiße Kunststoffschlauch für den Austritt des erzeugten Nebels.




Das aus Holz gebaute offene Gehege (Bild 3) besitzt eine nutzbare Bodenfläche von etwa 0,80 m2. Die Messinstrumente wurden entlang des Umfangs eines gedachten Kreises von rund 30 cm Durchmesser direkt auf dem Substrat platziert, nahezu senkrecht unter der Bestrahlungslampe (Bild 4).

Hier nun beispielhaft aus den zahlreichen Messungen einige wesentliche Ergebnisse:

Vor Einsatz des Befeuchters lag die relative Bodenfeuchte direkt unterhalb des (eingeschalteten) Strahlers am Nachmittag (15 Uhr) zwischen 35 und 40 %. Die Bodentemperatur an dieser Stelle betrug 30 °C. Vier Stunden nach Ausschalten der Lampen wurde (um 19 Uhr) ein „Abendwert“ von 50 % bei 20 °C Bodentemperatur ermittelt.

Hygrometer4kleinBild 4: Die Hygrometer wurden rings um die Futterstelle direkt auf den Boden gelegt und erfassen so die relative Feuchtigkeit, die später auch die Schildkröten „spüren“. Ein an der Seitenwand in z.B. 15 cm Höhe über den Boden angebrachtes Messinstrument könnte zu falschen Schlussfolgerungen führen. Gut sind die vom Vernebler erzeugte Nebelschwaden zu erkennen. Links im Bild ist der Klemmreflektor der UVB-Lampe zu erkennen. Alle vier Fotos stammen vom Autor.

 

 

Diese Angaben können nun mit den folgenden typischen Messwerten bei Einsatz des „Super Fog“ verglichen werden (Str. = Strahler; die Angabe in Stunden bzw. Minuten bezieht sich jeweils auf die Zeit, die seit Ende des letzten Befeuchtungsabschnittes vergangen war):

6 Uhr, Str. aus, 1 ½ Stunden: 91 % (20 °C)
7.30 Uhr, Str. aus, 1 Stunde: 90 % (19 °C)

10.30 Uhr, Str. an, 1 Stunde: 75 % (25 °C)
11.45 Uhr, Str. an, 5 Minuten: 82 % (23 °C)
13.00 Uhr, Str. an, 1 ½ Stunden: 63 % (26 °C)
16.00 Uhr, Str. an, 1 ¼ Stunden: 67 % (26 °C)

17.35 Uhr, Str. aus, 5 Minuten: 91 % (21 °C)
19.00 Uhr, Str. aus, 1 ¼ Stunden: 80 % (22 °C)
22.00 Uhr, Str. aus, 1 ¼ Stunden: 87 % (21 °C)

Die Messergebnisse zeigen, dass durch die regelmäßige Befeuchtung des Innengeheges die relative Feuchte während eines 24-Stunden-Tages gegenüber der Situation ohne jegliche Anfeuchtung tatsächlich deutlich angehoben wird. Selbst 1 ¾ Stunden nach Ende des letzten Befeuchtungsabschnittes, also unmittelbar vor Beginn der nächsten Benebelungsphase, sank die relative Feuchte tagsüber bei eingeschalteten Strahlern nie unter einen Wert von 60 %. Unmittelbar nach jeder Befeuchtung stiegen die Werte tagsüber auf über 80 %, nachts bei abgeschalteten Lampen sogar auf über 90 %. Trotzdem war der Bodengrund nie nass und schimmelte auch nicht. Die durch die Waser-Verneblung hervorgerufene Substrat-Feuchtigkeit dürfte ungefähr der entsprechen, wie sie auch in den Ursprungshabitaten der Landschildkröten vorliegt.

Vermutlich könnte die Verneblungsstärke - durch einfaches Drehen am Stellknopf des Ultraschall-Luftbefeuchters – ohne große Reduzierung der relativen Feuchtigkeit am Boden noch etwas reduziert werden, so dass auch der Inhalt des Wasserbehälters etwas länger ausreicht. Doch ich lasse diese Maßnahme meine (tropischen) Schildkröten entscheiden: Wenn sie demnächst im Spätherbst wieder in ihr Innengehege einziehen, werde ich beobachten, ob sie das direkt angefeuchtete Areal unterhalb der beiden Lampen oder eher die Plätze ringsherum bevorzugen. Bei meinen Sternschildkröten im Freigehege habe ich bei der jetzt zu Ende gehenden Außensaison den Eindruck gewonnen, dass sie dort für feuchtere Ruheplätze (die im Schatten liegen) sogar niedrigere Temperaturen in Kauf nehmen. Weitere Beobachtungen sind zur Absicherung jedoch erforderlich.

Vernebler und „laufende Nasen“ bei Sternschildkröten
Wie im ersten Teil des Artikels (siehe den Beitrag weiter unten) schon ausgeführt wurde, neigen Sternschildkröten (Geochelone elegans) häufiger zur Bildung von klaren Bläschen vor den Nasenlöchern („laufende Nasen“, running nose syndrome – RNS) als andere Arten. Oft diagnostizieren manche Tierärzte dann vorschnell eine Erkältung oder sogar eine Lungenentzündung und behandeln mit einem Antibiotikum. Doch diese Bläschen treten nicht nur im zu trockenen Substrat eines Innengeheges, sondern auch im Freigehege auf, ebenso beim Umsetzen der Tiere von draußen nach drinnen und umgekehrt.

Es war bei den Feuchtigkeitsmessungen allerdings nicht meine Aufgabe und mein Ziel, den eventuellen Einfluss der Luftfeuchtigkeit auf die Bläschenbildung zu untersuchen (zumal sich meine Tiere zurzeit noch im Freien befinden). Doch ich werde in den kommenden Monaten genau beobachten, ob ein Zusammenhang besteht und gegebenenfalls später über das Ergebnis berichten.

In diesem Zusammenhang ein Appell an alle Besucher von schildi-online.eu, die Sternschildkröten pflegen: teilen Sie mir doch bitte, wenn Sie wollen auch anonym, Ihre Erfahrungen zum Thema "Bläschenbildung"  mit. Meine Kontaktdaten finden Sie in der Rubrik „Impressum & Kontakte".

Dieser Beitrag wurde am 17. September 2012 online gestellt.

Von Horst Köhler, Friedberg


Einleitung

Die Luftfeuchtigkeit in Landschildkröten-Innengehegen ist ein Thema, das immer wieder diskutiert wird, auch kontrovers. Kann der Bodengrund von Schildkröten-Terrarien oder Innengehegen durch regelmäßiges Besprühen mit Wasser, z.B. am frühen Morgen (etwa zur Simulation des morgendlichen Taues im natürlichen Verbreitungsgebiet) und dann nochmals am Abend (z.B. zur Simulation des Feuchtigkeitsanstieges als Folge der über den Lebensraum hinweg ziehenden Abendwolken) einigermaßen feucht gehalten werden? Welche relative Feuchte soll das Substrat am bevorzugten Aufenthaltsort der Schildkröten, in der Regel also unter den Strahlern, im Idealfall überhaupt haben? Wie ist eigentlich die Situation in der Natur [für den Lebensraum der Maurischen Landschildkröten im Sommer siehe bei Köhler, 2011]? Sind bei den einzelnen Arten Unterschiede in der Feuchtigkeit sinnvoll bzw. notwendig?  

Bekannt ist, dass ein dauerhaft zu trockenes Klima im Innengehege zu Augenentzündungen, Blasensteinen und Lungenproblemen führen kann [Eggenschwiler, 2000]. Vor allem Schlüpflinge und Schildkröten-Jungtiere mit weniger als zwei Jahren Alter, die sich in der Natur in der Regel feuchte Versteckplätze im Gras und Dickicht suchen und daher dort auch nur selten aufzuspüren sind, benötigen auch bei der Haltung des Liebhabers ein leicht feuchtes Innenklima [Bidmon & Jennemann, 2006; Köhler, 2008]. Es ist also nicht angebracht, ein- oder zweijährige Schildkröten-Nachzuchten auf einem Substrat zu halten, das die Feuchtigkeit nicht oder nicht sehr lange speichert, vor allem dann, wenn die Kleinen auch noch aufgrund überholter Pflege-Informationen gleichzeitig viel zu warm gehalten werden [Köhler, 2008].

Sternschildkröten (Geochelone elegans) entwickeln häufig Bläschen an der Nase, selbst dann, wenn die Tiere artgerecht gehalten werden. Es ist nicht sicher bekannt, ob dies eine Folge eines zu trockenen Substrates oder einer Erkältung (Schnupfen) ist. Wenn es sich bei den Nasentröpfchen um eine klare Substanz handelt, ist eine Erkältung eher unwahrscheinlich. Auch bei einigen anderen, selbst einigen europäischen Landschildkrötenarten, muss eine laufende Nase nicht gleich behandelt werden, vor allem nicht mit Antibiotika. Vergleiche von Freilandbeobachtungen von Sternschildkröten in Sri Lanka und Südindien mit in Grundstücken der Einheimischen bei (fast) übereinstimmenden klimatischen Bedingungen gehaltenen Tieren dieser Art haben überraschenderweise ergeben, dass unter den Vertretern der letztgenannten Gruppe wesentlich mehr Tiere mit Bläschen an der Nase zu finden sind als bei Freilandtieren, obwohl Temperaturen und Feuchtigkeitswerte gleich sind. Es muss also noch einen weiteren Faktor geben, der die Bläschenbildung hervorruft (Artikel in Vorbereitung).

Bei der mir selbst gestellten Aufgabe möchte ich durch Langzeit-Beobachtungen über ein volles Jahr hinweg ermitteln, ob die Bläschenbildung bei Sternschildkröten durch eine mehrmals täglich erfolgende automatische Anfeuchtung des Gehege-Bodengrundes und der bodennahen Luftschicht durch ein Befeuchtungsgerät zurückgeht oder nicht. Angeschafft und bei mir in Betrieb gesetzt wurde zu diesem Zweck Anfang Februar 2012 das Gerät "Super Fog" von Lucky Reptile (Bild 1).

In diesem Beitrag werden die Erfahrungen mit dem bis jetzt 5 1/2 Monate währenden Betriebs mit dem Gerät mitgeteilt. Thema eines späteren zweiten Berichtes werden die im Gehege erreichten Feuchtigkeitswerte sein, wie diese zwischen den einzelnen Befeuchtungszyklen schwanken und wie genau - oder besser wie ungenau - verschiedene marktübliche Hygrometer (mit denen die Feuchtigkeit gemessen wird) anzeigen. Im abschließenden dritten Beitrag dieser Serie wird dann auf das Ergebnis der kontinuierlichen Befeuchtung einer Sternschildkrötengruppe eingegangen.

 

SuperFogBild1Bild 1: Der "Super Fog" ist in wenigen Minuten nach nur einigen simplen Handgriffen einsatzbereit. Man benötigt kein einziges Werkzeug. Das Bild zeigt das Gerät mit etwa halb gefülltem Wassertank.

 












Beschreibung

Der Luftbefeuchter "Super Fog" kostet im Fachhandel zurzeit bis zu etwa 100 € und wiegt – ohne Wasser im Tank – etwa 2,3 kg. Seine Außenabmessungen sind 29 x 13,5 x 26 cm. Das Gerät besteht aus zwei Teilen: dem Unterteil mit Motor, Membran aus Keramik und Anschalter sowie dem abnehmbaren, etwa 2 ½ Liter fassenden Wassertank, in den der mitgelieferte weiße und flexible Auslassschlauch eingesteckt wird. Das Ende dieses Schlauchs mündet im Schildkrötengehege; das Gerät selbst steht außerhalb davon. Der Hersteller rät dringend davon ab, das Gerät in feuchter Umgebung, also im Gehege selbst, zu betreiben.

Die Keramikmembran, ein Verbrauchsartikel, zerstäubt das eingefüllte Wasser im Ultraschallbereich in feinste Bestandteile. Es entsteht ein feuchter Nebel, dessen Dichte durch einen Drehknopf leicht und stufenlos verändert werden kann. Bei stärkster Einstellung hat das Befeuchtungsgerät eine maximale Leistungsaufnahme von etwa 30 Watt. Wird wärmeres Wasser verwendet, entsteht vergleichsweise mehr Nebel, doch dürfte die übliche Verfahrensweise so sein, dass der Behälter ganz aufgefüllt wird und dann im Laufe der nachfolgenden Stunden Raumtemperatur annimmt, also z.B. 20 oder 22 °C. Die Temperatur im erzeugten Nebel entspricht etwa der Wassertemperatur im Tank.

Wichtig ist noch, dass tunlichst nur destilliertes oder vollentsalztes Wasser verwendet wird, weil nur dann eine möglichst lange Lebensdauer gewährleistet ist. Abgeraten wird ferner von einem Dauerbetrieb des "Super Fog"; es wird die Verwendung einer Zeitschaltuhr empfohlen, über die die Länge und Zahl der Befeuchtungszyklen eingestellt werden kann.

Ein Nachteil des "Super Fog" (und möglicherweise auch anderer Geräte) sehe ich darin, dass nur reines Wasser ohne jegliche Zusätze zerstäubt werden darf. Die Zugabe einiger Tropfen ätherischer Öle oder ähnlicher Substanzen in den Behälter, quasi zum Inhalieren bei leicht erkälteten Landschildkröten, ist somit ausgeschlossen.

Die mitgelieferte Gebrauchsanleitung umfasst nur eine Seite Text, der gut verständlich verfasst ist. Allerdings wäre es sinnvoll gewesen, genauer zu beschreiben, wo der Behälter mit Wasser gefüllt werden muss. In einer Skizze ist zwar die Lage des Wassereinlasses durch einen Punkt angegeben, doch hätte für Erstanwender ein Hinweis, dass zum Befüllen der Wassertank gekippt und erst die Einlassöffnung auf der Unterseite herausgeschraubt werden muss, nicht geschadet. Zu groß ist nämlich die Gefahr, dass das Wasser in eine Öffnung im Unterteil eingefüllt wird und damit unter Umständen den Motor irreparabel beschädigt.

Vor einiger Zeit wurde das Befeuchtungsgerät vom Hersteller verbessert. Der Anwender sollte nach dem Kauf unbedingt die Batch-Nummer auf der Geräteunterseite kontrollieren. Beginn diese mit einem X2, handelt es sich um die neue Ausführung. Ansonsten sollte man den Befeuchter umtauschen.

Über eine Zeitschaltuhr habe ich die Befeuchtungsintervalle und –dauern so festgelegt, dass nach Ablauf von jeweils 2 Stunden eine halbe Stunde lang befeuchtet wird, auch nachts über. Lediglich zwischen 19.30 Uhr und 23 Uhr ist eine längere Pause. Dies ergibt innerhalb von 24 Stunden insgesamt zehn Befeuchtungsabschnitte von je 30 Minuten Länge, also 5 Stunden Befeuchtung im Verlauf eines 24-Stunden-Tages.

Dafür und für die von mir gewählte Intensität des Nebels reicht der Vorrat des Wasserbehälters etwa drei volle Tage aus (diese Zeit ist unabhängig von der Grundfläche des Geheges). Danach muss wieder aufgefüllt werden. Wird dies vergessen, schaltet das Gerät selbsttätig ab, doch sollte der Anwender bei längerer Abwesenheit (z.B. vor einem Urlaubsantritt) zur Geräteschonung den Netzstecker ziehen (mündl. Mitteilung von Lucky Reptile). Bei stärkster Wasservernebelung ist die Befeuchtungsleistung max. 325 ml/h, d.h. der Wasservorrat von 2 ½ Litern wäre bereits nach knapp 8 Stunden reiner Befeuchtungszeit aufgebraucht.

Der Betrieb ist erfreulich leise: die Geräuschentwicklung übersteigt nie einen Wert von ca. 30 dB(A). Selbst bei maximaler Einstellung ist während des Vernebelungsvorganges nicht mehr als ein leichtes Summen zu vernehmen, wobei das Gerät bei mir allerdings auf dem dämpfenden Teppichboden steht. Mein direkt neben dem Innengehege stehendes 600-l-Aquarium ist da deutlich lauter.

Der Luftbefeuchter "Super Fog" lief bei mir an meinem Sternschildkröten-Innengehege bisher 5 ½ Monate lang ohne jegliche Beanstandung oder Störung. Versuchsweise stellte ich einmal die höchste Vernebelungsstufe ein, um zu sehen, ob es beim Kontakt der relativ kühlen Nebelschwaden mit den heißen Bestrahlungslampen über den Schildkröten ein Problem gibt (ein unter Umständen teurer Test !). Dies war jedoch nicht der Fall. Sicherheitshalber sollte man aber das Schlauchende so im Gehege enden lassen, dass die Nebelschwaden nicht direkt auf das Glas der Lampe(n) treffen.

Ich kann den Lucky Reptile-Befeuchter "Super Fog" daher ohne Einschränkungen empfehlen, zumal es zum gegenwärtigen Zeitpunkt das Gerät mit dem größten Wasserspeicher ist.

 

Nachtrag vom 29. November 2014 (Praxiserfahrung nach knapp 2 Jahren reiner Betriebszeit):
Der Befeuchter lief mit Ausnahme der Sommermonate, in denen sich die Sternschildkröten im Außengehege im Garten aufhielten, von Ende Januar 2012 bis November 2014 täglich über eine Zeitschaltuhr gesteuert fünf Stunden lang im Intervall-Betrieb, siehe Text oben. Dies entspricht einer reinen Betriebszeit von knapp 3.600 Stunden. Anfang November 2014 machte sich jedoch bei jedem (automatischen) Einschalten während der ersten 20 Sekunden der Befeuchtungsphase ein störendes Motor-Streifgeräusch bemerkbar, das mit jeder Woche lauter zu werden schien und schließlich auch nachts deutlich im anschließenden Schlafzimmer zu vernehmen war. Da außerdem der Wasservorratsbehälter durch einen Algenbelag am Boden, der wegen des bis auf die Einfüllöfffnung allseits geschlossenen Behälters nicht mechanisch entfernt werden konnte, unansehnlich geworden war, sah ich die Lebensdauer des Geräts als erreicht an und entsorgte es heute in der Wertstoffsammelstelle.

Literatur:

Bidmon Hans-Jürgen & Jennemann Gerhard (2006): Hohe relative Luftfeuchtigkeit – gleich glatte Panzer: Wie lässt sich das praktikabel realisieren? Schildkröten-Im-Fokus 3 (4), S. 3-18

Eggenschwiler Ursula (2000): Die Schildkröte in der tierärztlichen Praxis. Schöneck-Verlag Schweiz

Köhler Horst (2008): Aufzucht europäischer Landschildkröten-Babys. Schildi-Verlag Augsburg

Köhler Horst (2011): Feuchtigkeitsmessungen im Mikrohabitat der Maurischen Landschildkröte in der Südtürkei. SACALIA 9, Heft 33, S.18-24

 

Dieser Artikel wurde am 21. Juli 2012 online gestellt.

von Horst Köhler, Friedberg

 

Einleitung
Bei europäischen Landschildkröten, zumindest bei schon etwas älteren Tieren, ist es normalerweise nicht schwierig, den Kopf zu fassen und die Kiefer zum Zwecke der Inspektion des Maulinneren oder zur oralen Eingabe von Medikamenten zu öffnen. Doch es gibt Arten, die sich dieser Handlung des Halters oder des Tierarztes kräftig widersetzen, so dass es ohne entsprechendes Hilfswerkzeug und vor allem ohne entsprechende Erfahrung nur schwer möglich ist, den Kopf zu umfassen und, wie der Veterinärmediziner sagt, vorzuverlagern. Zu diesen Arten zählen zweifelsohne die Sternschildkröten (Geochelone elegans), von denen ich eine kleine Gruppe in der warmen Jahreszeit im Freigehege (mit einem nachts bei niedrigen Temperaturen automatisch beheiztem Schutzhaus) und im Winter und in den Übergangszeiten in einem oben offenen Innengehege in meinem Arbeitszimmer halte. Sternschildkröten haben offensichtlich ein besonderes Gedächtnis: Es mag zwar gelingen, ihren Kopf vorsichtig nach außen zu ziehen und das Maul zu öffnen, doch dies glückt nur ein einziges Mal. Bei einer schon bald folgenden zweiten Handlung dieser Art sind Sternschildkröten äußerst wachsam und schreckhaft, und ziehen schon beim Versuch der Annäherung der menschlichen Hand Kopf und Arme so fest ein, dass eine Vorverlagerung des Kopfes für geraume Zeit aufgegeben werden muss, um nicht eine unter Umständen folgenschwere Verletzung des betreffenden Tieres zu riskieren.

Viele Tierärzte empfehlen bei einem erfolgten Nachweis von Parasiten im Verdauungstrakt von Landschildkröten (Einzeller, Oxyuren) eine zwei- bis dreimalige orale Medikamentenverabreichung im wöchentlichen Abstand, einige sogar im täglichen Abstand, dann aber in geringerer Dosierung  -  wobei die letztgenannte Behandlung allerdings im hohen Maße stresserzeugend für die Tiere ist. Zwar gibt es auch injizierbare Medikamente wie z.B. Citarin, doch die derzeit zur Verfügung stehende Konzentration dieses Medikamentes ist für Schildkröten ungünstig. Außerdem ist es für den Behandlungserfolg besser und verspricht weniger Nebenwirkungen, wenn das Präparat direkt in den Magen verbracht wird.

Eine ebenfalls mögliche Medikamentenverabreichung über das Futter wird von den meisten Tierärzten als zu ungenau abgelehnt.
Diese Methode scheidet natürlich ohnehin dann aus, wenn die zu behandelnden Schildkröten gar nicht mehr oder nur noch wenig Nahrung aufnehmen.

 

GriffkleinBild 1: Demonstration an einer geschnitzten afrikanischen Landschildkröte: Wer etwas dickere Finger hat, tut sich vor allem bei Jungtieren schwer, den Kopf auf Anhieb zu fixieren. Erfolgreich war bei mir folgendes Vorgehen: man hält die Schildkröte mit der linken Hand und fasst zunächst mit einem schnellen senkrechten Griff mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand den Kopf so, dass der Daumen oben und der Zeigefinger unter dem Kopf zu liegen kommt. Da man den Kopf in dieser Griffhaltung nicht vernünftig vorziehen kann, muss nun mit Daumen und Zeigefinger der anderen Hand seitlich hinter dem Kiefergelenk nachgefasst werden. Genau dieser Moment ist in diesem Bild festgehalten. Bei älteren und größeren und damit schwereren Schildkröten ist es hilfreich, wenn eine zweite Person das Tier festhält.

 

Ich habe es bei meinen adulten Sternschildkröten trotzdem versucht: Was kann der Halter auch machen, wenn - in kürzeren Abständen - einige Male behandelt werden muss und er selbst – oder der eingeschaltete Tierarzt – den Kopf bei kräftigen Tieren nicht zu fassen bekommt? Die zu behandelnden Schildkröten jedes Mal für die Medikamentengabe in Narkose zu legen, unter Umständen auch noch unter vorsorglicher Sauerstoffversorgung, ist nicht nur eine teure Prozedur, sondern für die Tiere auch nicht ohne Risiko. Aus diesem Grund schied das Narkose-Verfahren für mich aus.

Parasiten trotz Behandlung
Von meinen beiden Sternschildkröten Suraj (weiblich, ca. 10 Jahre, ca. 1,3 kg) und Tamu (männlich, ca. 7 Jahre, ca. 410 g, Bild 2) ließ ich frischen Kot von Tamu, wie auch schon im Jahr davor, im Verlauf des Jahres 2011 mehrmals in einer größeren Tierklinik im Raum Augsburg auf Darmparasiten untersuchen. Im Mai 2011 wurden zwar keine Würmer, aber Flagellaten in einer Befallsstärke von 3+ (= starker Befall) nachgewiesen. Meine Tierärztin verabreichte daraufhin oral einmalig 250 mg Metronidazol je kg Körpergewicht bei allen im gleichen Gehege lebenden Tieren.

Bei der Kontrolluntersuchung einer Kotprobe von Tamu zwei Monate später waren zwar keine Flagellaten mehr nachweisbar, dafür aber überraschenderweise viele Oxyuren (3+). Zur Absicherung ließ ich 14 Tage später noch eine weitere Kotprobe von Tamu untersuchen: Wieder war das Ergebnis (erwartungsgemäß, da keine Medikamentenbehandlung erfolgte) Oxyuren 3+; außerdem wurde auch noch ein geringer Flagellatenbefall (1+) festgestellt.

Da ich den wechselnden Befall von Oxyuren und Flagellaten trotz entsprechender tierärztlicher oraler Medikamentenverabreichung auch im Jahr 2011 regelrecht „durchlitt“, wagte ich nunmehr den Weg der Medikamentenverabreichung über das Futter, zumal meine Sternschildkröten trotz ihrer Parasitenprobleme gute Fresser waren und es auch heute immer noch sind.

 

Tamuklein2012

Bild 2: Dies ist Tamu, mein Sternschildkröten-Männchen, bei dem in den Jahren 2011/2012 immer wieder wechselweise und sogar gleichzeitig Flagellaten und Oxyuren im Kot nachweisbar waren. Muss man ein offensichtlich vitales und gut fressendes Tier überhaupt zwangsläufig gegen Darmparasiten behandeln? Beide Fotos stammen vom Autor.

 

Durchführung
Wichtig bei dieser Art der Behandlung ist nach meiner Meinung, dass die angefeuchtete Grünfutterportion vor der Verfütterung sehr klein geschnitten wird, damit die zu verabreichende Medikamentenmenge (Pulver) möglichst gleichmäßig auf die gesamte Futteroberfläche verteilt werden kann. Selbstverständlich darf es im Futter weder zu einer lokalen Medikamentenanhäufung noch dazu kommen, dass ein Teil des Futters ganz ohne Medikament bleibt. In einer kleinen Plastikschüssel wurde das so präparierte Futter deshalb gründlich durchmischt und zur „Geschmacksneutralisierung“ zusätzlich mit fein gehacktem Agrobs-Trockenwiesengrün und einer Kalk-Vitaminmischung bestreut; dies sind meine Tiere seit Jahren gewöhnt. Vor jeder Medizinalfutter-Verabreichung erhielten sie zwei Tage lang kein Futter, so dass sie sich jedes Mal regelrecht heißhungrig auf das angebotene Medizinalfutter stürzten.

Ich entschied mich für die Bekämpfung der Darmwürmer mit Panacur über das Futter zunächst für eine Dosierung von knapp 1/2 Tablette je kg Körpergewicht. Nur beim ersten Mal dosierte ich lediglich 1/3 Tablette / kg KG, um die Verträglichkeit zu überprüfen.

Wenn beispielsweise das Gesamtgewicht aller im Gehege befindlichen Sternschildkröten 5 kg beträgt, wären etwa 2 ½ Tabletten mit einem Mörser möglichst fein zu zerreiben. Eine ausreichende Zerkleinerung gelingt übrigens auch, wenn die Tabletten zwischen Zeitungspapier gelegt und mit einem Hammer gründlich zerklopft werden. Je feiner das Pulver gemahlen ist, desto besser und gleichmäßiger lässt es sich auf das Futter verteilen.

Die drei Oxyuren-Bekämpfungsmaßnahmen erfolgten jeweils in Abständen von zwei Wochen. Das Futter mit dem pulverisierten Medikament wurde dabei restlos innerhalb von etwa 15-20 Minuten gefressen. Ich habe während der Fütterung stets darauf geachtet, dass kein Tier von einem anderen vom Futter abgedrängt wurde.

Ausgeschiedener Kot wurde in den Tagen danach sofort aus dem Gehege entfernt. Hierzu ist anzumerken, dass Sternschildkröten gerne Kot fressen; es ist bei meiner Tiergruppe durchaus keine Seltenheit, dass ich zwei oder gar drei Wochen lang keinen frischen Kot im Sternschildkröten-Gehege sehe.

Etwa einen Monat nach der letzten Panacur-Medizinalfütterung schickte ich eine neue Kotprobe von Tamu an die Tierklinik. Ergebnis: keine Oxyuren, aber die Flagellaten-Befallstärke war nunmehr zu meinem Bedauern von 1+ bei der letzten Untersuchung (siehe oben) auf jetzt 3+ (= starker Befall) angestiegen.

Folglich musste ich nach einer Behandlungspause von vier Wochen noch eine dreistufige Behandlung in ein- bis zweiwöchentlichen Abständen zur Bekämpfung der Einzeller anschließen. Verwendet wurde der Wirkstoff Metronidazol, und zwar in einer Dosierung von 230 mg je kg Körpergewicht. Die Vorgehensweise erfolgte analog zur vorausgegangenen Oxyurenbekämpfung (d.h. klein geschnittenes, frisches und angefeuchtetes Grünfutter, Zerkleinern der jeweils benötigten Tablettenmenge, zweitägige Hungerpause vor jeder Verfütterung des Medizinalfutters). Während der gesamten Dauer der Metronidazol-Behandlung wurde außerdem gemäß einem früheren Vorschlag von H.-J. Bidmon (Bidmon, 2002) das Substrat im Gehege zur Eindämmung der Ausbreitung von mit dem Kot ausgeschiedenen Flagellaten täglich mit Wasser besprüht, in das ich Metronidazol-Tabletten auflöste, deren Verfallsdatum schon überschritten war. Da ich noch genügend davon besaß, löste ich eine zerkleinerte Tablette für den Inhalt meines Blumen-Pumpsprühers (ca. 1,5 l Inhalt) auf und besprühte damit die Gehegefläche täglich und gründlich.

Nun wurde es spannend und es sollte sich herausstellen, ob die Medizinalfutter-Verabreichung erfolgreich war oder nicht. Nachdem ich von Tamu keinen Kot fand und das Sternschildkröten-Männchen auch beim Bad keinen Kot absetzte, schickte ich am 8. Dezember 2012 eine Kotprobe von Suraj zur Untersuchung ein. Erfreuliches Ergebnis: negativ, es waren weder Flagellaten noch Oxyuren zu finden.

Eine Woche später beobachtete ich doch noch zufällig eine Kotabgabe von Tamu und schickte auch davon eine Probe an die Untersuchungsstelle. Das Ergebnis war auch hier: keine Flagellaten und keine Oxyuren.

Sechs Wochen später, Anfang Februar 2012, gab ich nochmals die Untersuchung von frischem Kot von Tamu in Auftrag. Auch jetzt, immerhin zwei Monate nach Abschluss der Flagellatenbekämpfung, war das Ergebnis unverändert: nach wie vor waren keine Flagellaten und keine Oxyuren nachweisbar.

Ich hoffe, dass dieser Zustand durch Vergrößerung des Anteils an getrocknetem Wiesengrün im Futter und, gerade jetzt im Frühjahr, durch Zugabe des wurmtreibenden Bärlauchs (Köhler, 2008) möglichst lange anhält.

Die Tiere haben übrigens beide Behandlungszyklen nach meiner Beobachtung sehr gut vertragen und in diesem Zeitraum sogar an Gewicht zugenommen. Ihr normales Futter haben sie schon am Tag nach der Aufnahme der mit dem Medikament versetzten Futterration restlos aufgefressen.

Hinweis: Behandlung überhaupt notwendig?
Die entscheidende Frage, ob die Behandlung von Landschildkröten bei einem Befall mit Flagellaten und/oder Oxyuren überhaupt immer dringend notwendig ist, vor allem wenn die Tiere keine auffälligen Befallssymptome zeigen (Bild 2), und ob Panacur von den verschiedenen Schildkrötenarten stets anstandslos vertragen wird, soll hier nicht behandelt werden, wird uns aber auf dieser Schildkröten-Website noch eingehend beschäftigen.


Literatur

Bidmon Hans-J. (2002): Die Indische Sternschildkröte – Teil 4: Schlupf, Aufzucht und Krankheiten. Reptilia Nr. 35, Jahrgang 7 (3), Juni/Juli, S.56-63
Köhler Horst (2008): Aufzucht europäischer Landschildkröten-Babys. Schildi-Verlag Augsburg, ISBN 978-3-00-02839-0

 

Dieser Beitrag wurde am 21. März 2012 online gestellt

Zum abrupten Ende eines Schutzprojektes auf der Seychellen-Insel Silhouette

von Horst Köhler, Friedberg


Der 6. Dezember 2006 war ein großer Tag für den Riesenschildkrötenschutz auf den Seychellen, speziell für den auf der Insel Silhouette. Silhouette ist die etwa 20 qkm große Nachbarinsel nordwestlich von Mahé und die drittgrößte aller Seychellen-Inseln. Denn an diesem Tag wurden fünf adulte Arnoldi-Riesenschildkröten Dipsochelys arnoldi von ihren bisherigen Gehegen in dem kleinen Dorf La Passe auf Silhouette nach einstündiger Bootsfahrt entlang der Insel in der weitgehend unzugänglichen Region Grande Barbe an der Südwestküste in die freie Wildnis entlassen. Grande Barbe liegt auf der anderen Seite von La Passe und lässt sich auch heute nur über das Meer erreichen. Das Vorhaben bedeutete die erste Auswilderung von Riesenschildkröten auf einer der zentralen granitischen Seychellen-Inseln, auf denen der natürliche Wildtierbestand schon Mitte des 19. Jahrhunderts zusammengebrochen war. Nur Dipsochelys dussumieri, die Aldabra-Riesenschildkröte, konnte auf ihrer unbewohnten, unwirtlichen und isolierten Koralleninsel Aldabra überleben, weil dort früher keine Walfangschiffe und auch heute noch keine größeren Touristen-Schiffe anlegen können. Wie die Art Dipsochelys hololissa galt auch D. arnoldi in der Wildnis lange Zeit als ausgestorben. Mit einigen im Jahr 1995 zufällig bei Privathaltern entdeckten Exemplaren begann dann jedoch ein erfolgreiches Rettungsprogramm dieser beiden Arten.

Die in Grande Barbe frei gelassene Tiergruppe bestand aus den drei Männchen Hector, Stan und Adria und den beiden Weibchen Clio und Alida, die mit weiteren Zuchttieren in den Jahren zuvor in der Zuchtstation in La Passe für viel Nachkommen gesorgt hatten (Bild 1 und 2). Vier der Tiere trugen Mess-Sensoren zur Erfassung der jeweils zurückgelegten Laufstrecken sowie für Licht und Temperatur; allerdings fielen bei drei Schildkröten die Sensoren wegen mangelhafter Klebeverbindung leider schon kurze Zeit später wieder ab.
Interessant ist, dass sich die fünf Schildkröten nie sehr weit vom Ort ihrer Freilassung entfernten und lediglich eine Fläche von insgesamt etwa einem Hektar beanspruchten. Nur eines der drei Männchen soll innerhalb des ersten Jahres seinen Standort um 200 m geändert haben.

GerlachBild1kleinBild 1: Eine eher selten zu sehende Aufnahme: Schlüpfling von Dipsochelys arnoldi aus dem Jahr 2005 mit dem Rest des Geleges. Rechts unten am Bildrand ist ein weiteres Ei mit einem noch in ihm sitzenden Schlüpfling zu erkennen. Die kreisrunden Eier, 48 - 55 mm im Durchmesser und 60 - 70 g schwer, werden in angefeuchtetem Vermiculit in zwei Brutschränken bei unterschiedlichen Temperaturen ausgebrütet, die Weibchen bei 30 °C. Die Zeitigungsdauer der Eier beträgt je nach Temperatur 40 bis 60 Tage.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

GerlachBild2kleinBild 2: Aufzuchtbereich der Schutzorganisation im Dorf La Passe auf Silhouette mit Jungtieren der Arnoldi-Riesenschildkröte. Um die erforderlichen Mittel zum Betrieb der Station zu generieren, konnten hier Tier-Patenschaften für juvenile Riesenschildkröten zum Preis von umgerechnet etwa 300 Euro abgeschlossen werden. Die Tiere verblieben natürlich in der Station.



 


 

 

 

 

 

 

Um zu verstehen, was passiert ist, muss auf die beteiligten Organisationen eingegangen werden. Zuständig für alles, was auf einer Seychellen-Insel geschieht oder verändert wird, ist naturgemäß die Regierung der Seychellen, genauer gesagt die dafür eingerichtete Insel-Entwicklungsgesellschaft (Island Development Company, IDC). Um gegenüber dieser Behörde für die Belange des Naturschutzes auf der Insel Silhouette eintreten zu können, gründete sich im Jahr 1992 eine Freiwilligengruppe um den anerkannten Riesenschildkrötenexperten Ron Gerlach (geboren 1938) und seinen Sohn Justin (geboren 1970) unter dem Namen Nature Protection Trust of Seychelles (NPTS). Der NPTS erhielt als zivile, nicht-kommerzielle Naturschutzorganisation von der IDC die Erlaubnis, für den Erhalt der noch naturbelassenen Gebiete auf der Insel und für die Wiederansiedlung der quasi ausgerottenen Riesenschildkröten (neben Dipsochelys arnoldi auch D. hololissa) zu sorgen. So errichtete der NPTS 1997 auf Silhouette bei La Passe ein eigenes Verwaltungsgebäude (Bild 3) sowie Hälterungsgehege und Aufzuchtstationen (Bild 2), auch für seltene Pelomedusen-Süßwasserschildkröten. Noch im gleichen Jahr wurden die Gehege mit sechs erworbenen D. hololissa und einem Paar D. arnoldi von den Inseln Mahé und Praslin besetzt; später kamen noch weitere Tiere beider Arten hinzu.
Allein zwischen 2002 und 2006 wurden in der NPTS-Station rund 140 junge D. arnoldi erfolgreich aufgezogen (Bild 1 und 2), so dass die Idee entstand, einige der Zuchttiere, die in La Passe nicht mehr unbedingt benötigt wurden, wie oben erwähnt bei Grande Barbe auszusetzen.

NPTS_information_centerkleinBild 3: Nunmehr verlassenes und ungenütztes Büro- und Informationszentrum des NPTS auf Silhouette, das die Naturschutzorganisation NPTS von Vater und Sohn Gerlach auf eigene Kosten errichtete, ebenso wie die Schildkrötengehege (Schildkröten-Gehegefläche insgesamt etwa 2.000 m2). Der NPTS liegt jetzt im Streit mit der Insel-Entwicklungsgesellschaft um finanzielle Entschädigung.

 

 


 

 

 

Zur Verstärkung der ausgewilderten Fünfer-Gruppe sollten dann noch mehrere fünf- bis sechsjährige, d.h.etwa 15 kg schwere Schildkröten der gleichen Art aus dem NPTS-Zuchtprogramm folgen. Maximal ungefähr 100 Tiere außerhalb von Gehegen sollten für eine sichere Zuchtpopulation in Freiheit ausreichend sein, so die Biologen und Herpetologen vom NPTS. Silhouette selbst würde, aus der Individuenzahl von Aldabra heruntergerechnet, maximal sogar bis zu 5.000 Riesenschildkröten vertragen.

Doch es kam leider ganz anders. Das endgültige Auswilderungskonzept des NPTS für die Jungtiere war 2009 fertig und wurde absprachegemäß den zuständigen staatlichen Stellen zur Genehmigung vorgelegt. Nach längerer Bearbeitungszeit sprachen sich zwar die Naturschutzexperten der Seychellen für das Vorhaben aus, doch die zuständige Leitung der IDC lehnte es, völlig unerwartet, im Herbst 2010 ab. Doch das war noch nicht alles an schlechten Nachrichten: Wenig später erhielten die Mitarbeiter um Justin und Ron Gerlach sogar noch einen strikten Räumungsbefehl. Der NPTS müsse bis Ende Dezember 2010 die Insel Silhouette, gerade erst im August 2010 offizieller Nationalpark geworden, mit allen Schildkröten verlassen. Alle sofort eingesetzten Versuche, die Regierung umzustimmen, schlugen fehl, nur der Räumungstermin wurde um einige Wochen verschoben.
Die tatsächliche Räumung des NPTS-Geländes erfolgte dann im Mai 2011. Alle in den NPTS-Gehegen in La Passe gehaltenen Zuchttiere sowie die juvenilen und sub-juvenilen Nachzuchten wurden auf die Seychellen-Inseln North, Frégate und Cousine umgesiedelt. Einer der dabei auftretenden Nachteile: Diese Tiere mussten zwangsläufig mit Riesenschildkröten des Albabra-Morphotyps vergesellschaftet werden, was man eigentlich mit dem ehrgeizgien Silhouette-Schutzprogramm verhindern wollte.
Die Bilder 4 und 5 zeigen die Riesenschildkröten D. arnoldi und D. dussumieri im Vergleich.


GerlachBild4kleinBild 4: Eindrucksvolle Arnoldi-Riesenschildkröte (Dipsochelys arnoldi) in der NTPS-Anlage La Passe auf Silhouette. Heute befindet sich auch dieses Tier leider nicht mehr auf dieser Insel. Kennzeichnend für diese Schildkrötenart ist unter anderem ein flacher, sattelförmiger und eher länglicher Rückenpanzer, der die Nahrungsaufnahme auch von etwas höheren Büschen und niedrigen Bäumen ermöglicht (engl. "browsing"). Außerdem ist das 3. Wirbelschild (Vertebrale oder Centrale) kürzer als das zweite; das 1. Rippenschild (Costale oder Pleurale) ist länger als das zweite.

SilhouetteBild5kleinBild 5: Eine Aldabra-Riesenschildkröte Dipsochelys dussumieri in ähnlicher Haltung fotografiert wie die Arnoldi-Schildkröte in Bild 4. Der Rückenpanzer ist kuppelförmig, ideal zum Durchstreifen und Fressen von niedrig wachsenden Gräsern, Kräutern und niedrigen Büschen geeignet (engl. "grazing"). Das hintere Ende des Carapax ist etwas breiter als das vordere. Weitere Kennzeichen der Art: die Wirbelschilde haben etwas hochstehende Mittelpunkte, wobei der zweite oder dritte Wirbelschild den höchsten Punkt des Panzers bildet. Der Vertebrale 1 und 5 fallen seitlich sehr steil ab. Bild 1 bis 4 mit freundlicher Genehmigung von Justin Gerlach, Bild 5 stammt vom Autor.




Die fünf Riesenschildkröten bei Grande Barbe sind aktuell (Ende Januar 2012) immer noch dort, wo sie Ende 2006 ausgesetzt wurden. Wie Justin Gerlach dem Autor dieses Beitrages auf Anfrage mitteilte, hat der NPTS alle fünf Schildkröten mangels einer besseren Lösung einem seiner Mitglieder vermacht, der auf der Insel Mahé ein großes Grundstück besitzt, darauf ein naturnahes Habitat errichtete und sich bereit erklärt hat, die Arbeit mit den Tieren im Sinne des NPTS weiterzuführen. Gegenwärtig organisiert diese Person den Abtransport der fünf Schildkröten per Schiff nach Mahé.

Die Befürworter und vor allem auch die privaten Förderer und Geldgeber des nunmehr beendeten Riesenschildkröten-Schutzprojektes Silhouette kritisieren das unverständliche und harte Vorgehen der Regierung der Seychellen und werfen ihr mangelndes Interesse am Schutz der Riesenschildkröten vor. Sie befürchten, dass fast 14 Jahre Explorations- und andere Arbeit umsonst geleistet und über 100.000 Britische Pfund (ca. 125.000 Euro) an Geldern, größtenteils zweckgebundene Spenden*), ausgegeben wurden, die anderswo vielleicht genauso dringend benötigt worden wären. Es befremdet schon sehr, dass erst die Zusammenarbeit mit dem NPTS gesucht wurde, dann Silhouette noch den Status eines Nationalparks erhielt – zum Schluss aber der Räumungsbefehl ausgesprochen wurde.

Über die möglichen Motive der Haltung der Inselregierung kann man als Außenstehender nur spekulieren. Vermutlich wollte man den Tourismus auf der Insel voranbringen und das vorhandene Geld dafür verwenden. Da hätten die Riesenschildkröten vielleicht gestört.
Fakt ist aber auch, dass die Reproduktionsrate nicht nur bei den fünf im Dezember 2006 ausgewilderten adulten Dipsochelys arnoldi, sondern auch bei den Weibchen in der NPTS-Zuchtstation bei La Passe in den letzten Jahren sehr niedrig geworden war, vielleicht zu niedrig aus der Sicht der Seychellen-Regierung. Der Hauptgrund dafür ist sicher in der zunehmenden Bautätigkeit auf der Insel Silhouette zu sehen, die zu einer verminderten Fruchtbarkeit der Schildkröten geführt hat. Als Nachfolger eines im Jahr 2005 geschlossenen alten, kleinen 12-Zimmer-Inselhotels wurde nämlich nach zweijähriger Bauzeit im Jahr 2007 das moderne und große 100-Zimmer-Hotel Labriz eröffnet, das dann anschließend nur wenige Meter gegenüber, auf der anderen Straßenseite der NPTS-Schildkrötenstation, bis 2009 auch noch kleinere Apartmenthäuser errichten ließ. All dies bedeutete für die Tiere auf der Insel über vier Jahre lang Stress durch den Baulärm und die Erschütterungen, durch die hin- und herfahrenden Baufahrzeuge, die Entsorgung der Essensabfälle der Bauarbeiter im Wald und – nach der Inbetriebnahme – durch die nächtliche Beleuchtung.

Zu allem Überfluss sollte dann vor der Insel-Entwicklungsgesellschaft IDC auch noch eine die Insel durchquerende, von La Passe ausgehende Straße gebaut werden, um ein bei Grande Barbe geplantes weiteres größeres Hotel per Fahrzeug erreichen zu können. Gegen diesen Straßenbauplan konnte der NPTS jedoch erfolgreich ankämpfen: Die Regierung der Seychellen lehnte den Bauantrag zwar ab, womit ein weiterer Hotelbau und auch der Straßenbau ad acta gelegt werden konnte, doch seitdem ist das Verhältnis zwischen dem NPTS und der IDC stark belastet.

Justin Gerlach nimmt an (pers. Mitt.), dass der Chef der Insel-Entwicklungsgesellschaft die treibende Kraft für den kategorischen Räumungsbefehl war, denn dieser verlor wahrscheinlich durch die Nichtrealisierung von Straße und Hotel nicht nur an Reputation, sondern auch die entsprechend lukrativen Baukontrakte. Die Regierung der Seychellen konnte sich offenbar deswegen gegen die IDC-Spitze nicht durchsetzen, da dessen Chef der Stiefsohn des Präsidenten der Regierungspartei und somit viel einflussreicher als jedes Regierungsmitglied ist…

Möglicherweise war also die Seychellen-Insel Silhouette, im Nachhinein betrachtet, doch nicht das ideale Areal für die Auswilderung von selten gewordenen Riesenschildkröten, aber der Tourismus hat auf den Seychellen offensichtlich einen höheren Stellenwert als der Natur- und Artenschutz und erst Recht als die Auswilderung von immer noch gefährdeten Riesenschildkröten-Arten.

Da sind gewisse Parallelen zu der großen Riesenschildkröten-Herde Dipsochelys dussumieri auf der bei Sansibar im Indischen Ozean gelegenen kleinen Koralleninsel Changuu Island nicht zu übersehen: Wenngleich es sich dort nicht um ein ausgesprochenes Schutzprojekt handelt, hat das (allerdings bislang nicht funktionierende) Hotel-Business klar Vorrang vor den Schildkröten. Dabei stellen die Riesenschildkröten die seit Jahren einzige sichere Einnahmequelle auf Changuu Island dar, nicht zuletzt dank großzügiger Spenden vieler internationaler Besucher.

Literatur:
Gerlach Justin (2004): Giant Tortoises of the Indian Ocean. 208 Seiten. Edition Chimaira, ISBN 3-930612-63-1
Gerlach Justin (Internet, ohne Datum): Release of Arnold`’s giant tortoises Dipsochelys arnoldi on Silhouette Island, Seychelles
Pawlowski Sascha und Krämer Christine (2010): Besuch der NPTS Land- und Süßwasserschildkröten-Zuchtstation auf der Insel Silhouette, Seychellen. RADIATA 19 (3), S. 12-22
Gerlach Justin (2011): Das Ende eines Schutzprojektes für Seychellen-Riesenschildkröten. RADIATA 20 (4), S. 22-29
Gerlach Justin (2012): pers. Mitteilung an den Autor, 13. Januar

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*) Das Silhouette-Riesenschildkröten-Schutzvorhaben war eines von zwei zu Auswahl stehenden förderungswürdigen Projekten, das der Autor dieses Beitrages mit einer Spende aus den Einnahmen des Verkaufs seines Buches „Aufzucht europäischer Landschildkröten-Babys“ unterstützen wollte. Da der vorgesehene größere Betrag jedoch noch nicht zusammen ist, war das Geld noch nicht ausbezahlt worden – zum Glück? Es soll einem anderen Riesenschildkröten-Schutzprojekt zugutekommen.

 

Dieser Beitrag wurde am 27. Januar 2012 online gestellt.

Text und Fotos von Ricarda Schramm

Einleitung
Im Sommer 2011 mussten sich durch unseren Umzug in eine völlig andere Gegend auch meine Schildkröten, die natürlich ebenfalls mit umzogen, an andere Gegebenheiten gewöhnen. Vorher hatte der Garten eine Ausrichtung fast voll nach Westen, so dass die dort befindlichen Schildkröten-Gehege und -Schutzhäuser selbst im Hochsommer erst am späten Vormittag von der Sonne erreicht wurden – im zeitigen Frühjahr und im Herbst noch später, zumal eine große Scheune Schatten warf.
Mit diesen Gegebenheiten war ich natürlich nicht sehr glücklich, konnte sie aber nicht ändern. Bei der Suche nach einem neuen Standort, einem neuen Haus, achtete ich diesmal darauf, dass die Lage des Gartens für meine Schützlinge mehr Sonneneinstrahlung ermöglichte.

Der neue Standort liegt nun zwar auf ca. 650 m ü. NN. und zeigt naturgemäß meist ein raueres Klima mit etwas niedrigeren Durchschnittstemperaturen als der vorherige auf 123 m ü. NN. Dafür liegt unser neuer Garten nun an einem Südhang, Ausrichtung voll nach Süden. Von morgens bis abends können die Schildkröten die Sonne genießen. Bei Inversions-Wetterlagen, wie sie im Herbst häufiger auftreten, herrschen in höheren Lagen sogar mildere Temperaturen als in tieferen. Hinzu kommt, dass die Licht- und UV-Intensität mit der Höhe zunimmt, wie wir von vielen Bergurlauben wissen.
Beide Wohnorte liegen in Mittelhessen, sind also eher weniger von der Sonne verwöhnt als der gemäßigte Süden Deutschlands.

Zunächst musste vor dem geplanten Umzug durch den Bau eines neuen Schildkröten-Schutzhauses (Bild 1) für eine Unterkunft der Tiere gesorgt werden. Dieses wurde in Anbetracht der zu erwartenden klimatischen Bedingungen, der höheren Schneelasten und des höheren Winddrucks gleich mit stärkeren Stütz- und Tragebalken versehen und wesentlich stärker gedämmt. Vier große Alltop-Scheiben im Dach (H 150 x B 120 cm) sorgen für optimalen Lichteinfall, zusätzlich befinden sich noch je zwei Scheiben in der vorderen und hinteren Giebelwand. Die Materialkosten beliefen sich auf etwa 2.500 Euro, davon entfielen allein 600 Euro auf die Alltop-Scheiben im Dach.

SchrammBild1Bild 1: Das Bild zeigt mein neues Schildkrötenhaus mit insgesamt 12 cm Dämmung (8 cm innen und 4 cm außen), wie es noch im Bau war. Es bedeckt eine Fläche von 4 x 4 m. Die seitliche Höhe beträgt 1,30 m und die Firsthöhe 2 m. An unserem früheren Wohnort hatte ich drei Schildkröten-Schutzhäuser, jetzt nur noch eines, das dafür größer ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veränderte Lage und das Verhalten der Schildkröten
Sicher ist der Herbst 2011 mit seinen ungewöhnlich milden Temperaturen bis in den Dezember (zumindest bei uns) wohl nicht repräsentativ; genauere Resultate werden also erst weitere Beobachtungen in den nächsten Jahren zeigen. Allerdings wurde doch eines im Vergleich schon sehr deutlich: Vorher musste ich durch sehr starke HQI-Lampen und Heizen in den Schutzhäusern, mehr oder weniger erfolgreich, versuchen, die Aktivitätsphase meiner Schildkröten bis Anfang November zu verlängern, damit sie nicht zu früh mit der Winterstarre begannen (ich habe den Eindruck, dass viele Schildkrötenhalter ihren Tieren eine zu lange Winterstarre zumuten). Das Gleiche galt für die Aufwachphase im zeitigen Frühjahr. Hier spielt eine hohe Lichtintensität neben Wärme beim Erwachen eine wichtige Rolle, damit der Stoffwechsel der Schildkröten schnell wieder auf Touren kommt.

Am neuen Standort nun konnte ich im Herbst ganz auf zusätzliches künstliches Licht und vielfach auch auf Zuschalten der Wärmelampen verzichten, denn auch eine geringere Sonneneinstrahlung bei leicht bedecktem Himmel genügte, um die Temperatur im Schutzhaus auf angenehme Werte ansteigen zu lassen und für helles Licht zu sorgen. Die Schildkröten blieben bis Anfang Dezember aktiv, nahmen noch etwas Futter auf und sonnten sich ausgiebig (Bild 2). Danach deckten wir die Dachfenster ab, damit die Schildkröten sich bei niedrigeren Temperaturen in die Überwinterungsgruben unter den Schlafhäusern zurückziehen konnten.
Erste Erfahrungen mit der Aufwachphase werde ich erst in einigen Wochen sammeln können.

Erwartungsgemäß waren meine Tiere nach dem Einsetzen in ihr neues Zuhause in den ersten Wochen sehr scheu, was sich aber nach zwei Monaten legte. Wie die Weibchen auf die neue Umgebung und die veränderten Orientierungspunkte und Eiablageplätze im Gelände reagieren werden, wird sich im Frühjahr 20212 zeigen.

SchrammBild2Bild 2: Drei meiner Landschildkröten beim Sonnenbad im November 2011. Aktuell pflege ich außer meinen Nachzuchten aus 2011 folgende Schildkröten: 2,6 Testudo hermanni hercegovinensis, 1,2 Testudo hermanni hermanni Lokalform Kalabrien, 1,4 Thh aus der Toskana und 8 juvenile Thh aus Sizilien.





 

 

 

 

 

Fazit
Diese unterschiedlichen Beobachtungen des Verhaltens an zwei verschiedenen Standorten zeigen, wie wichtig in unseren klimatischen Breiten, abgesehen von der Wärme, die Lichtintensität und -qualität für die Aktivitätsphase der Schildkröten ist. Eine höhere Lichtintensität ermöglicht es, die Haltungsbedingungen mehr den Gegebenheiten in den natürlichen Verbreitungsgebieten anzunähern, was ja unser Ziel sein sollte. Durch höhere Lichtintensität kann der Halter erreichen, dass sich die Aktivitätsphase der Schildkröten verlängert und damit die Dauer der Winterstarre nicht unnatürlich in die Länge gezogen wird.

Natürlich spielt daneben auch die Temperatur eine Rolle, die ebenfalls durch Wärmelampen an die natürlichen Bedingungen angepasst werden muss. Hier hilft ein Blick auf aktuelle Wetterdaten aus den Verbreitungsgebieten.
In letzter Zeit liefern auch Beobachtungen und Temperatur-Messungen im Freiland genauere Aufschlüsse über den natürlichen Ablauf und die Dauer der Winterstarre (z.B. Ivanchev 2007, Wirth 2012).

Immer wieder wird in Diskussionen unter Schildkrötenhaltern über ganz unterschiedliche Erfahrungen mit dem zeitlichen Beginn der Winterstarre und deren Dauer berichtet. Vielleicht sind mögliche Gründe darin zu sehen, dass es sich immer um ganz verschiedene Standorte, Ausrichtungen der Gehege, Ausstattungen der Schutzhäuser und damit der Licht- und Wärmeverhältnisse handelt.

Literatur
Ivanchev, I. E. (2007): Überwinterung von Testudo hermanni und Testudo graeca in der Natur und unter sehr naturnahen Bedingungen in Bulgarien. Schildkröten-im-Fokus 4 (2), S. 3-21
Vinke, T. u. Vinke, S. (2006): Nach der Winterstarre ist vor der Winterstarre. In: Daubner, M. u. Vinke, T. (Hrsg.): Schildkröten-im-Fokus, Sonderband
Wirth, M. (2012): Europäische Landschildkröten im Winter. Elaphe-Terraria 1/2012, S. 76-83

 

Dieser Beitrag wurde am 20. Januar 2012 online gestellt.