von Anne Flörchinger
Schildkrötenfarm Speyer


Die Winterruhe ist für mediterrane Landschildkröten lebenswichtig. Die Tiere haben in dieser Zeit die Möglichkeit, ihren Stoffwechsel auf ein Minimum herunterzufahren und halten so den natürlichen Jahresrhythmus wie in der Natur ein. Mit der Winterruhe werden Krankheiten und ein unnatürliches Größenwachstum vermieden.
 
Wie bereite ich mein Tier auf die Winterruhe vor?
Im Herbst vor der Winterruhe sollte bei Ihren Schildkröten der Kot auf Darmparasiten und Wurmeier untersucht werden. Diese Untersuchung ist für Ihre Tiere lebensnotwendig, da sich die Schädlinge über die Winterruhe im Darm Ihrer Schildkröte vermehren und so erhebliche Schäden bis zum Tod des Tieres hervorrufen können. Geben Sie hierzu eine Kotprobe bei einem reptilienspezialisierten Tierarzt ab. Bei einem eventuellen Wurmbefall können Ihre Schildkröten dann noch rechtzeitig vor der Winterruhe entwurmt werden.
 
Landschildkröten, die bis zur Winterruhe im Freigehege gehalten werden, bereiten sich normalerweise durch die absinkenden Temperaturen und die kürzere Sonnenscheindauer selbst auf die Winterruhe vor.
Jungtiere, die in der Übergangszeit in einem Innengehege gehalten werden, müssen dagegen von ihrem Pfleger erst langsam auf die Winterruhe vorbereitet werden. Wie die Tabelle zeigt, beginnt diese Vorbereitung etwa vier Wochen vor dem geplanten Einwinterungstermin. Für Jungtiere und erst recht für Schlüpflinge im ersten Lebensjahr gilt außerdem eine kürzere Schlafensphase für die erste Winterruhe als bei adulten oder z.B. zweijährigen Tieren. Da unsere Behörde vor dem 7. Lebensmonat der Kleinen keine CITES-Papiere ausstellt und ich sie somit auch erst im Frühjahr nach dem Schlupf abgebe, sind die jungen Schildkröten vor ihrer ersten Winterruhe beim Käufer bereits etwa 14-16 Monate alt. Die Winterruhe in diesem Alter sollte dann ca. drei Monate betragen.

 

4 Wochen vor der Winterruhe  Falls Ihr Tier in der Übergangszeit im Terrarium lebt, Brenndauer der Wärmelampen langsam verringern. 
 2 Wochen vor der Winterruhe  Futterration langsam verkleinern. Brenndauer der Wärmelampen weiter absenken.
 1 Woche vor der Winterruhe    Die Landschildkröten nun ca. 20 Minuten im lauwarmen seichten Wasser baden.7 Tage vor der Winterruhe nicht mehr füttern.
Wärmelampen werden komplett ausgelassen.

 
Wann sollte ich meine Schildkröten auf keinen Fall einwintern?
Europäischen Landschildkröten sollten die Winterruhe nur aus wenigen Gründen verwehrt bleiben. Diese Gründe sollten nur zum Wohl des Tieres sein und nicht zum Wohl des Pflegers (Angst des Pflegers die Tiere einzuwintern, keine Möglichkeit 2-6°C zu erhalten).
 
Wenn Ihre Schildkröte während der Sommermonate nicht zugenommen oder gar abgenommen haben sollte, sollte ein reptilienspezialisierter Tierarzt es erst einmal eingehend untersuchen, um sicherzustellen, dass der Schildkröte nichts fehlt und sie den Winterschlaf auch unbeschadet überstehen kann.
Auch wenn Ihre Schildkröte im Spätherbst oder im frühen Winter noch immer an einer Krankheit leidet, sollte sie nicht in die Winterruhe gehen. In diesem Fall muss dem Tier ein beheiztes Innengehege zur Verfügung stehen, in dem es aufgepäppelt werden muss. Die Zuführung von Wärme sollten Sie jedoch in diesem Fall auf ca. 6 Stunden verkürzen, es sei denn, das Tier ist so krank, dass Wärme lebensnotwendig ist.
 
Nun geht es vorbereitet in die wohlverdiente Winterruhe
Ende Oktober bzw. Anfang November ist es dann soweit: die Landschildkröten können nun endlich in die wohlverdiente Winterruhe übergeben werden. Ob Ihr Tier (schon) für die Winterruhe bereit ist, merken Sie daran, dass die Schildkröten immer träger werden, kaum noch fressen und den Tag über viel schlafen. Diese Phase kann durchaus auch erst im Dezember eintreten. (Viele Züchter wintern ihre Schlüpflinge sogar erst Ende Dezember oder Anfang Januar ein, weil diese dann noch das eine oder andere Gramm zunehmen.)
Um eine Landschildkröte gut überwintern zu können, benötigen Sie einen Raum der konstant 2-8°C hat. Dies kann ein kühler Kellerraum (Bild 1), ein Luftschacht oder die Garage sein. Ist die Temperatur merklich höher, schläft die Schildkröte zwar weiter, gleichzeitig fährt diese aber auch ihren Kreislauf wieder hoch und es besteht die Gefahr des Verhungerns. Liegt die Temperatur unter 2°C, drohen dem Tier Frostschäden.




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Wichtig ist auch, dass die Winterkiste sicher vor jeglichen Fressfeinden, wie Mäusen oder Ratten aber auch Ameisen ist, um lebensbedrohliche Verletzungen während der Winterruhe zu vermeiden.



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Als Überwinterungskiste eignet sich am besten eine handelsübliche Plastikbox (keine durchsichtige Box) mit Deckel, die aber mit Luftlöchern versehen werden muss. Außerdem sollte der Deckel nur aufgelegt und nicht verschlossen werden. Die Kiste muss so groß sein, dass sich Ihre Schildkröte noch problemlos drehen kann. Diese Kiste wird dann am Boden mit zwei Lagen Zeitungspapier ausgelegt. Nun wird die Kiste zu 2/3 mit Stroh gefüllt (Bild 2). In dieses Stroh setzen Sie nun Ihre Schildkröte, die sich dann ganz von alleine eingraben wird. Wenn Sie sicher sind, dass Ihr Tier eingeschlafen ist, wird auf das Stroh 1/3 getrocknetes Laub (keine Eibe!!!) gefüllt (Bild 3). Verwenden Sie niemals feuchtes Laub, da sich hier noch Pilze ansiedeln können. Die Laubschicht wird dann ein Mal pro Woche mit einem Pflanzensprüher leicht angefeuchtet.



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Mindestens ein Mal pro Monat sollten Sie kurz in die Kiste schauen, um sicher zu sein, dass Ihre Schildkröten nicht aufgewacht sind. Gerade kranke Tiere kommen dann wieder an die Oberfläche. In diesem Fall sollte die Schildkröte eingehend untersucht werden.
Nehmen Sie Ihre Schildkröten während der Winterruhe nicht aus der Kiste heraus, dies stört sie nur in der Ruhephase.
 
Das Erwachen im Frühjahr
Die Landschildkröten erwachen meist mit dem Anstieg der Außentemperatur. Dies geschieht meist Ende März bis Mitte April (je nach Außentemperatur und Alter der Tiere). Die Tiere machen sich dann durch Kratzen an der Winterkiste bemerkbar.
Steht die Kiste in einem sehr kühlen Raum, stellen Sie diese bei zunehmender Außentemperatur zunächst an eine wärmere Stelle, um den Tieren das Wachwerden zu erleichtern. Lassen Sie Ihre Landschildkröten in Ruhe wach werden und baden Sie sie anschließend ein paar Mal, um die Verdauung und den Appetit anzuregen. Die Landschildkröte wird nun sehr ausgiebig trinken. Ihr Tier wird jedoch noch nicht sofort fressen. Bieten Sie ihr jedoch jeden Tag frisches Futter an, solange bis sie frisst. Dies kann bis zu einer Woche dauern.
 
Sollten Sie keine Möglichkeit haben, Ihre Schildkröte(n) artgerecht zu überwintern, können Sie gerne unseren kostenlosen Überwinterungsservice der Schildkrötenfarm Speyer nutzen.
Alle Fotos von der Autorin.
 
Dieser Artikel wurde am 1. Dezember 2008 online gestellt

von Horst Köhler, Friedberg


Der letzte Winter
Laut Aussage des Deutschen Wetterdienstes war das Jahr 2008 aus klimatischer Sicht ein eher durchschnittliches Jahr, wobei sich allerdings die Auswirkungen des Klimawandels bereits recht deutlich bemerkbar machten.
Schon Anfang Januar 2008, als sich unsere europäischen Schildkröten sich noch im tiefsten Winterschlaf befanden, beendeten Tiefausläufer die weihnachtliche Frostperiode und war es bei uns deutlich zu warm. Die Schneeglöckchen blühten mehrere Wochen früher als im langjährigen Schnitt. Der Februar war ebenfalls viel zu warm: am 24. Februar 2008 erreichten die Tagestemperaturen örtlich sogar die 20-Grad-Marke. Meteorologen bestätigten, dass die Wintertemperaturen 2007/08 insgesamt etwa 2 °C über dem langjährigen Durchschnittswert lagen. Wer seine Landschildkröten im Keller überwinterte, hatte in diesem Zeitraum selbst bei geöffneten Kellerfenstern Schwierigkeiten, die Raumtemperatur auf 10-12 °C zu halten. Außerdem war der Winter 2008/09 gegenüber den Langzeit-Vergleichswerten viel zu sonnig: der Sonnenscheindauer-Langzeitwert wurde nämlich um 90 % (!) überschritten: wer eine Fotovoltaikanlage auf seinem Hausdach betrieb, konnte sich freuen.
 Lufttemperatur
Ende Februar bis Ende Mai: Temperaturvergleich Antalya - Augsburg
Die zwischen dem 25. Februar und 29. Mai 2008 gemessenen Tages-Höchsttemperaturen für die Gegend um Augsburg (roter Kurvenzug) sind in der Grafik denen im türkischen Antalya als einem typischen Lebensraum diverser Unterarten der Maurischen Landschildkröte (Testudo graeca) aufgezeichneten Werten (blauer Kurvenzug) gegenüber gestellt. Im Zeitraum ab Mitte März bis Anfang April wachten unsere eingewinterten Schildkröten auf. So winterte ich meine ausgewachsenen Weibchen um den 20. März herum aus, die Männchen ein bis zwei Wochen später.
 
Der Temperaturverlauf für Antalya ist so, wie man sich dies für eine südeuropäische Region auch vorstellt, also mit relativ geringen Schwankungen stetig nach oben. Auch die Temperaturen für Augsburg erhöhten sich zwar mit der Zeit kontinuierlich, allerdings mit kräftigen Abweichungen sowohl nach oben als auch nach unten. Am 5. März betrug der maximale Unterschied zwischen den erreichten Tageshöchstwerten in Antalya und Augsburg 19 °C. Nach einem kurzzeitigen Anstieg auf 16 °C Mitte März folgte bis Ende März in Augsburg ein ständiger Abfall bis auf Null Grad mit leichten nächtlichen Frosttemperaturen. Zum gleichen Zeitpunkt war es in Antalya um 22 °C wärmer! Am 25. März schneite es in Südbayern noch einmal. Um diese Zeit befanden sich manche gerade ausgewinterten Schildkröten schon im Freiland. Dies zeigt, wie wichtig eine in kalten Nächten heizbare Schutzhütte für die Tiere ist – wenn man sie nicht am Abend wieder ins Haus holen möchte.
In der Folge erhöhten sich die Tagestemperaturen im Raum Augsburg zwar wieder, doch am 8./9. April fiel das Thermometer nachts bis auf - 6 °C: zum Leidwesen der Hobbygärtner erfroren viele Blüten. Doch dann wurde es auch in Südbayern endgültig Frühling: Ende April war es in Augsburg vorübergehend sogar noch etwas wärmer als in Antalya. Doch am 20. und 21. Mai erfolgte mit nur 10 °C Tageshöchsttemperatur wieder ein Kälteeinbruch; in Antalya war es in diesen Tagen gleich um 20 °C wärmer. Ende Mai erreichten die Temperaturen dann auch bei uns die 30-Grad-Marke und waren nicht sehr unterschiedlich von den Werten im türkischen Antalya. Mit Ausnahme des 20. und des 21. Mai war der Monat Mai ein recht warmer (und trockener) Monat. Dies ist auch der Grund dafür, warum der Frühling 2008 bei uns um 0,7 °C wärmer war als der langjährige Durchschnittswert.
 
Sommer 2008: stark schwankende Temperaturen
Der (deutsche) Juni war für die mediterranen Landschildkröten im Freien bis auf wenige Tage ein idealer Monat, denn der Monat begann mit Höchstwerten um 30 °C. Allerdings bewirkte die Schafskälte zur Monatsmitte hin einen vorübergehenden Kälteeinbruch auf 5 °C ! Der Juli war dagegen eher wechselhaft, denn die Höchstwerte schwankten von einem Minimum bei 10 °C bis zu einem Maximum bei 25 °C.
Ähnlich verlief auch der August: um den 7. August verzeichneten wir tagsüber „tropische“ Temperaturen um 30 °C; Mitte August kühlte es sich aber vorübergehend bis auf 5 °C ab! Wegen des warmen Monats Juni war der Sommer bei uns insgesamt betrachtet trotzdem sogar um 1 °C wärmer als dem Langzeitmittel entspricht.
 
Der Herbst: kühler September – freundlicher Oktober
Im September zogen viele wolkenreiche Tiefdruckgebiete durch unsere Gegend und so ließ sich auch die Sonne nicht allzu oft sehen; es war relativ kühl. Je nach Region lagen die Temperaturen im September um 1 bis 5 °C unter dem langjährigen Schnitt, so dass wir unsere europäischen Landschildkröten nicht sehr häufig beim herbstlichen Sonnenbad beobachten konnten. Im Oktober war es dann zwar wieder wärmer, doch in dieser Zeit stimmten sich viele Schildkröten bereits auf die bevorstehende Winterruhe ein.
 
Winter
Die Temperaturen im Dezember2008 fühlten unsere Pfleglinge nicht mehr direkt (bis auf die, die im Freien überwinterten), da sie bereits in der Winterstarre waren. Nachfolgend eine Übersicht über die Tageshöchst-Temperaturen von Antalya und Augsburg während der letzten Dezember- und der ersten Januartage 2008/09:

 

 Tag   Antalya*    Augsburg**
 28. Dezember 2008   n.b.   + 0,8
 29. Dezember 2008  15 (Schauer)   - 1,5
 30. Dezember 2008   13   - 0,8
 31. Dezember 2008    14 (Regen)   + 0,6
 1. Januar 2009   n.b.   - 2,0
 2. Januar 2009  14   - 3,8
 3. Januar 2009   14 (Regen)   n.b.
 4. Januar 2009   13 (Regen)  - 2,3
 5. Januar 2009  13 (Schauer)    n.b.
 6. Januar 2009   n.b.   - 4,3
 7. Januar 2009   17 (Schauer)    


 *) Vorhersage der Tageshöchsttemperatur auf der Basis des Wetters vom Vortag
**) gemessene Lufttemperatur um 15 Uhr (Wetterstation Augsburg)
 
Wie wohl wild lebende Schildkröten (im Raum Antalya) überwintern?
Interessante Frage: wie sieht eigentlich die Winterruhe der mediterranen Landschildkröten in ihren diversen südeuropäischen Ursprungsgebieten aus? Leider findet man in der Fachliteratur dazu nur sehr wenige verlässliche Angaben . Bei den hier angegebenen Tageshöchsttemperaturen für die südtürkische Küstenstadt Antalya um die Jahreswende 2008/09, die freilich durch das im Dezember mit 21 °C Wassertemperatur noch recht warme Mittelmeer beeinflusst werden dürfte, ist mir jedenfalls nicht bange, wenn in meinem Keller-Überwinterungsraum mit den Maurischen und Griechischen Landschildkröten die Temperatur im Winter einmal für eine Woche über 10-12 °C hinaus ansteigen sollte. Zweifel habe ich außerdem, was die in der Schildkröten-Literatur zu findende lange Überwinterungsdauer europäischer Landschildkröten von etwa drei bis vier Monaten im natürlichen Verbreitungsraum anlangt. Ob die Winterruhe der Tiere in der Natur tatsächlich so lange andauert - wenn die Umgebungstemperaturen im November / Dezember noch nahe 20 °C sind und im März schon wieder bei 20 °C liegen? Viele berechtigte Fragen ...
Dieses nicht uninteressante Thema wird uns bei schildi-online.eu noch länger beschäftigen: zunächst einmal soll das tägliche Wetter in Antalya als einem typischen Lebensraum von Testudo graeca ibera konsequent bis etwa Ende März 2009 verfolgt werden. 
 
  
PS: Sämtliche in diesem Artikel erwähnten Temperaturen gelten für den Schatten.
 
 
Dieser Artikel wurde am 12. Januar 2009 online gestellt.

von Anne Flörchinger, Speyer


Rechtzeitig zur Beendigung der Winterstarre unserer europäischen Landschildkröten und der bevorstehenden Schildkröten-Saison 2009 im Freien hat Frau Flörchinger im nachstehenden Beitrag in aller Kürze die wichtigsten Informationen zur Fütterung von Landschildkröten zusammengestellt. So mancher Leser mag über die Fülle der in Frage kommenden Pflanzen und Kräuter über Löwenzahn und Klee hinaus überrascht sein. In Wirklichkeit bietet die Natur sogar noch mehr an geeigneten Futterpflanzen. Wer mehr dazu erfahren möchte, beispielsweise über die in den einzelnen Pflanzen und Kräutern enthaltenen Nährstoffe und Mineralstoffe, sei auf die Fachliteratur verwiesen, insbesondere da in den letzten Monaten zwei neue Bücher erschienen sind, die ausschließlich das Thema Schildkrötenfütterung behandeln. Auch das Buch „Aufzucht europäischer Landschildkröten-Babys“ geht auf 12 Druckseiten auf diese Thematik ein.
Horst Köhler 


(1) Grünfutter
Füttern Sie Ihrer Schildkröte an Grünfutter alles, was Sie auf ungedüngten Wiesen und in Kräutergärten finden. Gesund und lecker sind zum Beispiel: Löwenzahnblätter mitsamt Blüte, Vogelmiere, Klee, Huflattich, Malve, Brennnessel, Rotklee, Giersch, Geißfuß, Storchschnabel, Vogelwicke, Taubnessel, Zaunwinde, Klettenlabkraut, Platterbse, Echte Kamille, Hibiskus, Disteln, Glockenblume, Kapuzinerkresse, Wegwarte, Schafgarbe, Salbei, Bärlauch, Dach- und Hauswurz, Wegerich sowie verschiedene Gräser. Zusätzlich kann man auch Wurzeln, Knollen und Blätter von Karotten und Kohlrabi sowie diverse Salatsorten füttern. Doch auf Salat sollten Sie nur spärlich und dann umsteigen, wenn Sie gerade keine Möglichkeit haben, die oben genannten Wildkräuter zu füttern. 
  

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Bild 1: Frisch ausgesäte Wildkräuterwiese im Frühjahr. Die Pflanzen wachsen innerhalb weniger Tage heran und vermehren sich rasch. So haben die Schildkröten-Pfleger immer die Möglichkeit, ihre Tiere optimal und gesund zu ernähren.

 Falls Sie keine eigene Kräuterwiese haben, können Sie diese ganz einfach mit speziellen käuflichen Wildkräutersamen anlegen (Bild 1).
 
(2) Gemüse und Obst
An Gemüse kann man Schildkröten geraspelte Karotten, Salatgurke, Fenchel, Paprika und Petersilie reichen (2x pro Woche). Tomaten sollten Sie nur sehr selten verfüttern, da sie Bitterstoffe (Oxalsäure) enthalten und (mit nur 0,4) ein sehr ungünstiges Kalzium-Phosphorverhältnis aufweisen (ein wünschenswertes Verhältnis wäre z.B. 2,0).
Obst sollten Sie Ihrer Landschildkröte nur ein Mal pro Woche spärlich geben (und wenn, dann vorzugsweise in der warmen Jahreszeit, wenn die zur vollständigen Verdauung von Obst notwendigen Temperaturen vorhanden sind; Ergänzung von Horst Köhler). Erdbeeren, Äpfel sowie ab und zu ein Stückchen Banane (jedoch niemals zu viel, sonst besteht Verstopfungsgefahr) bieten den Tieren eine willkommene Abwechslung. Beerenfrüchte wie die Himbeere oder Heidelbeere werden auch gerne gefressen. Beachten Sie jedoch, dass Obst sehr zuckerhaltig ist.
Wichtig! Achten Sie darauf, dass das Futter nicht aus gedüngtem Anbau stammt. Waschen Sie lieber vor dem Verfüttern alles gut ab.
 
(3) Landschildkrötenfutter aus dem Zoofachhandel
Das im Zoofachhandel angebotene Landschildkrötenfutter ist leider meist sehr ungesund für Ihr Tier. Es enthält sehr viel Eiweiß und besteht meist nicht aus natürlichen Stoffen. Falls Sie sich doch entscheiden, ein Produkt aus dem Zoofachhandel zu verfüttern, dann studieren Sie in jedem Fall die Futterzusammensetzung und reichen dieses Zusatzfutter nur ein Mal monaltich.
Wichtig! Füttern Sie niemals Hunde- oder Katzenfutter. Die Tiere lieben dieses Futter zwar, aber es macht sie auf Dauer krank und kann bis zum Tod führen. Auch Nudeln, Reis und andere Produkte für Menschen sind absolut ungeeignet für die Ernährung von Landschildkröten.
 
(4) Heu
Einmal in der Woche sollten Sie für Ihre Schildkröte(n) einen „Heutag“ einlegen. Bieten Sie dem Tier an diesem Tag nur Heu an und achten Sie darauf, dass immer genügend frisches Wasser zur Verfügung steht. Gutes Heu erkennt man daran, dass es saftig- bis dunkelgrün und nicht gelb oder gar grau ist. Außerdem beinhaltet es Wiesenblumen.
Im Idealfall sollte Heu täglich auf dem Speiseplan Ihrer Landschildkröte stehen. Bringen Sie einfach eine Heuraufe im Schildkrötenhaus an. So kann sich Ihr Tier je nach Bedarf selbst mit Heu versorgen. Zweckmäßig ist es, Landschildkröten, die noch nie Heu gefressen haben, erst dadurch langsam daran zu gewöhnen, dass man dem gewohnten Futter kurz geschnittenes Heu untermischt.
 
(5) Kalk und Vitamine

Kalk sollte der Landschildkröte immer zur Verfügung stehen. Hierfür eignen sich Sepiaschalen sowie Eierschalen. Legen Sie die Sepiaschale einfach ins Gehege. Ihre Schildkröte wird sich dann je nach Belieben bedienen. Ihr Tier weiß schon selbst ganz genau, wann es den Kalk benötigt. Kalk ist für Ihr Tier lebensnotwendig, da es der Panzerbildung dient und Muttertieren bei der Bildung der Eierschalen hilft.
Eierschalen können klein geraspelt und ab und zu über das Futter gestreut werden. Vitaminpräparate aus dem Zoofachhandel sollten Sie möglichst meiden. Sie sind meist viel zu hoch dosiert und können zu einer Vitamin-A-Vergiftung (Ablösung der Haut) führen.
  

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Bild 2: Unser Glattrand-Gelenkschildkröten-Männchen beim Verspeisen von Romana- und Feldsalat, der mit Agrobs-Fibre angereichert wurde. Salat sollte nur sehr spärlich verfüttert und wenn, dann zusätzlich mit getrocknetem Wildkräuterfutter zur Erhöhung des Rohfasergehaltes angereichert werden.

 
 (6) Zusatzfutter
Wenn Landschildkröten einmal aus irgendeinem Grund, z.B. im Winter, Salat (jeglicher Art) erhalten, sollte dieser durch Überstreuen mit einem Trocken-Kräutergemisch (z. B. von Agrobs) angereichert werden (Bild 2). Auf diese Weise erhalten die Schildkröten die dringend von ihnen benötigten Stoffe.
Außerdem gibt es beispielsweise von der Firma Agrobs Heupellets, die aus Wiesengras gepresst werden. Sie sind meiner Auffassung nach dann das gesündeste Futter für Landschildkröten, wenn einmal keine frischen Wiesenkräuter zur Verfügung stehen. 
 
Der Schildkröten-Liebhaber sollte stets verschiedene Wildkräuter in getrockneter Form vorrätig haben (Bild 3). Diese Wildkräuter sollten immer über das Frischfutter gestreut werden, um den Rohfaseranteil der Nahrung zu erhöhen, können aber natürlich auch als Einzelfutter gefüttert werden.
  

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Bild 3: Diese Aufnahme zeigt unser speziell für Landschildkröten zusammengestelltes Bio-Wildkräuterfutter mit einer Blütenmischung. Das Trockenfutter ist sehr reich an Rohfaser und daher optimal sowohl als Allein- als auch als Ergänzungsfutter geeignet. Alle Fotos stammen von Anne Flörchinger.

 
(7) Und wie oft soll gefüttert werden?
Füttern Sie die Landschildkröten morgens und abends, da die Tiere in der Mittagszeit meist schlafen. Bieten Sie jedoch nur so viel Futter an, wie die Landschildkröten auch fressen. Im Freigehege können sich die Tiere zusätzlich nach Belieben mit Gras und Wildkräutern bedienen.
 
 
Dieser Beitrag wurde am 2. März 2009 online gestellt.

von Petra Kösterke, Rödinghausen


Es war 1957, und wieder bekam ich, damals 12 Jahre alt, nicht den heiß ersehnten Hund. Meine Mutter, begeisterte Kaufhausbummlerin, entdeckte dort eines Tages eine Schildkröte. „Die macht ja nur wenig Dreck und man muss auch nicht Gassi gehen.“ So kam Schilli zu uns, für 10 DM, mit einem kleinen Buch über Ernährungs- und Haltungs-Tipps. Leider stand in den damaligen Broschüren allerhand Unsinn, u. a. die Empfehlung, Hunde- und Katzenfutter als Schildkrötennahrung zu verwenden. Dafür fanden wir aber einige brauchbare Hinweise zur Winterruhe.

Wir versetzten uns in die Heimat der Schildkröte und taten unser Bestes. Schilli, eine Vierzehen-Landschildkröte (Testudo horsfieldii),gedieh prächtig. Dann kam der Herbst und das Tier wurde müde und träge. Es kam in eine Holzkiste mit Holzwolle, natürlich nach einem ausgiebigen, lauwarmen Bad. Einige Tage hörten wir noch ab und zu ein Rascheln, aber dann war es für lange Zeit ruhig. Im nächsten Frühjahr saß Schilli eines Tages oben auf der Holzwolle in ihrer Kiste. Sie war fit, hungrig und aktiv. Und sie erfreute uns Jahr um Jahr und wuchs und wuchs....
Wir hatten nach meinen heutigen Erfahrungen durch Zufall in all den Jahren einiges richtig gemacht, auch mit der Winterstarre. Das Haus hatte einen Keller zum Norden und es war dort, wie in einem Altbau, recht kalt.

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Diese Aufnahme vom Sommer 2004 zeigt von links die Steppenschildkröten Leopold (2 Jahre alt), Toni (4 Jahre), Kim (4 Jahre) und Nikki (3 Jahre alt).

Nach und nach kamen einige T. horsfieldii dazu. Jahre später wurden dann in unserem Neubau unterschiedliche Keller, Garagen und ein Holzgartenhaus für die Winterruhe getestet. An Substrat für die Winterkiste wurden unter anderem Papierschnipsel, Holzwolle, Blumenerde, Heu, Stroh, etc ausprobiert. Seit einigen Jahren überwintern jetzt meine Tiere in Pinienrinde, obenauf Buchenlaub. Das kann nicht so schnell schimmeln und es ist einfach festzustellen, ob es zu trocken ist. Sobald die Blätter knistern, wird vorsichtig mit der Blumenspritze die Oberfläche etwas eingenebelt.
Auch die Horsfieldii überwintern nicht gern extrem trocken und sie sollten auch in der Übergangszeit, falls sie dann im Terrarium gehalten werden, nicht in zu trockenem Substrat leben.
 
Durch regelmäßige Temperaturmessungen in den vergangenen Jahren nehme ich jetzt einen Kellerraum zum Norden, der ganz gekachelt ist und die notwenige Temperatur von unter 8 Grad in der Zeit der Winterstarre sichert. Je nach Wetter halte ich das Fenster etwas geöffnet; nur bei extremer Kälte wird es ganz geschlossen.

Seit den 90er Jahren, durch den Kontakt zu Dr. Braune, der Schildkröten zu seinen Lieblingen zählte, führe ich auf seinen Wunsch Listen zur Gewichtskontrolle meiner Testudo horsfieldii. So entstanden auch die Tabellen über den Gewichtsverlust meiner Vierzehen-Schildkröten während der Winterstarre.
 
Grundsätzlich werden bei mir auch alle Jungtiere vom ersten Lebensjahr an eingewintert , da sie ohne Winterstarre unter anderem zu schnell wachsen und dies für ihre Entwicklung absolut schädlich ist und sie auch anfälliger für Krankheiten macht. Nur eine Ausnahme gab es hier: Brauni, die ich sehr krank übernommen habe (siehe www.landschildkroetenbabies.de). Aber auch bei ihr habe ich nach ihrer langen Quarantänezeit regelmäßig die Hibernation eingehalten.

 
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In der Tabelle habe ich die Gewichte und Gewichtsverluste von vier männlichen Tieren für den Zeitraum 2000 bis 2009 aufgeführt. Leopold, der beim Schlupf nur 11 g wog, ging erst Mitte Januar in seine erste Winterruhe, nachdem er ein Gewicht von 28 g erreicht hatte.
 
Toni - Jahrgang 2000 / 15. August 22g  
Kim - Jahrgang 2000 / 20.September 16g 
Nikki - Jahrgang 2001 / 8. August 15g
Leopold - Jahrgang 2002 / 6. September 11g 

Am Beispiel von Leopolds erster Winterstarre 2002/2003 zeige ich hier auf, wie man den Gewichtsverlust auf einfache Weise in % ermittelt:
die Schildkröte wog zu Beginn der Winterruhe 28 g und verlor während der Winterstarre 2 g an Gewicht (siehe Tabelle). Damit ist der prozentuale Gewichtsverlust 2 x 100 ./. 28 = 7,1 %, also etwa 7 %.
 
Kim hat den vergangenen Winter 2008/09 bei mir im Keller verbracht. Leopold hat die Winterruhe in Vlotho im Keller erlebt. Die erste Winterstarre im Kühlschrank haben Nikki in Ansbach und Toni in Bünde sehr gut überstanden (alle Gewichte sind aus der Tabelle zu entnehmen).
 
In den 80er Jahren hatte sich in drei Wintern hintereinander eine meiner Schildkröten tief in das Wurzelwerk einer Zeder eingegraben. Im Frühjahr stellten wir fest (beim Nachgraben der Höhle), sie hatte sich ca. 60 cm tief und zudem im Zickzack an den Wurzeln entlang gebuddelt. An Gewicht hatte sie kaum verloren und war in all den drei Jahren einige Tage vor den Schildkröten, die im Keller den Winter verbrachten, aus dem Erdreich hervorgekommen.
 
Eine Schildkrötenfreundin von meinem Schildkröten-Stammtisch suchte vor der Winterstarre 2008/09 eine ihrer Vierzehen-Landschildkröten vergebens im Gewächshaus. Anfang März 2009 tauchte das Tier dann plötzlich wieder putzmunter von selbst auf und erfreute das Frauchen durch ausgiebigen Appetit.
 
So werden hier einige von uns in den kommenden Jahren den Tieren die Möglichkeit bieten, sich unter den Schutzhütten und Gewächshäusern einzugraben. Wichtig ist dann natürlich ein sicherer Schutz vor Fressfeinden und vor Frost.
 
Bei allen drei Orten für die Winterstarre, Keller - Kühlschrank - Garten, waren die Gewichtsverluste meiner Testudo horsfieldii gleich.  
Früher habe ich die Tiere nur jeweils vor und nach der Winterstarre gewogen. Da ich in all den Jahren in und nach der Winterruhe nie ein Tier verloren habe, gab es für mich auch keine Veranlassung, während der Hibernation die Tiere zu stören. Durch eine Reihe von Publikationen und den Erfahrungsaustausch angeregt, wiege ich jetzt trotzdem auch während der Ruhezeit. Um die Tiere nicht unnötig zu stressen, wird dieses natürlich sehr vorsichtig durchgeführt.
 
Sobald die Tiere oben in ihren Kisten sitzen, werden sie schrittweise an eine höhere Temperatur gewöhnt. Sie kommen zwei Tage in einen Raum mit ca. 10 bis 15 Grad (siehe Bild), dann in den Wintergarten; erst zwei Tage ohne Lampen. Langsam steigere ich die Einschaltzeit der Wärme- und der UV-Lampen. In der Woche nach der Ruhezeit bade ich die T. horsfieldii zwei Mal in lauwarmem Solidago-Tee. Oft sehe ich danach auf der Waage schon 1 bis 2 g mehr (der Feuchtigkeitsverlust wurde ausgeglichen). Innerhalb von wenigen Tagen liegt durch die normale Futterration das Gewicht bei meinen Tieren schon oft über dem Gewicht kurz vor der „Einwinterung“.

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Auf diesem Foto ist Kim zu sehen, wie er gerade aus der Winterstarre 2008/2009 aufwacht.
Beide Fotos und die Tabelle stammen von der Autorin.


Hohe Gewichtsverluste führe ich unter anderem zurück auf zu trockenes Einfüllmaterial.
 
Durch Wiegen über viele Jahre hinweg habe ich bei Jungtieren von T. horsfieldii folgende Erfahrung gemacht:
Tiere, die in den letzten Wochen vor der Winterstarre stark zugenommen hatten, verloren hin und wieder weit über 10 % ihres Gewichtes während der Winterstarre. Nach dem ersten bzw. zweiten Bad war aber dieser Verlust wieder ausgeglichen. 
 
Also keine Angst vor der Winterruhe und bitte nicht aus lauter Bequemlichkeit, wie ich leider oft erfahren habe, das Tier erst gar nicht in die Winterstarre geben. Als Schildkrötenhalter haben wir eine große Verantwortung für unsere Tiere übernommen. Wenn wir unsere Schildkröten schon fern ihrer Heimat zu unserer Freude in unseren Breiten halten, sollten wir ihnen auf jeden Fall die für ihre Gesundheit notwendige Winterstarre gewähren.
 
Jahr für Jahr ist es doch immer wieder eine große Freude, wenn unsere Schildkröten uns im Frühjahr in den Kellern, Kühlschränken oder draußen in den Gärten anzeigen, dass der Frühling kommt. Und uns erwartet wieder eine schöne Zeit mit unseren Tieren.
 
Dieser Beitrag wurde am 5. April 2009 online gestellt.

Pro und Contra Schildkrötenhaltung auf dem Balkon

von Horst Köhler, Friedberg


Einleitung
Eine schlechte, wie ich meine unberechtigte Buchkritik („das Buch ...  hinterlässt einen sehr zwiespältigen Eindruck“) verpasste mir vor einiger Zeit Fritz Würthrich bei der Besprechung meines Buches „Aufzucht europäischer Landschildkröten-Babys“, abgedruckt in der Schweizer Vereinszeitschrift TESTUDO im März 2009. Seinen Unwillen erweckte vor allem meine neutrale Haltung gegenüber einem Balkon-Schildkrötengehege (ausdrücklich als Notlösung unter ganz bestimmten Voraussetzungen und natürlich nur dann gedacht, wenn kein Garten als Auslauf für die Tiere zur Verfügung steht). Allein die Hälfte seiner Buchkritik widmete er diesem Punkt: Als Babys für ein Balkongehege gekaufte Schildkröten würden früher oder später, so führte er aus, in Auffangstationen oder sogar im Abfallcontainer landen, da sie unverkäuflich seien, vor allem die Männchen. Außerdem seien Tiere keine Ware und man trenne sich nicht von ihnen - was ich für den Fall angeregt habe, dass eine Schildkröte(n) mit den Jahren für ein Balkongehege zu groß geworden ist (sind).
 
Ich stehe jedoch weiterhin zu meiner Meinung, insbesondere da ich sowohl Balkonghege als auch Garten-Freigehege besitze und so den direkten Vergleich habe. Zunächst zur letzten Aussage: Es zeugt von großer Tierliebe und Verantwortung, wenn eine zu groß gewordene Schildkröte schweren Herzens deswegen abgegeben wird, weil sie beim neuen Besitzer in einem Gartengehege artgerechter gehalten werden kann als zuvor im Gehege auf dem Balkon. Dass ältere Schildkröten unverkäuflich sein sollen, ist mir neu, mache ich doch als Züchter jedes Jahr die gleiche Erfahrung, dass so mancher Schildkröten-Freund durchaus ein älteres Tier, auch ein Männchen, erwerben würde, wenn er nur eines bekommen würde. Auch manche Züchter suchen mitunter ganz gezielt nach geschlechtsreifen Tieren. Vielleicht ist ja die angebliche Unverkäuflichkeit auch nur die Folge überzogener Schildkrötenpreise in der Schweiz? Dass auf dem Balkon als Jungtiere gehaltene Schildkröten möglicherweise irgendwann einmal „übrig“ sind, ist keineswegs ein Problem der Balkonhaltung. Im Gegenteil: Ich möchte nicht wissen, wie viele für Kinder gekaufte Schildkröten trotz eines vorhandenen Gartens lieblos gepflegt werden, weil die Kinder das Interesse an ihnen verloren haben oder aus dem Haus sind. Ich möchte auch gar nicht wissen, wie viele Schildkröten durch auseinanderbrechende Beziehungen einer unsicheren Zukunft entgegensehen (z.B. weil nach der Trennung der bisherige gemeinsame Garten nicht mehr zur Verfügung steht). Und es gibt leider immer noch die Schuhkarton- oder Kistenhaltung von Landschildkröten im Abstellraum – dagegen ist ein Balkongehege geradezu ein „Eldorado“.
 
Was gegen das Balkongehege spricht
Wer als Schildkröten-Besitzer einen eigenen Garten besitzt oder das Glück hat, einige Quadratmeter eines fremden Gartens für seine Tiere mitbenutzen zu können, für den sollte sich die Frage eines Balkongeheges gar nicht erst stellen, denn es gibt nichts Besseres als ein gut strukturiertes Freigehege mit Schutzhütte im Garten. Ein Schildkröten-Balkongehege kann immer nur zweite Wahl sein; meiner Meinung nach jedoch ist es immer noch besser als ein Terrarium in der Wohnung (Köhler, 2008).
 
Hier zunächst die Nachteile eines Geheges für (europäische) Landschildkröten auf dem Balkon:
 
(1) Platzbeschränkung: Da die meisten Wohnungsbewohner nur über einen Balkon mit überschaubarer Grundfläche verfügen, der zudem bei schönem Wetter auch noch selbst genutzt wird, ist die Größe der Schildkröten-Balkongehege auf wenige Quadratmeter Fläche begrenzt. Dies bedeutet, dass nur eine, allerhöchstens zwei ausgewachsene Schildkröten gehalten werden können. Zwar lassen sich im Balkongehege mehrere kleine Tiere aufziehen, doch spätestens im Alter von fünf oder sechs Jahren steht der Halter vor einem ernsthaften Platzproblem, vor allem wenn die Schildkröten streiten sollten: Denn eine Abtrennung wie im Gartengehege ist beim Balkongehege kaum realisierbar. Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss man zur Abgabe zu groß gewordener Schildkröten bereit sein – oder man hat Glück und verfügt zu diesem Zeitpunkt doch noch über einen eigenen Garten.
 
(2) Witterungseinflüsse: Balkone sind in der Regel nach Süden oder Südwesten ausgerichtet, so dass die Sonne im Sommer an heißen Tagen unbarmherzig auf das Schildkrötengehege brennen kann. Die Mittagstemperaturen können im Juli/August auf einem Südbalkon auf über 40 °C ansteigen, reichen also an die Letaltemperatur der Tiere heran. Es ist also keineswegs so, dass es auf einem Balkon zu kühl und zu schattig ist (Aussage in einem Internet-Forum). Trotzdem müssen wir auch noch im August gelegentlich mit einzelnen recht kalten Nächte im einstelligen Temperaturbereich rechnen.
Bei starken, stürmischen Regenschauern regnet es zumindest abschnittsweise auch in ein offenes Gehege auf einem Südbalkon hinein. Befindet sich der Besitzer gerade in Urlaub und kann das Regenwasser außerdem nicht ablaufen, droht unter Umständen eine Überschwemmung.
 
(3) Luftzug:
Je nach Lage des Balkons und der Position des Schildkröten-Geheges zieht es zeitweise kräftig, was bei einem zu niederen Rand des Balkon-Geheges zu Erkältungen bei den Landschildkröten führen kann.
 
Der unbestreitbar größte Nachteil des Balkongeheges ist seine begrenzte Fläche, die zwangsläufig die Zahl, die Größe, aber auch die Art der gepflegten Tiere beschränkt: die groß werdenden Sporn- und Pantherschildkröten sind die falschen Pfleglinge für eine Balkonhaltung; ähnliches gilt meiner Meinung nach auch für die sehr lauf- und kletterfreudigen Vierzehen-Schildkröten (Testudo horsfieldii). Wer dies nicht akzeptiert, sollte sich von dem Gedanken einer Balkonhaltung von Schildkröten von vornherein verabschieden. Die Haltung einer Schildkrötengruppe von mehr als zwei ausgewachsenen, d.h. geschlechtsreifen Tieren im Balkongehege ist Tierquälerei!
Gegen die erwähnten Witterungs- und Windeinflüsse kann sich der Halter jedoch durch eine entsprechende Platzierung des Geheges (z.B. Aufstellung in der Balkonecke) und durch technische Maßnahmen sehr gut schützen. Derartige Vorkehrungen sind: Abschattungsmöglichkeit und Unterschlupfhöhle; ausreichend hohe Substratschicht, so dass sich die Schildkröten bei übermäßiger Hitze oder bei Kälte vergraben können; teilweise Abdeckung; kleine Schutzhütte im Gehege; einschaltbare Bodenheizung für kalte Nächte; Wasserablauf gegen eine etwaige Überschwemmung bei Dauerregen; entsprechend hohe Seitenwände als Windschutz, siehe dazu die Bilder in diesem Artikel*.
Als Alternative zu den meisten dieser Maßnahmen besteht noch die Möglichkeit, die Tiere bei bevorstehenden kalten Nächten in die Wohnung zu holen.
 
Vorteile des Balkongeheges
Den Hauptvorteil des Balkongeheges sehe ich darin, dass damit auch Personen Zugang zu einem schönen Hobby finden können, die (vielleicht ja auch nur vorübergehend) keinen eigenen Garten besitzen bzw. keinen fremden mitbenutzen können. Zweitens sind die Tiere in einem Balkongehege immer noch besser aufgehoben als in einem vergleichbar großen, viel teureren Innenterrarium: die Schildkröten auf einem Balkon sind der natürlichen Sonnenstrahlung ausgesetzt (selbst die teuerste Reptilienlampe kann die Sonne nicht ersetzen), leben nicht Woche für Woche und Monat für Monat, wenn wir ehrlich sind, artwidrig bei völlig identischen klimatischen Bedingungen und können sich durch die nachlassende Sonnenwärme und -Helligkeit im Herbst viel artgerechter als im Terrarium auf die bevorstehende Winterstarre einstellen.
 
Drittens sind Schildkröten-Babys im Gehege auf dem Balkon nicht den Gefahren durch Fressfeinde (Ratten, Marder, Greifvögel, gfls. auch Hunde) wie im Gartengehege ausgesetzt. Der bei einer Unterbringung von Schildkröten-Babys im Garten-Aufzuchtgehege nötige, nicht gerade schön aussehende Netz- oder Gitterschutz erübrigt sich auf dem Balkon. 

Einen vierten und letzten Vorteil sehe ich schließlich darin, dass die Schildkröten-Saison bei einer Unterbringung der Tiere auf dem Balkon verlängert werden kann. Sowohl im Frühjahr zu Beginn der Saison als auch im Herbst, wenn das Schildkrötenjahr zu Ende geht, wirft die Sonne wegen ihres niedrigen Standes am Himmel am Boden lange Schatten, was den Untergrund im Gehege schnell feucht-kalt werden lässt, während es zu den gleichen Zeiten auf dem Balkon schon bzw. noch sonnig, warm und vor allem trocken ist.

BalkonBild1kleinBild 1: Das einfachste, preiswerteste und sofort nach dem Kauf verwendbare Balkongehege ist ein so genanntes Nagerheim mit aufgesetztem Gitterschutz (hier mit der Deckelklappe nach links geöffnet). Zur Schaffung eines eher feuchten Bereiches ist die Fläche vom unteren Ende bis etwa zur Korkhöhle mit Moos belegt (auf dem Foto nicht erkennbar). Damit dieses nicht zu schnell vertrocknet, wird es (und auch die Pflanze) bei sonnigem Wetter täglich kräftig gegossen. Foto von Horst Köhler.

 

 

 

 

 

 

 


Beispiele ausgeführter Balkongehege
Bild 1: Das einfachste und zugleich auch preiswerteste Balkongehege, das auf diesem Bild in der Ostecke meines „klassischen“ Südbalkons aufgestellt ist, ist ein handelsübliches Nagerheim aus dem Zoo- bzw. Baumarkt. Das hier abgebildete misst (außen) 1,0 x 0,53 m und kostet mit Gitteraufsatz knapp 40 €. Die hochgezogene Plastik-Bodenschale hält den Wind ab, der Gitteraufsatz ermöglicht ein Abschatten an heißen Tagen, hier mit Hilfe einer einfachen Strandmatte (hinten, mit Hilfe von Wäscheklammern gegen Wegwehen gesichert; hier wegen des Fotos ganz zurückgeschlagen). Wegen des offenen Oberteils besteht auch keine Gefahr einer Überhitzung an heißen Sommertagen; ein automatischer Fensterheber kann natürlich deswegen entfallen. In der Bodenschale befindet sich neben einer Futterplatte und einer Trink- bzw. Bademöglichkeit ein gegen Verschieben beschwertes Schlafhäuschen in Form einer umgedrehten Styroporbox und eine Korkrindenhöhle als Rückzugsmöglichkeit bei starker Hitze und zugleich als Klettermöglichkeit.
Solche Gehege gibt es bis zu 1,40 m Länge und 60 bis 70 cm Breite; dies würde für eine oder zwei Landschildkröten mit max. 14-15 cm Stockmaß noch ausreichen – wobei mehr Lauffläche natürlich immer besser ist als nur das Minimum.
 
Besetzt ist das Gehege zurzeit mit zwei meiner eigenen griechischen Nachzuchten, die im August 2009 drei Jahre alt werden. Wie sich erst jetzt herausgestellt hat, handelt es sich um ein Pärchen. Das größere der beiden Tiere hat ein Stockmaß von 10 cm. Dafür wäre nach den „Mindestanforderungen für das Halten von Reptilien“ für beide Schildkröten eine Mindestfläche von 0,8 x 0,4 m erforderlich; dies ist weniger, als ich den beiden Tieren zur Verfügung stelle. Im nächsten Sommer werden die zwei ohnehin das Freigehege im Garten mit ihren Elterntieren teilen.
Eine Beheizung ist nicht vorgesehen: kündigt der Wetterbericht sehr kalte Sommernächte oder kalte Tage an, kommen die beiden „Griechen“ entweder zum Übernachten in eine vorbereitete Box oder in ein Terrarium; beides steht nur zwei Meter vom Balkongehege entfernt in meinem Arbeitszimmer. Das weniger als eine Minute dauernde Hin- und Hertragen der Schildkröten stört die beiden nicht im Geringsten. 
 
Bild 2: Dieses Balkongehege ist 120 x 80 cm groß und steht auf dem Südwest-Balkon eines Schildkrötenfreundes, der hier nicht namentlich genannt werden möchte. Er hat zwei im Schildkröten-Spezialhandel erhältliche fertige, zusammenklappbare Umrandungen von je 20 cm Höhe aufeinander gestellt, das Innere mit Teichfolie ausgelegt und dann 20 cm hoch mit Erde aufgefüllt. Wie auf dem Bild zu sehen ist, ist das Gehege liebevoll bepflanzt und teilweise mit Kalksplitt, teilweise mit Muschelgritt bedeckt. Auf der Stirnseite vorne links befindet sich ein Durchgang zu einem 50 x 40 cm großen und 40 cm hohen Schutzhäuschen (am unteren Bildrand gerade noch zu erkennen), dessen Deckel über eine 15-W-Deckelheizung verfügt. Die Wärme kommt also, wie in der Natur auch, von oben und nicht von unten.

 

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Bild 2: Zu diesem Balkongehege gehört noch ein ganz unten links teilweise erkennbares Schutzhaus mit beheizbarem Dach, in das die zwei Schildkröten-Bewohner durch eine Öffnung in der unteren Stirnwand gelangen können. Rechts außen sind die Alltop-Platten abgestellt, mit denen das Balkongehege bei Regenwetter abgedeckt wird. Foto von Privat. 


Bei schlechtem Wetter wird das Gehege mit verschiebbaren Alltop-Platten abgedeckt. Sie sind von der Hauswand ausgehend nach außen schräg aufgelegt, so dass es nicht in das Gehege hineinregnet und das Regenwasser gut ablaufen kann.
Ganz fertig ist das Balkongehege, in das Anfang April 2009 erstmals zwei kleinere Schildkröten einzogen, noch nicht: für schlechtes Wetter soll es noch eine Wärmelampe erhalten.
 
Bild 3: Dieses Gehege auf einem Süd-Westbalkon mit zwei Landschildkröten gehört Miriam Arndt, die dankenswerterweise auch das Foto zur Verfügung gestellt hat. Es ist 2 x 1,50 m groß, hat also eine Bodenfläche von 3 m². Es besteht aus vier je 40 cm hohen Holzbrettern, die mit Winkeln verschraubt sind. Von außen ist eine Teichfolie mit Pins und einem starken Klebeband an den Brettern befestigt. Damit das Regenwasser nicht zwischen Bretter und Folie gelangt, hat die Besitzerin die oberen Bretterkanten mit einem Fensterdichtungsband abgeklebt. Abgedeckt ist das Gehege mit einer selbst gerahmten Alltop-Platte mit automatischem Fensterheber. Der Fensterheber öffnet ab einer Temperatur von etwa 30 °C und kann das Dach bei maximaler Stellung 45 cm weit öffnen (Vertikalmaß).
 
 

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Bild 3: In diesem Balkongehege aus Holz leben Julius und Cleopatra, die beiden neun- bzw. achtjährigen Landschildkröten von Miriam Arndt. Cleopatra hat in diesem Gehege bereits im Jahr 2008 Eier gelegt - Versteckmöglichkeiten und ein ausreichend tiefes Substrat sind ja vorhanden. Foto von Miriam Arndt.

Wie man aus Bild 3 sieht, befindet sich links hinten ein Schutzhaus. Es hat eine Deckelheizung über einen Thermotimer, d.h. die Heizung schaltet bei Erreichen einer frei wählbaren Tiefsttemperatur ein; wird diese Temperatur zu einem späteren Zeitpunkt wieder überschritten, schaltet die Heizung wieder aus. Zusätzlich ist für kühlere Tage eine normale Wärmelampe vorgesehen (im Vordergrund); sie wird über eine Zeitschaltuhr ein- und ausgeschaltet.
Durch die Balkonbrüstung gibt es im Gehege immer sowohl Schatten- als auch Sonnenplätze.
 
Das einzige Problem ist, so sagt die Besitzerin, dass sie den Wetterbericht verfolgen muss, weil sie sich erst dann entscheidet, ob der Deckel den ganzen Tag über offen bleiben kann (das ist eigentlich meist der Fall) oder nicht. Bleibt er bei ungünstiger Wettervorhersage zu und es wird dann doch ein sehr heißer Tag, müssen sich die beiden Schildkröten bei Abwesenheit der Pflegerin mit dem Öffnungsspalt zufrieden geben, den der automatische Öffner freigibt, was natürlich nicht sehr ideal ist.
Sowohl im Frühjahr als auch im Herbst gibt es kein Problem mit dem Halten der Temperaturen. Die Tiere werden auf dem Balkon bis Ende November bei Temperaturen bis herunter zu 6 °C für die Winterstarre vorbereitet; erst dann kommen sie zur Überwinterung in den Kühlschrank. Im März kommen sie dann direkt aus dem Kühlschrank zur Auswinterung wieder auf den Balkon.
Eine Dauerlösung ist es trotzdem nicht, so die Meinung von Miriam Arndt, und auf keinen Fall für mehr als zwei Schildkröten geeignet.
 
Fazit: Aber die große Masse der Schildkrötenhalter besitzt ja nach meinem Eindruck nicht etwa 10 oder gar 20 Schildkröten wie ein Schildkrötenzüchter, sondern nur eine oder vielleicht noch zwei.
Kompromisslose Kritiker der Balkonhaltung von nur einer Schildkröte oder zwei müssen sich fragen lassen, warum sie zwar nichts gegen ein 1 bis 2 m² großes, im Garten stehendes Schildkröten-Frühbeethaus aus 16-mm-Doppelstegplatten mit Beheizungsmöglichkeit für kalte Tage und Nächte und Fensteröffner für heiße Tage einzuwenden haben, aber lauthals Kritik üben, wenn genau das gleiche Haus auf dem Balkon steht …
 
 
Literatur:
Köhler Horst (2008): Aufzucht europäischer Landschildkröten-Babys. 180 Seiten, Schildi-Verlag Augsburg, Postfach 102926, 86009 Augsburg, Fax 0821/781149, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 
 

Dieser Beitrag wurde am 22. April 2009 online gestellt.