Riesenwachstum: die bisher größten gefundenen Maurischen Landschildkröten, Testudo graeca (ibera)

von Horst Köhler, Friedberg

 

Fundjahr

Fundregion

Carapaxlänge, mm

Finder

Quelle

Geschlecht

Gewicht

Juni 1987

Südbulgarien, nahe der griechischen Grenze

ca. 389 (berechnet)

Waldarbeiter

Beshkov, 1997

Männlich

5,86 kg (1)

1897 ?

Südostbulgarien, nahe der türkischen Grenze

370

H. Shkorbil

Shkorbil, 1897 zit. von Beshkov, 1997

männlich

(2)

?

Vermutlich Bulgarien

364

?

Beshkov, 1997

männlich; präpariertes Exponat im Naturwissenschaftl. Museum Sofia (3)

September 2008

Rumänien, MMNP (4)

325

 

Soler et.al., 2008

weiblich

5,98 kg

1901/02 ?

Rumänien

305

Boulanger ?

Boulanger, 1902, zit. von Lambert, 1982

weiblich

3,6 kg

Juli 1933

Südostbulgarien, nahe der Grenze zur Türkei

303

I. Buresh

Buresh et.al. 1933, zit. von Beshkov, 1997

männlich; präpariertes Exponat im Naturwissenschaftl. Museum Sofia

Mai 2009

Rumänien, MMNP (4)

301

Cogalniceanu

Cogalniceanu et.al., 2010

männlich

ca. 4,9 kg (berechnet)

Tabelle: Die sieben größten wild lebenden Maurischen Landschildkröten, Testudo graeca ibera, incl. zweier Museumsexemplare, zusammengestellt vom Autor nach diversen Literaturangaben. Reihenfolge mit abnehmender gestreckter Carapaxlänge (Stockmaß) in Millimeter.

(1)  Dieses Tier wurde nach dem Fund von V. A. Beshkov in Sofia untersucht, im bulgarischen Fernsehen und der Landespresse präsentiert und dann nach zwei Monaten in menschlicher Obhut wieder am genauen Fundort ausgesetzt. Durch nicht artgerechte Fütterung von hauptsächlich Früchten hatte das Tier in dieser kurzen Zeit bis auf etwa 7 kg zugenommen.

(2)  Frühester bekannt gewordener Fund. Da damals alle bulgarischen Landschildkröten mit Testudo graeca bezeichnet wurden, ist fraglich, ob es sich bei dem aufgefundenen Tier auch tatsächlich um Testudo graeca ibera gehandelt hat und nicht um T. hermanni (beide Arten kommen in Bulgarien in verschiedenen Regionen im gleichen Lebensraum vor, siehe auch Bild 1 des Artikels „Erwachen frei lebender europäischer Landschildkröten aus der Winterstarre“, 1. Teil, Rubrik „Berichte & Artikel“ von www.schildi-online.eu). Es existieren weder genaue Angaben noch sind Teile der Schildkröte erhalten.

(3)  Der ursprüngliche Exponatsanhänger mit Angabe des Fundortes und der Fundzeit ist verloren gegangen.

(4)  MMNP = Macin Mountains National Park, Provinz Dobrogea (nördliche Grenze des Vorkommensgebietes von T.g.i., geschützte Fläche ca. 113 km2).

 

RiesenschildkroetekleinBild 1: Das in der letzten Tabellenzeile aufgeführte, sehr alte Männchen, aufgenommen am 15. Mai 2009 am Fundort, ist heute vermutlich eines der größten noch frei lebenden männlichen Maurischen Landschildkröten. Ein Team von vier Wissenschaftlern der bulgarischen Universität Konstanza und des Imperial College London fand das Tier während einer Feldexkursion im bulgarischen Macin Mountains National Park in 400 m Höhe an der im Bild gezeigten Stelle. Mein Dank geht an Prof. Cogalniceanu für die Überlassung dieses noch unveröffentlichten Fotos und für die Erlaubnis, es im Zusammenhang mit diesem Artikel veröffentlichen zu dürfen.



Bei der in der Tabelle aufgeführten Carapaxlänge handelt es sich jeweils um die gestreckte Länge. Die Liste umfasst nur Funde von wild lebenden Schildkröten mit Carapaxlängen über 300 mm; sie widerlegt damit die Aussage so mancher Autoren, die die Maximalgröße der Maurischen Landschildkröte bei 300 mm sehen. Es fällt auf, dass von den sieben sehr großen Testudo graeca ibera fünf männlichen Geschlechts sind und entweder in Bulgarien oder in Rumänien gefunden wurden. Wer also die Absicht hat, besonders große Maurische Landschildkröten in der Natur zu finden, zu fotografieren und zu beobachten, sollte Bulgarien und Rumänien zum Ziel seiner Exkursion wählen.

Zwei der in der Tabelle aufgeführten  Männchen hatten ein Körpergewicht von fast 5 bzw. fast 6 kg. Da die Weibchen dieser Art größer und schwerer werden (können) als Männchen, ist nicht ausgeschlossen, dass wild lebende ibera-Weibchen von über 6 kg Gewicht existieren.

 

Zwar führt V. A. Beshkov in seinem im Jahr 1997 erschienenen Artikel in der Fachzeitschrift Chelonian Conservation and Biology (Beshkov, 1997) auch eine Reihe von kleineren T.g.i. zwischen 250 und 300 mm Carapaxlänge auf, darunter unter anderem Maurische Landschildkröten aus Russland, Georgien und Syrien. Interessant erscheint, dass es bisher offensichtlich nur eine einzige Schildkröte aus der Türkei, gefunden um 1966 von den beiden Österreichern J. Eiselt und F. Spitzenberger, in diese „Rangliste“ der sieben schwersten bzw. größten Tiere geschafft hat, obwohl die Türkei ein riesiges Verbreitungsareal der Art darstellt. Diese Schildkröte besaß eine Carapaxlänge von 252 mm.

 

Doch ich selbst fand Ende Mai 2006 in der Südtürkei, am Fuß des Taurusgebirges, ein mit 253 mm Carapaxlänge sogar noch geringfügig größeres, weibliches Tier (Bild 2), das ich genau vermessen und fotografieren, leider nicht aber wiegen konnte, da der Messbereich der auf die Exkursion mitgenommenen Waage nicht ausreichte (Köhler, 2007). Später errechnete ich das Gewicht dieser Maurischen Landschildkröte aus den Gewichten und Abmessungen kleinerer Tiere der gleichen Art im gleichen Verbreitungsraum durch Extrapolation zu ca. 3,7 kg. Noch eine kleine Begebenheit zu diesem - für mich - besonderen Fund: als ich in der Nähe des Fundortes in einem abseits gelegenen Bauernhof nach einer geeigneten Waage zum Wiegen der Schildkröte fragte, nahm mir der weder deutsch- noch englischsprechende Bauer die Schildkröte ab und sperrte sie unter einer umgedrehten größeren Plastikbox ein, die er mit zwei großen Steinen beschwerte. Da ich am anderen Morgen noch weitere Fotos von der Schildkröte machen wollte, suchte ich den Bauer nochmals auf, nicht zuletzt, um ihn durch Zahlung einiger Euros dazu zu bringen, das Tier wieder freizulassen. Er ging mit mir hinter sein Haus in den Garten, doch siehe da, die Box war nur noch mit einem statt mit zwei Ziegelsteinen wie am Vortag beschwert – und leer. Die sehr kräftige Schildkröte hatte es also geschafft, während der Nacht ihrem sehr ungewissen Schicksal zu entgehen. Der Bauer war aufgeregt und böse und suchte auf dem gesamten Gelände nach dem Tier. Ich war dagegen unendlich erleichtert, fürchtete ich doch ernsthaft um das Leben der großen Schildkröte; da nahm ich es auch hin, dass ich keine zusätzlichen Schildkrötenfotos mehr machen konnte und mich mit fünf Dias vom Vortag zufrieden geben musste.

 

RiesenschildkroeteKemerBild 2: Mit zu den zwei oder drei in Fachzeitschriften veröffentlichten Angaben zu den größten bisher lebend in der Türkei gefundenen Testudo graeca ibera zählt dieses Tier, das ich Ende Mai 2006 bei Schildkrötenbeobachtungen  und -Vermessungen in der Südtürkei fand. Zum Größenvergleich: der mitfotografierte Objektivdeckel rechts neben dem Kopf des Tiers hat 75 mm Durchmesser. Das hochrückige Weibchen besaß einen Längsumfang von 63 cm und einen Querumfang von 50 cm. Das Bild ist leider nicht (mehr) sehr scharf: ich hatte vor Ort auf Diafilm fotografiert; für eine Veröffentlichung wurde das Dia danach eingescannt. Die hier verwendete Aufnahme wiederum ist eine aus der Druckdatei rückverwandelte jpg-Datei, die noch verkleinert werden musste. Durch all diese Bearbeitungsstufen leidet natürlich die Bildbrillanz. Die Erstveröffentlichung von Fotos dieser großen Schildkröte erfolgte in Schildkröten-Im-Fokus 4(3) 2007.

 

Vermutlich wird sich die Zahl wild lebender Maurischer Landschildkröten mit außergewöhnlicher Körpergröße trotz gelegentlicher Funde in Grenzen halten, zumindest wird in der Fachliteratur kaum etwas darüber berichtet. Dass „Riesenschildkröten“ unter Testudo graeca ibera in der Natur eher sind, zeigt sich schon daran, dass Cogalniceanu mit seinem Team unter 101 gefundenen und vermessenen Schildkröten nur eine sehr große fand (letzte Zeile der Tabelle). Von den 100 übrigen Schildkröten hatte die zweitgrößte eine Carapaxlänge von „nur“ 255 mm (gegenüber 301 mm beim großen Tier); die durchschnittliche Carapaxlänge aller vermessenen Tiere lag bei „nur“ 200 mm.

 

Allen Schildkrötenliebhabern, die Biotope auf der Suche nach Landschildkröten durchstreifen, sei geraten, nicht nur den Fotoapparat, sondern zumindest ein Maßband zur evtl. Vermessung größerer Tiere mitzunehmen (evtl. möglich sind auch Aufnahmen, die neben der Schildkröte zum Größenvergleich einen Kugelschreiber, den Objektivdeckel oder ähnliches zeigen). Noch besser wäre die Mitnahme einer Waage bis zu 5 kg Gewichtsbereich, um die Größe und das Gewicht eines Tieres am Fundort ohne jegliche Zweifel (Umrechnung) dokumentieren zu können.

 

Große Exemplare auch bei der Ostrasse der Griechischen Landschildkröte

Riesenwachstum gibt es nicht nur bei den Maurischen Landschildkröten, Testudo graeca ibera, sondern auch bei den ostgriechischen Vettern, Testudo hermanni boettgeri. Leider findet sich in den meisten historischen Beschreibungen keine Fundortangabe, doch die größten Tiere wurden ebenfalls in Bulgarien gefunden (Beshkov, 1977):

eine sehr große T.h.b., vermutlich ein Männchen, wurde bereits im Jahr 1915 von einem Lehrer nördlich der bulgarischen Stadt Kotel in 1.050 m Höhe (!) gefunden; das Tier hatte eine maximale Carapaxlänge von 314 mm und wog zu Lebzeiten etwa 6,5 kg. Heute befindet sich diese Schildkröte als präpariertes Exponat Nr. 111-49/15 im Nationalen Naturwissenschaftlichen Museum der Stadt Sofia.

Vor fast 30 Jahren, im Juli 1973, traf V. A. Beshkov im südwestlichen Bulgarien in ebenfalls über 1.000 m Höhe nach eigenen Angaben eher zufällig auf ein weibliches Tier  T.h.b. mit ungefähr 357 mm Carapaxlänge (Beshkov, 1997). Der Finder hatte jedoch weder eine Kamera bei sich, noch war er in der Lage, die große Schildkröte zu transportieren und ließ sie daher am Fundort wieder frei. Leider sind deshalb keine genaueren Angaben bekannt, doch dürfte es sich bei diesem Tier um die bisher größte lebend aufgefundene Testudo hermanni boettgeri handeln.

 

Abschließend sei noch angemerkt, dass auch in menschlicher Obhut befindliche Landschildkröten eine außergewöhnliche Größe erreichen können, vor allem dann, wenn sie bei begrenzter Auslaufmöglichkeit stark gefüttert werden.

 

Literatur:

Beshkov Vladimir A. (1997): Record Sized Tortoises, Testudo graeca ibera and Testudo hermanni boettgeri, from Bulgaria. Chelonian Conservation and Biology, 2 (4): 593-596

Cogalniceanu Dan et.al. (2010): An extremely large-spur-thighed tortoise male (Testudo graeca) from Macin Mountains National Park, Romania. Herpetology Notes, Vol. 3: 045-048

Köhler Horst (2007): Betrachungen zu Gewichten von Testudo graeca ibera aus der Südwest-Türkei. Schildkröten-Im-Fokus 4 (3), 11-19

Soler Joaquim et.al. (2009): Testudo graeca ibera: The Eurasian Spur-Thighed Tortoise in Romania. REPTILIA, 64, 39-44

 

Weitere Berichte zur Maurischen Landschildkröte Testudo graeca ibera in dieser Website:

Rubrik „Interessante Publikationen“:

Nochmals zum Thema Standorttreue

Standorttreu: wild lebende Landschildkröte in der Türkei nach zwei Jahren wiederentdeckt

Rubrik „Frage & Antworten:

Geschlechtererkennung bei Maurischen Landschildkröten, Testudo graeca ibera

Rubrik „Berichte & Artikel“

Über Schwimmverhalten, Gewichte und Gewichtskurven (Wachstumskurven) von Landschildkröten

Erwachen maurischer Landschildkröten im Raum Antalya (Südtürkei) Mitte Februar 2010, 2. Teil

Erwachen frei lebender europäischer Landschildkröten aus der Winterstarre, 1. Teil

Was wiegen Landschildkröten im natürlichen Verbreitungsraum?

 

Dieser Beitrag wurde am 25. April 2011 online gestellt.